Kinderhospizarbeit in Leonberg Kunst aus den Scherben des Lebens
Dass Hospizarbeit nicht nur Schwere und Tristesse bedeutet, zeigt der Leonberger Hospizdienst für Kinder und Jugendliche mit einer besonderen Aktion.
Dass Hospizarbeit nicht nur Schwere und Tristesse bedeutet, zeigt der Leonberger Hospizdienst für Kinder und Jugendliche mit einer besonderen Aktion.
Kleine Finger pflücken bunte Steinchen aus runden Plastiktöpfchen, manche enthusiastisch, manche behutsam. Welche Farben soll das Mosaik haben? Auswahl gibt es wahrlich genug: Schillernde, türkisfarbene Perlen gibt es hier, leuchtend blaue, viereckige Fliesen, feine Glassplitter mit geschliffenen Kanten und runde Steinchen, die in den Farben des Regenbogens leuchten. Dann kommt ein Klecks Spachtelmasse auf die Unterlage, wird fachmännisch verstrichen, bevor Kinderhände eifrig ihre bunten Schätze hineindrücken.
Ein kunstvolles Mosaik nach dem anderen entsteht so an einem Samstagnachmittag im Leonberger Hospiz. Die bereitgestellten Basteltische sind schnell bis auf den letzten Platz belegt. Manche Kinder kuratieren ihr Mosaik höchstkonzentriert, manche freuen sich über jede Fliese mit hellem Lachen. Der ambulante Hospizdienst für Kinder und Jugendliche, ein Angebotszweig des Leonberger Hospizes, hat zum Aktionstag geladen – wie viele andere Kinderhospizdienste in Deutschland auch. Aufmerksam gemacht werden soll so auf die wichtige Arbeit der Kinderhospizdienste.
Am Leonberger Standort in der Seestraße wird anlässlich des Aktionstags gebastelt. Dass sich hier alles um bunte Mosaike dreht, hat auch einen thematischen Bezug: „Scherben können auch schön sein, man kann daraus etwas Neues erschaffen“, erklärt die Koordinatorin des ambulanten Hospizdienstes für Kinder und Jugendliche, Amelie Scheuerle. Gemeint sind auch die Scherben des Lebens – eben jene, die entstehen, wenn ein Kind schwer erkrankt oder verstirbt.
Und so bunt wie die glänzenden Mosaiksteine ist auch das Treiben in den Räumlichkeiten des Hospizes: Die Wände zieren farbenfrohe Naturbilder, Kinder wuseln durch die Gegend, große Fenster lassen helles Tageslicht hinein. „Viele denken, Hospiz, das ist schwer, traurig, Tod“, sagt Scheuerle. „Aber das Hospiz ist auch sehr lebendig.“ Auch, wenn hier alle ein Bewusstsein dafür haben, dass Lebenszeit endlich ist. „Man versucht hier, das Leben bis ins Letzte auszuschöpfen“, sagt Scheuerle.
Familien, die die Hilfe des Kinderhospizdienstes in Anspruch nehmen, bekommen eine individuelle Betreuung der Hospizmitarbeitenden. Neben der psychosozialen Betreuung des erkrankten Kindes ist der Dienst aber auch für die anderen Familienmitglieder da, sorgt für Entlastung im Alltag und unterstützt Kinder und Jugendliche im Trauerfall. Neben der Einzelberatung gibt es auch eine Gruppe, die „Sunshine Kids“. Hier finden traurige und kranke Kinder Platz, aber auch Geschwisterkinder. „Der Fokus liegt in den Familien oft auf dem kranken Kind“, erklärt Sabine Fesenmayr, Sprecherin des Leonberger Hospizes. Die Geschwister sollen aber keine „Schattenkinder“ sein – auch deshalb hat sich die Gruppe einen so sonnigen Namen gegeben.
Mit Aktionen wie dem Mosaikbasteln anlässlich der Tage der Kinderhospizarbeit will man im Leonberger Hospiz auch darauf aufmerksam machen, dass es dieses Angebot überhaupt gibt. „Es ist wichtig, dass bekannt ist, dass es Hilfe gibt und dass die kostenlos ist“, sagt Amelie Scheuerle. „Die Familien erleben Ausnahmesituationen im Leben. Wir sind da.“
Außerdem ist man im Hospiz auch auf der Suche nach zusätzlichen Ehrenamtlichen, die zur Betreuung in die Familien gehen können. Freiwillige will man im Mai nachschulen, erklärt Scheuerle. 100 Stunden Theorie und 40 Stunden Praxis umfasst die Ausbildung. „Da geht es viel um Nähe und Distanz“, sagt die Leiterin des Kinderhospizdienstes. „Und um die Frage: Bin ich dem gewachsen?“
Aktuell kümmern sich rund 24 Ehrenamtliche um die betroffenen Kinder und Familien. Eine konkrete Kapazitätsgrenze hat der Dienst nicht. „Wir versuchen, so viele wie möglich aufzunehmen“, erklärt Scheuerle. Manche Familien würden die Angebote des Dienstes über viele Jahre in Anspruch nehmen, manche nur kurzfristig. Wie genau die Ehrenamtlichen in den Familien unterstützen, ist dann individuell. „Die Einzelbetreuung ist sehr bedarfsorientiert“, berichtet Maren Heger. Sie hat am Hospiz eine Teilzeitstelle, unterstützt aber auch ehrenamtlich in den Familien.
Etwa in der von Nicole: Die Mutter aus Ditzingen ist mit zwei ihrer Töchter zum Mosaik-Basteln gekommen. Ihr drittes Kind ist verstorben, das Hospiz begleitet die Familie schon lang. „Für uns war das fast lebensnotwendig“, erzählt Nicole. Wichtig war ihr, dass die beiden Töchter den Verlust des Geschwisterkindes psychisch gut überstehen. „Ich weiß nicht, ob wir das in dieser emotionalen Situation selbst geschafft hätten.“