Kindern Gewalt erklären „Mama, was ist Krieg?“

Psychologen und Pädagogen raten Eltern, Fragen über Krieg und Konflikte ernst zu nehmen und sie zu beantworten. Foto: Adobe Stock//Ievgen Chabanov

Der russische Angriff auf die Ukraine bleibt auch kleinen Kindern nicht verborgen. Was können Eltern tun, um Fragen zu klären und Ängste zu mindern?

Stuttgart - Viele beschäftigt derzeit vor allem ein Thema: Russlands Angriff auf die Ukraine. Das bekommen auch Kinder mit – und sie stellen Fragen. Doch wie sollen Eltern sie beantworten? Eine Medienpädagogin gibt Tipps.

 

Soll ich mit meinem Kind überhaupt über Themen wie Krieg sprechen?

Kinder kommen mittlerweile fast überall mit Medien in Berührung, zu Hause und bei Freunden genauso wie in der Schule. Bereits Grundschüler ab der dritten und vierten Klasse erfahren schon vieles über Smartphones. Psychologen und Pädagogen raten Eltern, Fragen über Krieg und Konflikte ernst zu nehmen und sie zu beantworten. Wenn Kindern jünger sind als sechs Jahre, sollte die Initiative „für ein solches Gespräch aber vom Kind ausgehen“, sagt Kristin Langer. Sie ist Medienpädagogin und Mediencoach bei der Initiative „Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht.“ Regelmäßig berät sie Eltern, wie man mit Kindern etwa in Katastrophenfällen kommuniziert.

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Soll ich mein Kind darauf ansprechen?

Aus ihrer Sicht ist es nicht nötig, dass Eltern ihre Jüngsten von sich aus über Krisen wie den Ukraine-Konflikt aufklären. „Das bedeutet nicht, dass man die Realität aussparen soll“, sagt Langer. Aber man müsse solche Dinge auch nicht thematisieren, wenn sie ein Kind nicht beschäftigen. Bei Schulkindern ist das anders. Die Medienpädagogin rät nachzufragen, ob etwa in der Schule oder mit Freunden über den Konflikt gesprochen wurde. Dann sei es wichtig zuzuhören und, falls Eltern das Gefühl haben, ihr Kind hat etwas nicht ganz richtig verstanden, das noch einmal zu erklären. „Oder auch Dinge, die gesagt wurden, einzuordnen.“

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Wie finde ich die richtigen Worte?

Stellen Kinder Fragen wie „Mama, was ist Krieg?“ empfehlen Entwicklungspsychologen erst einmal herauszufinden, was Kinder schon wissen. Mit Hilfe der Antwort können Erwachsene dann das Gespräch beginnen. Dabei sei es nicht wichtig, ins Detail zu gehen oder Mutmaßungen anzustellen, sondern die Situation nüchtern zu erklären. Ohne viele Emotionen und mit einfachen Worten. Außerdem helfen Beispiele. „Man könnte so etwas sagen wie: Stell dir vor unsere Stadt hat einen schlimmen Streit mit der Nachbarstadt. Weil sie sich nicht einigen können, will eine Stadt sich mit Hilfe von Waffen durchsetzen“, erklärt Langer. Was genau und wie viel erklärt wird, hängt vom Kind ab. „Eltern wissen am besten, welche Informationen sie ihrem Kind zumuten können oder was es ängstigt.“

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Dürfen kleine Kinder Nachrichten sehen?

Nach Ansicht von Medienpädagogin Langer nach sollten Kinder, die jünger sind als zehn Jahre generell keine Nachrichten für Erwachsene sehen, hören oder lesen. Bilder von Gewalt, Verletzungen, Waffen oder Menschen in Not „können Kinder schnell überfordern.“ Langer empfiehlt aber, Kindernachrichten gemeinsam anzuschauen oder – wenn die Kinder älter sind – zusammen im Internet zu recherchieren. Tauchen Fragen auf, können sie sofort besprochen werden.

Mein Kind hat Angst. Und jetzt?

Merken Eltern, dass ihre Kinder sich fürchten, ist es wichtig herauszufinden, was genau ihnen Furcht einjagt. „Das sind manchmal ganz andere Dinge, als Erwachsene vermuten“, sagt die Pädagogin. So sei es leichter Kinder zu trösten. Oft helfe es auch, Kinder zu fragen, was sie selbst gegen ihre Angst tun können. „Manche wollen laut schreien, andere darüber reden oder vielleicht sogar ein Eis essen. Das ist dann auch in Ordnung“, erklärt Langer. Am wichtigsten sei aber, Kinderängste ernst zu nehmen. Darin sind sich Pädagogen, Psychologen und Ärzte einig. Sätze wie „dafür bist du zu klein“ oder „das verstehst du noch nicht“ frustrieren Kinder oder verstärken Ängste.

Wie verhindere ich, dass mein Kind schlecht über alle Russen denkt?

Kinder denken gerne in klaren Kategorien. Aber bei Themen wie dem Ukraine-Konflikt ist es wichtig, dass sie erkennen, dass Menschen unterschiedlich sind, erläutert Langer. Nicht alle wollen und denken das gleiche, nur weil sie in einem Land wohnen. Wichtig sei nicht generell von „den Russen“ zu sprechen, sondern vom russischen Präsidenten und der russischen Regierung.

Wann ist ein guter Zeitpunkt?

Häufig stellen Kinder Fragen, die sie beschäftigen abends, wenn sie ins Bett gebracht werden. Geht es um Themen wie Krieg, rät die Medienpädagogin, die Frage erst einmal oberflächlich zu beantworten. „Vereinbaren sie lieber mit ihrem Kind, am nächsten Tag darüber zu reden.“ Grundsätzlich sei es wichtig, sich für solche Gespräche Zeit zu nehmen und einen ruhigen Moment zu wählen, zum Beispiel auf dem Heimweg nach dem Sport. Und nicht fünf Minuten vor dem nächsten Termin.

Kinderbücher über Krieg

Kindergartenkinder
 Isabel Minhós Martins, Bernardo P. Carvalho: „Hier kommt keiner durch!“, Bilderbuch ab 4 Jahren zum Thema Grenzen und Krieg, Klett 2016, 40 Seiten, 13,95 Euro; Anahita Teymorian: „Es ist Platz für alle!“, Bilderbuch ab 4 Jahren zum Thema Toleranz und Gemeinschaft, Carl-Auer 2020, 19,95 Euro

Grundschulkinder
 Louise Spilsbury, Hanane Kai: „Weltkugel 3: Wie ist es, wenn es Krieg gibt?“, Sachbilderbuch ab 5 Jahren zum Thema Globale Konflikte, Thienemann-Esslinger Verlag GmbH 2019, 32 Seiten, 10 Euro. Claude K. Dubois: „Akim rennt“, skizzenhaftes Bilderbuch ab 7 Jahre über das Schicksal von Flüchtlingskindern, Moritz Verlag 2013, 12,95 Euro  

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