Kindesmisshandlung in Stuttgart Hoffnungsschimmer für das schwerstverletzte Mädchen

Wie ein Albtraum: Eine Mutter rastet aus, verletzt ihr Kind lebensgefährlich. Foto: dpa
Wie ein Albtraum: Eine Mutter rastet aus, verletzt ihr Kind lebensgefährlich. Foto: dpa

Offenbar völlig außer Kontrolle schleudert eine Mutter ihr kleines Kind auf den Gehsteig – die Kleine erleidet schwerste Verletzungen. Wie konnte es dazu kommen?

Stuttgart - Vielleicht wird für das kleine Mädchen doch wieder alles gut. Jedenfalls zeigt sich den Helfern, die sich nun um das zweijährige Kind kümmern, so mancher Hoffnungsschimmer. Es ist aber noch unklar, ob das schwerstverletzte Kind doch bleibende Schäden davontragen wird. „Ich hätte nicht gedacht, dass das Kind sich schon wieder regt“, sagt ein Helfer – und beschreibt damit eindringlich die schweren Kopfverletzungen, die das Mädchen am vergangenen Freitag in Zuffenhausen erlitten hat. Eine 32-jährige Mutter war völlig außer Kontrolle geraten und hatte ihr Kind über ihre Schulter auf das Pflaster des Gehsteigs geschleudert. Die Frau sitzt in Untersuchungshaft.

Die Polizei versucht nun, die Hintergründe dieser Tat, die sich am Freitag gegen 19.25 Uhr in der Unterländer Straße abgespielt hat, herauszufinden – und mehr über die Mutter zu erfahren, die vermutlich psychisch auffällig oder gar krank ist. Im Jahr 2014 war sie aus Nigeria nach Deutschland gekommen. Ihr Asylverfahren läuft. Die zweijährige Tochter, in Deutschland geboren, ist nicht ihr einziges Kind. Die Frau hat noch eine sechsjährige Tochter, sie musste die Szenen miterleben.

Das Jugendamt kannte die Mutter bisher nicht

„Wir ermitteln wegen eines versuchten Tötungsdelikts“, sagt Polizeisprecher Stephan Widmann. Dass die Frau vorher strafrechtlich auffällig gewesen wäre, „darüber gibt es bisher keine Erkenntnisse“. Auch die Lebensumstände seien noch nicht geklärt: Gibt es Angehörige, Bekannte, Menschen, die mehr über die ­Frau wissen?

Das Jugendamt ist es jedenfalls nicht. „Bisher ist uns die Familie nicht bekannt gewesen“, sagt Jugendamtsleiterin Susanne Heynen. Das ist eher ungewöhnlich für eine offenbar alleinerziehende Frau mit zwei kleinen Kindern, von denen eines in Deutschland geboren wurde. In Kliniken gibt es in solchen Fällen „frühe Hilfen“, ein Angebot der Behörde, sich in Problemsituationen zu kümmern. Freilich: Es ist ein Angebot. Man muss es nicht wahrnehmen. Es sei denn, die Mitarbeiter der Hilfeeinrichtungen fragen nach. Das ist aber nicht zuletzt auch eine Kapazitätsfrage.

Mediziner und Pädagogen versuchen „Schutz aufzubauen“

Das Amt hat die Kinder in Obhut genommen, das örtliche Beratungszentrum versucht nun, die Familienverhältnisse zu klären. „Zuallererst aber geht es um die Kinder“, sagt Amtsleiterin Heynen. Das sechsjährige Mädchen sei in einer Jugendschutzeinrichtung untergekommen – „es ist dort gut aufgehoben“. Die Zweijährige sei medizinisch gut versorgt. Und doch: „So einen Fall habe ich persönlich noch nicht erlebt“, sagt Susanne Heynen.

Ein Hoffnungsschimmer für die Kinder ist auch das Zusammenspiel von Kinderklinik Olgäle und den Behörden. Ein sogenanntes Kinderschutzteam aus Pflegern, Ärzten und Sozialpädagogen versucht, „für das Kind einen Schutz aufzubauen“, so Dr. Andreas Oberle, der Ärztliche Direktor des Sozialpädiatrischen Zentrums.

„Solche Taten sind in der Regel eine Überforderungsreaktion“, sagt Oberle. Das wirksamste Gegenmittel sei die Unterstützung der Eltern, „damit sie nicht wieder in eine solche Grenzsituation geraten oder zumindest besser darauf reagieren“. Oberle hofft, dass betroffene Eltern solche Hilfen auch annehmen: „Das ist keine Hetzjagd.“




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