Kinderorthopäde gibt Tipps O-Beine oder zu schwerer Schulranzen – worauf Eltern achten können

Studien beschäftigen sich mit dem Zusammenhang zwischen schweren Schulranzen und Rückenschmerzen. Foto: Ruckaberle

Muss man sich Sorgen machen, wenn das Kind anfangs Plattfüße hat? Und gibt es Wachstumsschmerzen überhaupt? Ein Kinderorthopäde klärt auf.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Carolin Klinger (klic)

Der Kinderorthopäde Sébastien Hagmann kritisiert, dass besorgte Eltern lange auf Termine bei Spezialisten warten müssen. Damit man sich vorab informieren kann, gibt der 46-Jährige Tipps.

 

Herr Hagmann, die meisten Eltern fangen wahrscheinlich an, sich über die Entwicklung des Kindes Gedanken zu machen, wenn das Kind laufen lernen sollte, oder?

Ja, genau. 90 Prozent der Arbeit eines Kinderorthopäden besteht darin, einzuschätzen, ob etwas normal ist oder den Eltern die Sorgen zu nehmen, weil sie befürchten, dass in der Entwicklung des Kindes etwas nicht normal abläuft. Wenn die Kinder anfangen zu laufen, dann meistens mit einem ziemlich ausgeprägten Plattfuß. Denn am Anfang ist das Bindegewebe noch sehr weich und die Muskulatur muss sich erst ausbilden. Ähnlich ist es bei der Beinstellung: Viele Kinder haben, wenn sie laufen lernen, noch ausgeprägte O-Beine. Das ist aber eine normale Entwicklung und sollte nach einer Weile wieder verschwinden. Auch ein Innendrehgang, bei dem die Zehen zu weit nach innen gehen, fällt vielen Eltern auf. Sie sehen das, vergleichen mit anderen Kindern und kommen dann zu uns in die Praxis, um das abklären zu lassen.

Können Sie bei diesen Fällen im Kleinkindalter – Plattfuß, O-Beine und Innendrehgang – direkt Entwarnung geben?

Das kommt darauf an. Es gibt auch seltene Fälle, bei denen etwas anderes dahinter steckt. Bei den O-Beinen, wenn sie nicht mehr weg gehen, könnte eine Mangelernährung der Grund sein. Das ist aber extrem selten geworden. Oder es gibt Erkrankungen, wie zum Beispiel Phosphatdiabetes, die das bewirken können. Beim Innenrotationsgang können wir die Eltern meist beruhigen, denn das ist sehr typisch im Kleinkindalter. Doch für die Eltern ist es gut, wenn sie sich bei einem Experten rückversichern können.

Kinderorthopäde Sébastien Hagmann Foto: Elmar Witt

Haben Sie Ihr Buch „Aus der Praxis eines Kinderorthopäden“ auch geschrieben, um die Eltern zu beruhigen, damit nicht mehr ganz so viele in die Praxis kommen müssen?

Ich finde es grundsätzlich nicht schlimm, wenn Eltern, die sich Sorgen machen, in die Praxis kommen. Das Buch soll auch kein Ersatz für Ärzte oder Physiotherapeuten sein. Doch das Problem ist, dass es sehr wenig niedergelassene Kinderorthopäden gibt und man meistens monatelang auf einen Termin warten muss. Das dauert den Eltern, die sich Sorgen machen, verständlicherweise zu lang. Ich habe das Buch vor allem geschrieben, damit man sich in der Zwischenzeit informieren kann. Da kann man schon reinlesen: Wie ist die normale Entwicklung und wo befindet sich mein Kind gerade? Damit man die Situation schon ein bisschen besser einschätzen kann und sich auch auf das Gespräch mit dem Kinderorthopäden vorbereiten kann.

Warum gibt es so wenige Kinderorthopäden?

Die Ärzte und Ärztinnen, die es machen, machen es aus Leidenschaft, doch es gibt keine adäquate Vergütung dafür. Die Behandlung eines Kindes ist oft aufwendiger, darüber hinaus kostet es Zeit, die zu Recht besorgten Eltern ausreichend aufzuklären. Doch diese Zeit ist im System nicht vorgesehen. Auch für profitorientierte Kliniken lohnt sich die Kinderorthopädie nicht. Deshalb werden Abteilungen geschlossen oder verkleinert, obwohl der Bedarf groß ist.

Übungen können helfen, wenn es mit dem Termin beim Orthopäde dauert

In Ihrem Buch gibt es viele Übungen, die man zu Hause machen kann. Gibt es viele Fehlstellungen, die man selbst durch Übungen verbessern kann?

Unsere Gesellschaft entwickelt sich immer mehr in Richtung Bewegungsmangel. Deshalb ist es in den meisten Fällen schon mal gut, wenn man in Bewegung kommt. Außerdem ist das Gefühl wichtig, etwas machen zu können, während man auf einen Termin wartet. Bestimmte Krankheiten lassen sich deshalb zwar nicht verhindern, aber es gibt tatsächlich Fälle, bei denen man etwas erreichen kann, wenn man frühzeitig mit Übungen ansetzt.

Sie haben den Bewegungsmangel schon angesprochen. Was wirkt sich noch negativ auf den Kinderkörper aus?

Das ist nicht so leicht zu beantworten, weil das kindliche Skelett unheimlich flexibel ist. Aber es ist auch unsere Aufgabe als Kinderorthopäden in die Zukunft zu schauen. Wir kümmern uns nicht nur um die akuten Probleme der Kinder, sondern schauen auch, was aus den Kindern wird, wenn sie erwachsen sind. Wenn man bedenkt, wie häufig Rückenschmerzen bei Erwachsenen auftauchen, ist es bestimmt eine gute Idee, frühzeitig vorzubeugen. Kinder neigen ganz selten zu Beschwerden, auch wenn sie einen sehr ungesunden Lebenswandel pflegen. Man legt aber den Grundstein für die Probleme im Erwachsenenalter.

Welche Rolle spielt ein schwerer Schulranzen?

Das ist ein umstrittenes Thema. Es gibt mehrere Studien, die keinen Zusammenhang zwischen einem zu schweren Schulranzen und Rückenbeschwerden beobachten konnten. Es gibt ein Zitat, das nicht von mir stammt: „Das Tragen des Schulranzens ist bei manchen Kindern noch der einzige Sport, den sie haben.“ Eine gesunde, kräftige Muskulatur schützt nicht nur vor Beschwerden, sondern auch vor Verletzungen.

Bewegung ist also wichtig, aber gibt es auch Sportarten, von denen Sie abraten?

Da bin ich vorsichtig. Ich glaube, es geht vor allem darum, ob der Sport dem Kind Spaß macht, denn nur dann bleibt es auch dabei. Es gibt natürlich sehr körperbetonte Sportarten wie American Football, aber die haben in ihren Richtlinien verankert, dass man mit den Kindern anders umgeht. Je kleiner ein Kind ist, desto weniger physischen, gewaltartigen Kontakt sollte es haben – das gilt für alle Kontaktsportarten. Aber das ist strikt reglementiert. Ich will also keine Sportart verteufeln.

Wenn eine orthopädische Einschränkung vorliegt, ist allerdings nicht jeder Sport geeignet, oder?

Es gibt bestimmte Erkrankungen, wie zum Beispiel das Wirbelgleiten, da wäre Kunstturnen nicht empfehlenswert.

Bei manchen Kindern platzen bestimmt auch Träume, wenn sie ihren Lieblingssport nicht mehr ausüben können.

Das ist manchmal hart. Zu uns kommen auch immer mal wieder angehende Spitzensportler, bei denen man entscheiden muss, ob derjenige guten Gewissens seinen Sport noch ausüben kann.

Schulzeit bedeutet weniger Bewegung

Wenn Kinder in die Schule kommen, müssen sie viel sitzen. Ist das ein Problem?

Es kommt darauf an, ob sie einen Ausgleich haben. Doch viele Kinder schauen auf dem Schulhof auf das Handy, statt Ball zu spielen. Da kommt es auch darauf an, wie viel Bewegungsangebote die Schulen machen. Wenn wir auf die Auswirkungen schauen, die der Bewegungsmangel später hat, wie viele Krankheitstage sich deswegen anhäufen, dann ist es eine gute Investition, bei den Schulen anzufangen und Bewegungsangebote zu integrieren.

Kinder im Schulalter können unter Wachstumsschmerzen leiden, doch die Schmerzen könnten auch andere, schlimme Ursachen haben. Sollte man das immer beim Arzt abklären lassen?

Ja, das würde ich auf jeden Fall machen, weil mögliche andere Diagnosen tatsächlich sehr schwerwiegend und sehr schnell gefährlich werden können. Wachstumsschmerzen, die tagsüber auftauchen, sind beispielsweise total ungewöhnlich. Das hat auch einen Grund, nämlich die Ausschüttung des Wachstumshormons in der Nacht. Ich würde in so einem Fall immer einen Kinderorthopäden hinzuziehen. Erst wenn alles andere ausgeschlossen ist, kann man sagen, dass es sich wahrscheinlich um Wachstumsschmerzen handelt.

Sébastien Hagmann

Zur Person
Prof. Dr. med. Sébastien Hagmann ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit dem Schwerpunkt Kinderorthopädie und spezielle orthopädische Chirurgie am Deutschen Gelenkzentrum in Heidelberg.

Autor
Hagmann hat aktuell im Thieme-Verlag das Buch „Aus der Praxis eines Kinderorthopäden – Was Eltern rund um die körperliche Entwicklung ihres Kindes wissen sollten“ herausgebracht.

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