„Ach, warte erst mal ein paar Jahre ab, das ändert sich noch!”, ist der Standardsatz, den junge Frauen zu hören bekommen, sobald sie sich gegen Nachwuchs aussprechen. Eine Reaktion, die zeigt, wie unbegreiflich die Vorstellung einer gebärfähigen Person ohne Kinderwunsch auch heute noch zu sein scheint. Wie groß der Druck und wie klein die Selbstbestimmung dadurch sein kann, wurde für Julia Carp spürbar. Für ihren Wunsch, kinderlos zu leben, musste die Studentin hart kämpfen und viel Ablehnung ertragen.
„Ich möchte niemals Kinder kriegen“
Fast vier Jahre ist sie nun her, ihre Sterilisation. Doch angefangen hat alles bereits im Kindesalter, berichtet die 25-jährige Medienwissenschaftlerin. Schon damals stand für Carp fest: „Ich möchte niemals Kinder kriegen“. Geändert habe sich das nie, bis heute nicht. Richtig präsent wurde das Thema dann mit 16 Jahren, dem ersten Freund und der Frage nach Verhütung. Die Lösung damals: Pille schlucken. „Gut war damit aber noch lange nicht alles“, erzählt sie.
Neben schweren depressiven Verstimmungen leidet sie unter einer permanenten Schwangerschaftsangst. „Zu Höchstzeiten habe ich dann mehrere Schwangerschaftstests in der Woche gemacht, einfach nur um sicher zu sein.“ Ihr Leidensdruck ist groß, die Hilflosigkeit noch größer.
Kampf um Selbstbestimmung
Nach drei Jahren geht die Beziehung zu Ende und damit vorerst auch die Angststörung. Die Aussichtslosigkeit bleibt. Bis sie im März 2019 auf eine Doku über eine junge Frau mit Sterilisationswunsch stößt. „Es war für mich, als hätte ich einen heiligen Gral gefunden“, erinnert sich Carp euphorisch. Schnell steht für die damals 22-jährige Studentin fest: Sie möchte die Sterilisation. Gezweifelt habe sie an ihrem Entschluss seither nie. „Für mich war es das, was ich gesucht habe, ohne zu wissen, dass es existiert“.
Aufseiten der Gynäkolog:innen sieht das anders aus. Der Konsens der Ärzt:innen: Für einen solchen Eingriff sei sie zu jung. Entmutigen lässt sich die Anfang 20-jährige dennoch nicht. So beginnt sie im Dezember 2019 nicht nur eine neue Beziehung, sondern auch einen Kampf um Selbstbestimmung. Sechs Monate verbringt sie mit frustrierenden Telefongesprächen und abweisenden Arztbesuchen – erfolglos. Bei professioneller Ablehnung bleibt es jedoch nicht. „Sie werden einsam sterben” und „Wollen sie wirklich riskieren, am Ende ohne Mann dazustehen?” sind nur einige der schlimmen Vorwürfe, die der Studentin an den Kopf geworfen werden. Ihr Wunsch scheint unerreichbar.
Das Risiko ist vielen Ärzt:innen zu hoch
Harte Zurückweisung ist in den Praxen eher Standard als Ausnahme, bestätigt auch Gynäkologin Sandra Behrndt. Besonders bei jungen Frauen unter 30 werde eine Sterilisation kritisch bewertet, ordnet die Fachärztin ein. „Aus medizinischer Sicht ist der operative Eingriff natürlich mit Risiken verbunden“, betont sie, “das sollte nicht unterschätzt werden”. Eine Sterilisation wird deshalb nur bei medizinischer Notwendigkeit oder abgeschlossener Familienplanung in Betracht gezogen. „Zwar gilt das auch für jüngere Frauen, aber das Risiko, dass sich diese Haltung mit einem neuen Partner oder mit den Jahren verändert, ist vielen Ärzt:innen zu hoch“, erklärt Dr. Behrndt. Wichtig ist deshalb ein umfassendes Aufklärungsgespräch, bei dem sowohl persönliche Umstände als auch Risiken betrachtet werden.
Am Ende zahlt sich Carps Hartnäckigkeit aus. Mithilfe von “Selbstbestimmt steril e.V.“, einem Verein, der sich für mehr Transparenz und Selbstbestimmung bei diesem sensiblen Thema einsetzt, findet sie eine unterstützende Praxis. Der 4. Juni 2020 wird fortan zum Wendepunkt in ihrem Leben. „Der Tag der OP war einer der schönsten überhaupt für mich“, erinnert sich die junge Frau lachend. Heute ist sie stolz darauf, ihre Stimme gefunden zu haben. Und in diesem entscheidenden Punkt sind sich Julia Carp und Sandra Behrndt einig: Über den eigenen Körper entscheidet letztlich jede:r selbst. Ob Mitte 40 oder Anfang 20.
Was ist eine Sterilisation?
Unter einer Sterilisation versteht man das Verschweißen oder Durchtrennen der Eileiter bei Personen mit Uterus. Die Unterbrechung verhindert, dass Spermien in die Gebärmutter eindringen und dort Eizellen befruchten. Eine Rekonstruktion des Eileiters und künstliche Befruchtungen sind weiterhin möglich.
Dieser Artikel wird bei Stadtkind Stuttgart in Kooperation mit der Hochschule der Medien veröffentlicht und erschien erstmals in der Ausgabe 01/24 von „media kompakt“, der Zeitung des Studiengangs Media Publishing der Hochschule der Medien.