Kindesentführung in Ditzingen Laras Entführerin ist zurück in der Heimat

Von  

Vor zwei Jahren wurde die kleine Lara von ihrer Mutter in Ditzingen entführt und nach Polen verschleppt. Die Frau kommt vermutlich bald frei – und Laras Vater verzweifelt. Denn obwohl seine Tochter kürzlich in Stettin gesehen wurde, hilft ihm die Polizei nicht bei der Suche.

Seit zwei Jahren hat Thomas Karzelek seine Tochter Lara nicht gesehen. Foto: privat
Seit zwei Jahren hat Thomas Karzelek seine Tochter Lara nicht gesehen. Foto: privat

Ditzingen - Am Freitag feiert Lara ihren siebten Geburtstag. Mit wem? Wo? Irgendwo in Polen, mehr weiß Thomas Karzelek nicht. Wird Laras Großmutter, die das Kind versteckt, einen Kuchen backen, mit sieben Kerzen? Geht es Lara gut? Nur eines ist gewiss: Lara wird ohne ihre Mutter Joanna S. feiern, denn die sitzt im Gefängnis. Und ohne ihren Vater, Thomas Karzelek, der sie seit zwei Jahren nicht gesehen hat – seit Lara von ihrer Mutter gewaltsam von Ditzingen nach Polen verschleppt wurde. Sollte die Polin die ganze Aktion tatsächlich gründlich vorbereitet haben, sollte sie tatsächlich einen Plan ­verfolgen: Er könnte aufgehen.

Denn Joanna S. ist auf dem Weg in die Freiheit. Zu drei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe war sie wegen der Entführung verurteilt worden, mehr als die Hälfte davon hat sie abgesessen, und wie die Stuttgarter Staatsanwaltschaft bestätigt, wurde die 37-Jährige kürzlich aus dem deutschen Gefängnis in ein polnisches überstellt. Es sei, erklärt der Behördensprecher Jan Holzner, bei EU-Ausländern Standard, dass sie nach einer gewissen Zeit in ihr Heimatland können, um den Rest der Strafe zu verbüßen. Dass Joanna S. nicht sage, wo ­Lara ist, ändere daran nichts.

Jeder weiß, dass die Mutter lügt

Dabei gibt es ein Mittel, Menschen zur Preisgabe von Informationen zu bewegen: Beugehaft. Wäre diese angeordnet worden, hätte Joanna S. wohl nicht so schnell nach Polen gedurft. Doch als ihr Beugehaft angedroht wurde, erklärt sie unter Eid, dass sie den Aufenthaltsort ihrer Tochter nicht kenne. Das ist zwar unglaubwürdig, aber das Gegenteil nicht zu beweisen.

Joanna S. und Thomas Karzelek waren ein Paar und lebten mit Lara im Strohgäu, bis sie sich zerstritten – mit Lara als der Hauptleidtragenden. Nach unzähligen Gutachten und gescheiterten Schlichtungsversuchen wurde dem Vater das alleinige Sorgerecht übertragen. Lara ist Deutsche, ihre Mutter zog wieder nach Polen.

Doch am 2. Oktober 2014 attackierte sie mit einem Komplizen die neue Lebensgefährtin von Thomas Karzelek, als diese mit Lara auf dem Weg zum Kindergarten in Ditzingen war. Die Entführer versprühten Pfefferspray, schnappten das Mädchen und fuhren davon. Joanna S. stellte sich später der Polizei, aber Lara blieb vermisst. Weil ihre polnische Großmutter zu dem Zeitpunkt ebenfalls vom Erdboden verschwand, ist offensichtlich, dass sie im Auftrag der Tochter die Enkelin versteckt.

Der Vater hat fast 12 000 Euro Belohnung für Hinweise ausgelobt

Jeder weiß das, die deutsche Polizei, die polnische, aber niemand hilft dem Vater, obwohl das Recht auf seiner Seite ist. Zuständig für den Fall seien allein die polnischen Behörden, sagt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Das sei ein Skandal, sagt Thomas Karzelek. Dabei hatte er gerade wieder Hoffnung geschöpft. 50 000 Zloty, fast 12 000 Euro Belohnung hat er ausgelobt für Hinweise. Mitte August meldete sich eine Frau und versicherte, sie habe Lara mit einer älteren Dame in einem Bus in Stettin gesehen. Weil die Busse dort mit Kameras überwacht werden, wäre es leicht, dies zu überprüfen. „Aber die polnischen Ermittler unternehmen nichts“, klagt Karzelek, und ohne ihre Hilfe komme er nicht ran an die Aufzeichnungen.

Angesichts der Untätigkeit hat Karzelek vor einigen Wochen am Rande einer Veranstaltung den Außenminister Frank-Walter Steinmeier angesprochen, der ihm daraufhin Unterstützung zusagte. Kürzlich erhielt er eine Mail aus dem Auswärtigen Amt. Ein Mitarbeiter erklärte, die deutsche Botschaft in Warschau sei wegen des Falls in Kontakt mit den polnischen Behörden. Und riet Karzelek, mit der deutschen Polizei über seine Befürchtung zu sprechen, in Polen werde nicht genug unternommen.

Das tat er. Aber obwohl seit dem Zeugenhinweis aus Stettin fast zwei Monate vergangen sind, erklärte die Kripo in Ludwigsburg: Man sehe sich momentan nicht dazu veranlasst, die polnischen Behörden anzumahnen. „Die deutsche Polizei ist in Deutschland zuständig, wir können nicht in Polen nach dem Kind suchen“, sagt Peter Widenhorn, der Sprecher des Präsidiums. „Es wäre jetzt Sache der Polen, das Recht durchzusetzen.“ Thomas Karzelek glaubt nicht, dass das je passiert. Er glaubt, dass sich die Polen auf die Seite ihrer Landsfrau geschlagen haben – und fürchtet, dass Laras Mutter anstandshalber noch einige Wochen im Gefängnis gehalten und dann freigelassen wird. Thomas Karzelek wohnt jetzt in Berlin, weil er von dort schneller nach Polen kommt. Seine Hoffnung: dass irgendjemand preisgibt, wo Lara ist. „Ich werde sofort hinfahren und sie holen.“