Bei einem kleinen Festakt haben Mädchen und Jungen aus der Kita Pasodi Plakate mit ihren Rechten an die Scheiben geklebt. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone
Zum Tag der Kinderrechte hat die Kita Pasodi in Stuttgart-Vaihingen ihre neue Verfassung in Kraft gesetzt. Welche Spielräume haben die Mächen und Jungen? Und wo sind die Grenzen?
Es war ein Meilenstein: Am 20. November 1989 – vor 35 Jahren – unterschrieben die Mitgliedstaaten der Vereinigten Nationen die UN-Kinderrechtskonvention. Die Kita Pasodi in Vaihingen nahm das zum Anlass, um ihre neue Verfassung offiziell in Kraft zu setzen. In ihr ist festgelegt, was die Kinder selbst entscheiden dürfen, wie Entscheidungen zustandekommen und welche Grenzen es gibt.
Dabei sind die Spielräume weit gefasst. Die Mädchen und Jungen dürfen darüber bestimmen, ob, was und wie viel sie essen. Die einzige in der Verfassung festgeschriebene Ausnahme ist die Menge an Zucker und Zimt. Sie dürfen sich selbst aussuchen, welche Kleidung sie drinnen tragen, wobei sie aber mindestens eine Windel oder eine Unterhose anziehen müssen. Auch ob und wie lange sie schlafen möchten, entscheiden sie selbst. Die Mitarbeitenden können aber unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des Kindes darüber befinden, ob jemand ruhen muss. Sogar die Entscheidung, ob die Zähne geputzt werden oder nicht, liegt beim Kind.
Vieles, was nun in der Verfassung festgeschrieben sei, werde bereits gelebt, manches müsse sich nun aber erst einspielen, sagt die Einrichtungsleiterin Monika Lang. Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone/Lichtgut
Vieles sei ohnehin schon gängige Praxis, sagt die Einrichtungsleiterin Monika Lang. Neu sei aber zum Beispiel die Ausgestaltung der Kinderkonferenz, die einmal pro Woche stattfindet. „Da müssen wir Erwachsenen lernen, dass wir nicht zu viel bestimmen, dass wir einen Konflikt auch mal aushalten und ihn von den Kindern aushandeln lassen“, sagt Lang. In der Verfassung festgeschrieben ist, dass alle Mädchen und Jungen stimmberechtigt sind, Beschlüsse werden mit einfacher Mehrheit gefasst, aber nie gegen die Stimmen aller pädagogischen Mitarbeitenden. Zudem sollen die Kinder künftig einen eigenen kleinen Etat bekommen. Sie können also demokratisch entscheiden, ob dieses Geld beispielsweise in Bausteine oder aber in einen Ausflug investiert wird.
Politische Bildung beginnt im Kindergarten
Für Frank Ulrich ist es wichtig, dass Mädchen und Jungen schon im Kindergarten lernen, was Demokratie ist. „Dabei müssen alle mitgenommen werden. Die Gemeinschaft zählt, die Mehrheit entscheidet. Man bekommt also nicht immer recht“, erklärte der Pasodi-Geschäftsführer den Kindern bei einem kleinen Festakt und ergänzte: „Wichtig ist auch, seine Stimme zu erheben, wenn etwas nicht in Ordnung ist.“ Andrea Gerth, Referentin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, betonte: „Politische Bildung beginnt schon in der Kita.“ Kinder müssten Demokratie erleben, um sie zu verstehen und später schützen zu können.
Das Team der Kita Pasodi hatte bereits 2019 damit begonnen, ein eigenes Konzept zum Schutz der Kinderrechte zu erarbeiten, war dann aber durch Corona ausgebremst worden. Am Mittwoch nun unterzeichneten alle Erzieherinnen und Erzieher die neue Verfassung. „Das ist schon ein Unterschied zu meiner Kindergartenzeit“, sagt Anna Müller. Die Kinder hätten das Recht, Nein zu sagen. Sie würden lernen, für sich und ihre Rechte einzustehen, und könnten so selbstbewusster werden. Wobei die Erzieherinnen und Erzieher in manchen Fällen ein Veto zum Wohle der Kinder einlegen könnten. „Ein gutes Konzept“, findet die Mutter und Elternbeirätin.