Kinderkram-Kolumne Hinter schwäbischen Gardinen

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Kinder sprechen kaum mehr Dialekt. Politiker wollen das ändern. Endlich. Dann wirft einem niemand mehr den schwäbischen Migrationshintergrund vor.

Wer kein schwäbisch kann, muss nachschlagen. Foto: dpa
Wer kein schwäbisch kann, muss nachschlagen. Foto: dpa

Stuttgart - In grauer Vorzeit, damals also, als es der Vorzeit noch graute, wuchs man auch im Großraum Heutingsheim als Einsprachler auf. Dialekt war keine Option, Dialekt isch älles gwä, was mr ghet hen. Schwäbisch war damals nicht nur Muttersprache, Schwäbisch war gleichzeitig auch Vatersprache, Großmuttersprache, Tantensprache, Onkelsprache (also Dode- und Dedesprache). Die erste Fremdsprache war Hochdeutsch, also das, was die Herrschaften rund um Hannover für Standard hielten und all die anderen nördlich der Benrather Linie, die die zweite Lautverschiebung gar nicht erst mitgemacht haben. Für Sprachwissenschaftler gehört Schwäbisch jedenfalls zum Oberdeutschen.

Später, als Heutingsheim mit zwei anderen Dörfern zur Stadt Freiberg am Neckar verschmolzen wurde und sprachlich nach und nach über den Großraum Ludwigsburg hinauswuchs und immer mehr zu einem Großraum Baden-Württemberg wurde, war das Thema Oberdeutsch versus Hochdeutsch kein Thema mehr – weil alle nur noch eine mundartgefärbte Version des Standarddeutschen brummten. In diesem, nennen wir es Volker-Kauder-Deutsch, war es nicht mehr so, dass man in einer Gemeinde „oi Ei“ sagte, in der 200 Meter entfernten Nachbargemeinde „ei Oi“ und im wiederum nur 300 Meter entfernten Dorf „ei Ei“. Man sagte überall: „ein Ei“.

Besser Englisch als Schwäbisch

Wie sprachlich gleichgeschaltet man hier (und in fast allen anderen Mundartgebieten Deutschlands) lebt, merkt man so richtig erst an seinen eigenen Kindern. Bringt Sohn P. zum Beispiel eine Eins im Englischtest mit nach Hause und lobt man ihn dann dafür mit dem ureigenen schwäbischen Sonderlob („Besser wia a Gosch voll Glufa!“), sagt Sohn P. nur: „Wie bitte?“ Er spricht inzwischen besser Englisch als Schwäbisch, obwohl er mit Thaddäus Trolls „Wo kommet denn dia kloine Kender her?“ aufgeklärt wurde. Und auch Tochter E. hat zum hiesigen Dialekt eine sehr besondere Beziehung. „Schwäbisch ist cool“, sagt sie – „solange man es nicht sprechen muss.“

Beide lachen sich einen Ast (bronzad sich em iebrtragana Sinn also schier en d’Hos), wenn sie im SWR „Die Welt auf Schwäbisch“ hören, den Film „Die Kirche bleibt im Dorf“ sehen oder wenn sie diese eine Müsliwerbung (immerhin akzentfrei!) nachahmen: „Woisch Karle, des dud au dir gut. Ond a gscheids Eeel fir dei Vrdauung!“ Schwäbisch ist also eher Folklore für die beiden. So wie für den Vater ein Läberwurschtbrot ohne Budder dronder.

Politiker wollen die Dialekte retten

Da kommt ein Versuch der bildungspolitischen Sprecher von CDU, SPD und Grünen hoffentlich gerade noch rechtzeitig. Albert Rupprecht, Ernst Rossmann und Özcan Mutlu wollen die Dialekte retten. Kinder sollen im Kindergarten und in der Schule wieder Mundart lernen, sagten sie vergangene Woche gemeinsam. Das sei gut für die Hirnentwicklung und passe in die bunte Welt von heute. Es wird also bald der Tag kommen, an dem man wieder Sachen sagen darf und kann wie „a Läberwurschtbrot ohne Buddr dronter isch halt d’Gosch vrseggelt“ oder „dia siaht aus wia en vrloffener Bachstoikäs“ – und niemand wirft einem mehr einen schwäbischen Migrationshintergrund vor.