Mittagszeit in Berlin-Steglitz. Ein ruhiger Park mit Teich, mehreren Sitzbänken und noch recht wenigen Menschen. Hier sitzt Mandy Weber (Name von der Redaktion geändert) auf einer Parkbank. Sie ist alleinerziehende Mutter, hat zwei Söhne, die sieben und dreizehn Jahre alt sind, und lebt vom Bürgergeld. Wenn Miete, Strom, Internet und Lebensmittel bezahlt sind, bleiben ihr 200 Euro für sich und ihre kleine Familie. Geld, das für Kleidung, Freizeit und Taschengeld für die Kinder reichen muss. Weber, die lange in der Pflege gearbeitet hat, musste ihren Job aufgeben, weil ihr Sohn pflegebedürftig ist. Die 30-Jährige ist arm. Und wird es voraussichtlich auch bleiben. Und ihre Kinder ebenfalls.
Jedes fünfte Kind in Deutschland von Armut betroffen
Webers Söhne sind zwei von mehr als 2,8 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die in Armut aufwachsen oder davon gefährdet sind. Das ist mehr als jedes fünfte Kind, so geht es aus den Zahlen des Kinderreports 2023 hervor. Ein Weg aus dieser Situation soll die Kindergrundsicherung sein, das hat sich die Ampelkoalition zumindest vorgenommen. Ein Gesetz, bei dem die verschiedenen staatlichen Leistungen für Kinder und Jugendliche in einem Paket gebündelt werden. Ein Vorhaben, das das Leben für Menschen wie Weber einfacher machen soll. Aber wie blickt sie als Betroffene selbst darauf?
Weber schüttelt mit dem Kopf, als das Thema der Kindergrundsicherung aufkommt: „Ich finde, das ist Bullshit!“ Sie sorgt sich, dass am Ende viel weniger Geld zur Verfügung steht, wenn es mit den anderen Leistungen verrechnet würde. Laut Regierung soll jedes Kind mindestens 250 Euro erhalten. Hinzukommen soll ein Zusatzbetrag, der sich nach der Einkommenshöhe der Eltern errechnet. Wie hoch diese Beträge sein werden, ist derzeit noch unklar. Weniger soll es auf keinen Fall werden, derzeit streitet die Regierung, ob es gleich viel oder mehr werden soll. Doch dass Menschen wie Weber das nicht zu glauben scheinen, zeigt, wie stark die Diskussion um das Projekt viele Leute verunsichert hat.
Teilhabe an Gesellschaft fällt Weber schwer
Im Alltag fällt Weber immer wieder auf, dass sie weniger Geld hat als andere: „Wenn ich sehe, wie andere Eltern mit ihren Kindern ins Restaurant gehen, macht mich das traurig und neidisch zugleich“ sagt sie. Sie fragt sich, wie sie ihren Kindern gutes Benehmen im Restaurant beibringen soll, wenn der Besuch so teuer ist. Aber auch Weihnachten, Geburtstage und Rummel-Besuche sind schwierig für die 30-Jährige. Weber würde ihren Kindern gerne mehr bieten. Mehr als Spaziergänge, Filmabende zu Hause oder ab und an mal ein Eis essen, sei nicht drin. Im Urlaub war sie mit ihren beiden Kindern noch nie.
Gerade sind Sommerferien. Aber schon jetzt macht sich Weber Sorgen um das kommende Schuljahr. Ihr siebenjähriger Sohn ist, wie sie selbst sagt, ein Schulverweigerer. Er macht Ärger in der Schule und muss deswegen die nächsten zwei Jahre in einer Klasse mit insgesamt fünf Kindern unterrichtet werden. Zudem hat er aufgrund eines Herzfehlers und seiner diagnostizierten Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) den Pflegegrad 2. Sie pflegt ihn selbst und muss aufgrund seiner Launen immer abrufbereit sein. In der Schule ist er deutlich schlechter geworden, Nachhilfe bekommt sie vom Jobcenter keine finanziert. Der gestellte Antrag wurde grundlos abgelehnt, sagt sie.
Leben in Armut: Weber fühlt sich von der Gesellschaft abgestempelt
Ihr 13-jähriger Sohn braucht außerdem einen neuen Schulranzen. Wie sie ihm diesen ermöglichen soll, weiß sie nicht. 174 Euro Zuschuss für die Schulmaterialien pro Kind zahlt das Amt. Aber so teuer, wie gerade alles sei, reiche das nicht, sagt Weber. Hinzu kommen noch die Kosten für Schulbücher, Weber rechnet mit weiteren 100 Euro. „Ich werde meinem Sohn gebrauchte Schulbücher kaufen müssen,“ sagt sie. Sie befürchtet, dass ihr Sohn deshalb ausgegrenzt werden könnte. „Das belastet mich sehr,“ sagt sie.
Sie selbst hat oft das Gefühl, wegen ihrer Lebensumstände von der Gesellschaft abgestempelt zu werden. Weber, die in Berlin-Neukölln ebenfalls arm aufgewachsen ist, war 16 Jahre alt, als sie Mutter wurde. Ihre beiden Kinder stammen von verschiedenen Vätern. Unterhalt zahlen beide nicht. Ohne die Hilfe von Familie und Freunden wäre alles noch viel schwieriger. Sie habe sich mittlerweile an das Leben gewöhnt, aber es gäbe auch Tage, an denen sie am liebsten im Bett bleiben würde. „Alles, was nicht in der Oberschicht lebt, sondern in der unteren Mittel- und Unterschicht, wird gerne mal von der Politik vergessen,“ sagt sie. Ob die Kindergrundsicherung kommt und wie genau sie aussehen wird, ist Weber egal. Sie glaubt ohnehin nicht, dass das Gesetz irgendwas verbessern würde.