Das Örtchen Hessigheim liegt beschaulich zwischen teils steilen Weinbergen und an dem mäandernden Neckar im Landkreis Ludwigsburg. Für die Schifffahrt gibt es eine Schleuse. Foto: Werner Kuhnle
Mehr als jeder fünfte Einwohner Hessigheims (Kreis Ludwigsburg) ist 18 oder jünger. Damit liegt die Weinbaugemeinde an der Spitze in der Region Stuttgart. Wie kommt es dazu, und was ist das Geheimnis für diesen Jungbrunnen?
Urbanes – also (groß-)städtischen Leben gilt gemeinhin als aufregend, lebendig und jung. Mit einem Dorf, das nicht einmal 2500 Einwohner hat, würde man ein jugendliches Image kaum verbinden. Die Daten des Zensus, der Volkszählung von 2022, zeigen aber, dass nicht Stuttgart, Ludwigsburg oder Esslingen in der Region die Kommunen mit dem höchsten Anteil an jungen Menschen sind, sondern Hessigheim. Das Dorf „wetteifert“ seit Jahren um den Titel kleinste Kommune im Landkreis Ludwigsburg, ist aber mit einem Anteil von 21,9 Prozent relativ gesehen die Kommune mit den meisten Menschen im Alter bis 18 Jahren eine Heimat. Zum Vergleich, im gesamten Kreis Ludwigsburg liegt der Anteil junger Menschen bei 18,8 Prozent.
Warum ist das so? Was macht Hessigheim so besonders, dass es junge Menschen, beziehungsweise deren Eltern anzieht? Fragt man Bürgermeister Günther Pilz, kommt ein Lächeln über sein Gesicht, und er sagt, es sei schon traditionell so, dass in „Hesge viele Familien mit vielen Kinder“ leben. Der Spitzenplatz in der Region überrascht ihn deshalb nicht. Ähnliches hört man vom örtlichen Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Dominik Löw, der den lokalen Slogan „Hesge ist anders“ zitiert.
Bürgermeister Günther Pilz ist seit 2010 Schultes von Hessigheim. Foto: privat
Pilz ist seit 2010 Bürgermeister in Hessigheim, stammt aus Hohenlohe, aber will gar nicht mehr weg aus dem Dorf in der Neckarschleife. Wer an einem schönen Sommertag in Richtung dieser „Insel“ fährt, kann das durchaus verstehen. An steilen Weinbergen geht es den Neckar von Westen kommend entlang, und dann empfängt den Besucher zunächst die Besigheimer Felsengartenkellerei, die in Hessigheim ihren Sitz hat und unweit der namensgebenden Felsengärten gelegen ist, die Touristen zum Klettern und Fotografieren einladen. Hessigheim selbst ist ein Flecken, der dank der Schleife, die der Neckar um den Ort macht, an keinem Punkt weit weg vom Wasser ist.
Die Felsengärten gehören zu Hessigheim und sind bei Kletterern sehr beliebt. Foto: Gregor Lengler
So weit so schön, aber eine ähnliche Lage haben auch andere Orte. Was ist also das Geheimnis Hessigheims? Gibt es überhaupt eines? Pilz überlegt. Er hat viele Argumente, die für „seine“ Gemeinde sprechen, am stärksten fällt für ihn aber vor allem die lebendige Dorfgemeinschaft ins Gewicht. Er erzählt von der Gestaltung eines Spiel- und Bolzplatzes. Schnell hatte sich ein Mitglied des Gemeinderats bereit erklärt zu helfen, an etlichen Wochenenden waren dann mindestens 30 Ehrenamtliche im Einsatz, um den Spielplatz gemeinsam herauszuputzen.
Ein Beispiel für das Engagement zum Wohl der Kinder ist die seit Ende der 1980er-Jahre bestehende Elterninitiative. Was als loser Zusammenschluss mehrerer Familien begann, um den Ort mit Spielplätzen oder einem Kunstmarkt vor allem für Kinder schöner zu machen und Ausflüge zu organisieren ist mittlerweile ein Verein geworden. Sophia Schäfers Eltern waren Gründungsmitglieder, und nun ist sie selbst in verantwortlicher Position bei der Elterninitiative. Es sei in Hessigheim normal, drei oder vier Kinder zu haben, sagt Schäfer. „Wir können unsere Kinder hier auch noch weitestgehend frei herumlaufen lassen. Es ist schon eine Stück heile Welt in Hessigheim“, sagt die Mutter dreier Kinder.
Neben den anpackenden Dorfbewohnern gibt es aber auch institutionell ein großes Engagement. Die evangelische Kirche ist sehr aktiv in der Jugendarbeit und stellt selbst die Ferienbetreuung im Ort auf die Beine.
90 Kinder in der Ferienbetreuung
Pfarrer Löw ist seit acht Jahren im Ort. Er hat sich damals mit seiner Familie bewusst für den Umzug nach Hessigheim entschieden. Er kommt aus Frankfurt. „Das Angebot war damals schon toll für junge Familien und unsere damals zwei Kinder. Das war wichtig, auch dass die Kirchengemeinde so lebendig ist“, sagt der Geistliche. Er war bis diesen Sommer auch Jugendpfarrer für den gesamten Kirchenbezirk Besigheim und kennt daher auch andere Kommunen sehr gut: „Wir haben in der Gegend schon Gemeinden, die sehr aktiv sind, aber gemessen an der Größe ist Hessigheim etwas Besonderes. Bei der jüngsten Ferienbetreuung hatten wir 90 Kinder dabei.“
Die Bergwacht Bereitschaft Unterland ist im kleinen Hessigheim im Einsatz. Foto: Simon Granville
Drei Kindergärten und eine Grundschule gibt es in Hessigheim. Ab kommendem Schuljahr ist die Felsengartenschule durchgängig zweizügig, und in den Kindergärten gelinge es noch, die meisten Betreuungswünsche zu erfüllen, sagt Pilz. Mit der verbindlichen Ganztagsgrundschule kommt auf die Gemeinde das nächste Großprojekt zu. Ein Ausbau der Schule ist vorgesehen, bindet aber viel Geld der Kommune.
Über Generationen am Fuße der Felsengärten
Der Spielplatz in Hessigheim bei der Felsengartenkellerei Foto: Archiv/Michael Bosch
Auch abseits von Schule und Kirche gibt es am Fuße der Felsengärten einiges im Angebot für Kinder und Jugendliche. Wie in größeren Städten gibt es eine Bläserklasse, auf die Beine gestellt vom örtlichen Musikverein. „Das ist in der Tat eine Besonderheit hier und auch nicht ganz einfach für uns“, sagt Petra Seiffert aus dem Vorstand des Musikvereins. Weil nicht wie anderswo eine Musikschule Partner ist, müsse der Verein selbst für die Musiklehrer und die Instrumente sorgen. „Wir machen das aber gerne, weil wir den Kindern früh ermöglichen wollen, musikalische Erfahrung zu sammeln“, sagt Seiffert. Der Handharmonika-Club musste seine Akkordeon-AG jüngst sogar erweitern, so groß ist die Nachfrage. „Das ist bei uns in Hessigheim einfach über Generationen gewachsen“, sagt Diana Staiger, 2. Vorsitzende des HHC. Man kenne sich einfach, und da seien die Kooperationen der Vereine und der Schule sehr unkompliziert. Sie selbst wollte nie wirklich weg: „Ich habe in Stuttgart studiert, war aber regelmäßig daheim in Hessigheim.“ Spätestens wenn „Exil-Hessigheimer“ über die Familiengründung nachdächten, kämen sie häufig wieder zurück.
Das breite Angebot für Kinder und Jugendliche folgt auch einem langfristigen Ziel: Die Gemeinde soll nicht aussterben. Studien zeigen, wer in jungen Jahren ehrenamtlich engagiert ist, bleibt dies auch im Erwachsenenalter häufig. Und wer auf diese Weise soziale Wurzeln schlägt, den zieht es selten in die Ferne. Wer jetzt seine Sachen packen und nach Hessigheim umziehen will, sei gewarnt, denn „es ist sehr schwer, eine Wohnung oder gar ein Haus in Hessigheim zu finden“, sagt Pfarrer Daniel Löw. Kein Wunder, bei den Lebensbedingungen.
Daten
Grundlage Die Daten zum Anteil der bis 18-Jährigen stammt aus dem aktuellen Zensus mit Stand Mai 2022.
Spitzengruppe Zur Spitzengruppe in der Region Stuttgart gehört neben Hessigheim mit einem Anteil von 21,9 Prozent an Menschen bis 18 Jahren, auch Kirchheim am Neckar (21,7 Prozent) auf Platz 2. Auf den Plätzen 3 und 11 finden sich ganz namensuntypisch zwei Kommunen mit dem Namen Altdorf. Das kleine Altdorf (1700 Einwohner) im Landkreis Esslingen hat einen Anteil von 21,1 Prozent, die Gemeinde (4500 Einwohner) im Kreis Böblingen hat 20,3 Prozent.
Rote Laterne Hohenstadt im Kreis Göppingen hat mit 13,2 Prozent den geringsten Anteil an Menschen bis 18 Jahren. Auch Stuttgart (16,8 Prozent), Gerlingen (17,3) und Filderstadt (17,6) gehören regionsweit eher zur Schlussgruppe in dieser Statistik.