Kindheit in der DDR Das Heim als Hölle

Uwe Trentsch vor einem Graffiti in einer Freiberger Unterführung. Er mag die frohen Farben. Foto: factum/Andreas Weise

Uwe Trentsch kam mit sieben Jahren in ein DDR-Kinderheim und durchlebte dort die Hölle. Es brauchte Jahrzehnte, bis er einigermaßen auf die Beine kam. Heute will er Menschen in ihren Nöten helfen.

Stuttgart - Im Schlafsaal ist es still. Ein paar Kinder schnarchen und wälzen sich auf ihren Matratzen. Nur Uwe ist schon wach und rollt seinen nassen Bettbezug zu einer Kugel. Vorsichtig schiebt er das dünne Laken unter das klapprige Bettgestell. Seine Mitbewohner dürfen nicht mitbekommen, was passiert ist. Sonst petzen sie den Betreuern: „Uwe hat schon wieder ins Bett gepisst!“ Dann wird Uwe noch kleiner werden, als er ohnehin schon ist. Und die anderen Jungs schlagen ihm dann wieder auf den Kopf, in den Bauch und zwingen ihn vor ihren Hosenschlitzen auf die Knie.

 

Immer um punkt acht Uhr, wenn die Betreuer für die Nachtruhe die Türen zu den Zimmern verschließen, kriecht die Angst in ihm hoch. Dann weiß er, dass es kein Entkommen gibt. Wortlos, fast mechanisch, wird er ins Badezimmer gehen, dort muss er sich umdrehen und es über sich ergehen lassen. Manchmal sind es nur die Zwillingsbrüder, die den Siebenjährigen zum Sex zwingen, manchmal alle acht Mitbewohner nacheinander.

Uwe ist gefangen an einem Ort, der ihn doch schützen soll. Weit weg von seinen alkoholkranken Eltern. Aber er ist nicht das einzige Opfer im Maxim-Gorki Kinderheim im sächsischen Weißwasser. Die Betreuer bestrafen mit Schweigen und Gewalt. Kinder missbrauchen andere Kinder.

Ein Ort der totalen Kontrolle

Heute weiß man, dass die meisten Betreuer weder eine pädagogische Ausbildung noch eine spezifische Schulung hatten. Die „Erziehungsinstitutionen“ der DDR wurden nahezu gänzlich sich selbst überlassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Aufarbeitungskommission des Bundesministeriums für Jugend und Familie. Das Gorki: ein Ort der totalen Kontrolle, ein geschlossenes System in einem geschlossenen System. Ein pädagogisches Niemandsland.

30 Jahre später sitzt Uwe in einer Tübinger Kneipe. Er hat Bilder mitgebracht. Ein Bekannter hat das Heim in Weißwasser aufgesucht und für ihn abfotografiert: Die Scheiben des Plattenbaus sind eingeschlagen, kaputte Lampen und Kabel hängen lose von der Decke. Die Wiesen vor dem Betonklotz sind braun gefärbt, kahle, tote Bäume stehen auf dem verlassenen Gelände. Uwe will über das Leid sprechen, das ihm dort widerfahren ist.

„Es ging um Macht“, sagt Uwe Trentsch, der in Freiberg am Neckar den Verein Nino gegen sexuellen Missbrauch leitet. Die anderen Jungs in seinem Zimmer waren älter, zwischen 13 und 15 Jahre alt und hatten noch kein Mädchen geküsst. Viele von ihnen seien selbst von Betreuern missbraucht worden. Ihre Ohnmacht, ihr Gefühl der Hilflosigkeit ließen sie an Uwe aus, mit seinen sieben Jahren der Neue, der Kleinste, der Schwächste.

Kontrolle auf Schritt und Tritt

Der Politologe und Theologe Christian Sachse, der sich eingehend mit sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in der DDR beschäftigt hat, spricht in diesem Zusammenhang von „Anstaltshomosexualität“ als Form der Unterwerfung, wie sie auch in Gefängnissen und Kasernen zu finden ist. Einen „DDR-typischen“ sexuellen Missbrauch habe es nicht gegeben, betont er. Der Unterschied zwischen Ost und West liege im Umgang mit dem Problem: In den wenigsten Fällen kam sexueller Missbrauch in Kinderheimen an die DDR-Öffentlichkeit. Fast alles wurde „intern geregelt“. Waren staatliche Funktionäre involviert, wurde dies sogar vertuscht. Wer Vorfälle an die Polizei meldete, wurde abgewiesen.

Das Maxim-Gorki kontrollierte seine Kinder auf Schritt und Tritt. Laut Christian Sachse wurden jeder Besuch, jeder Anruf, jeder Brief, notiert und überwacht. Nicht selten versuchten Kinder, nach draußen zu kommunizieren oder aus dem Heim auszubrechen. Wenn ein Betreuer sie dabei erwischte, gab es Sanktionen.

Bevor Uwe damals ins Heim kommt, wächst er in Kamenz, einer Kleinstadt in der Nähe von Dresden auf. An die Zeit bei seiner Familie hat Uwe kaum Erinnerungen: keine Geburtstagsgeschenke, die ihm noch einfallen, keine Umarmungen, keine Gute-Nacht-Geschichten. Nur die Familientreffen sind ihm im Gedächtnis geblieben. Die seien immer ausgeartet, sagt er. Am Ende wären alle völlig betrunken gewesen, hätten sich angeschrien und beschimpft. Freunde wollte Uwe nie zu sich nach Hause einladen. Wegen der brüllenden Eltern, des Drecks und der Flaschen.

Die Stasi-Akte bringt Klarheit

Von Uwe und seiner fünf Jahre jüngeren Schwester gibt es nur ein Foto. Darauf zu sehen ist ein Junge im Rollkragenpullover und großen runden Augen. Seine Hand liegt auf der Schulter seiner kleinen Schwester Marlies. Er lächelt verlegen.

Lange Zeit ahnt keiner, was zu Hause hinter verschlossener Tür passierte. Als Uwe sieben Jahre alt ist, holen ihn Leute vom Jugendamt ab und bringen ihn ins Gorki-Kinderheim, seine Schwester lassen sie zurück. „Auf einmal waren sie einfach da“, sagt Uwe heute. Erst Jahrzehnte später findet er den Grund für seine Heimeinweisung in der Stasi-Akte BSTU 0123. Darin ist über seinen Vater zu lesen: „labile Person, schlechte häusliche Verhältnisse, starker Trinker, ungenügende Körperhygiene.“ Über seine Mutter: „feiert Partys, vernachlässigt ihre Kinder“.

Wer neu im Heim ist, bekommt von den Betreuern den Schädel rasiert. Auch Uwe wandert mit kahl geschorenem Kopf durch die Betongänge. Im Gorki verlieren Kinder nicht nur ihre Haare, sondern auch ihren Namen: Die Nummer 412 prägt sich in Uwes Erinnerung wie ein Brandzeichen. Überall begegnet sie ihm: in seinen Socken, seinem Unterhemd, auf der Unterseite seiner Schuhe.

Schläge mit dem nassen Handtuch

Uwe sucht nie Streit, ist ein zurückhaltender und unauffälliger Junge. Doch wenn die Betreuer morgens seinen Schlafanzug abtasten und das Bett inspizieren, zittern Uwes Knie, und sein Herz schlägt ihm bis zum Hals. Ein feuchter Fleck reicht, und die Betreuer schlagen ihn wieder mit einem nassen Handtuch.

Die nächsten sieben Jahre tut Uwe alles dafür, um erst so spät wie möglich zurück ins Heim zu müssen: Nach dem Unterricht in der Schule sammelt er Briefmarken in einer Schul-AG, er meldet sich im Fußballclub an, obwohl er Sport hasst. Heute kann sich Uwe nicht mal mehr an den Speisesaal im Heim erinnern. Hat er dort jemals gegessen? Hatte er Freunde? Gab es Spielsachen? Fragt man Uwe nach seiner Kindheit, antwortet er: „Das, was ich weiß, ist ausreichend.“

1989. Die Mauer fällt. Das Gorki muss schließen, der 16-jährige Uwe, wird auf die Straße geworfen. Er flüchtet sich nach Berlin, kommt dort in besetzten Häusern unter. „Man war halt gegen das System. Ich hätte genauso gut in die rechte Szene abrutschen können.“ Stattdessen hat er jetzt einen Irokesenschnitt, knallrot, und zündet Polizeiautos an.

Leere und Einsamkeit

Jahrelang gab ihm das Gorki vor, wie er zu leben hat. In der Punkszene, auf dem dreckigen Bürgersteig vor dem Georg-von-Rauchhaus in Berlin, gibt es keine Regeln, keine Vorschriften. Keiner interessiert sich dafür, wo er herkommt oder was seine Geschichte ist. Uwe ist niemand.

Er lernt Mareen kennen. Und plötzlich ist sie verschwunden, die Leere, die Einsamkeit. Mit Mareen flüchtet er vor dem Leben. Heimlich verabreden sie sich am See und in der Kiesgrube. Sie schlafen im verschneiten Wald, teilen sich einen Schlafsack, reden über Musik, Freunde und Familie, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft. „Mit der richtigen Person spürt man die Kälte nicht“, sagt Uwe Trentsch. Von Mareen fühlt er sich verstanden, denn auch ihr Vater ist Alkoholiker. Sie ist die Einzige, die von dem Missbrauch weiß.

Vier Jahre lang sind die beiden ein Paar. Uwe vergisst die Schmerzen im Heim, die Zwillinge, die muffigen Räume und den kalten Betonboden. Doch am Morgen des 3. August 1996 stirbt Mareen durch einen betrunkenen Autofahrer. Es ist Uwes 21. Geburtstag.

Die Tage danach findet er sich immer wieder auf der Kante einer Brücke. Nur einen Schritt nach vorne, und der Schmerz wäre endlich Vergangenheit. Doch irgendwas lässt ihn umdrehen: Es ist das Versprechen an Mareen, niemals aufzugeben, ihre Worte, ihr Gesicht. „Die Brücke steht auch morgen noch“, denkt er sich. Später schreibt er in sein Tagebuch: „Sie haben mir alles genommen. Meine Liebe. Meine Hoffnung. Meine Sehnsüchte. Meine Träume. Alles weg.“ Alkohol und Drogen rührt Uwe nicht an. Auch das versprach er Mareen.

Zur Therapie in die Klinik

Ein Jahr später beginnt er in der Nähe von Dresden eine Ausbildung als Koch. Uwe ist fleißig, bald arbeitet er in Sternerestaurants in ganz Deutschland, oftmals 15 Stunden am Tag. Er wird Küchenchef.

Nur wenige Monate nach Mareens Tod lernt Uwe seine erste Ehefrau kennen. „Ich wollte einfach nicht alleine sein, deshalb habe ich schnell und ohne nachzudenken Ja zum Heiraten gesagt“ sagt Uwe. Noch bevor seine Tochter Tessa ein Jahr alt ist, haut er ab und taucht in Baden-Württemberg unter. Wenige Jahre später verlässt er auch seine zweite Ehefrau und seine Zwillingstöchter Lucy und Emily. Er hinterlässt keinen Brief, keine Nummer, keine Adresse. Als wäre er nie da gewesen.

„Ich war nicht gewohnt, dass Leute bei mir bleiben. Mir war klar: Früher oder später wird man enttäuscht, verlassen, oder jemand stirbt“, sagt Uwe Trentsch. In dieser Zeit steht er wieder auf der Brücke: „Ich hatte nichts mehr zu leben. Keine Freunde, keine Familie.“ Während er in den Abgrund blickt, denkt er an seine Kinder, an Mareen und stellt sich die Frage: Springe ich, damit meine Kinder zumindest die Rente bekommen? Oder mache ich gut, was ich verbockt habe?

Uwe entscheidet sich für die Therapie: neun Wochen Klinikaufenthalt, Meditationsübungen und Gespräche mit Menschen, die Ähnliches durchgemacht haben. Er lernt, sich bei Flashbacks an einen Safe Space zu flüchten – einem gedanklichen Ort, an dem er sich geborgen fühlt. Für Uwe ist das seine Rolle als Küchenchef. Er erfährt, dass manche Patienten zwei Jahre warten mussten, um einen Therapieplatz zu bekommen. Uwe fasst einen Entschluss: Wenn er draußen ist, gründet er eine Selbsthilfegruppe – für jeden, ohne Kosten und ohne Wartezeit.

Corona verschließt viele Türen

Winter 2019. Uwe steht vor einem Käseregal in einem Stuttgarter Supermarkt. Der Mann neben ihm raunzt seine Frau an: „Hast du die Milch geholt?“ Die Frau blickt stumm auf den Boden. „Dich kann man nicht schicken! Bleib hier“, knurrt der Mann und dreht sich um. Die Frau knetet ihre Hände und spielt an ihrem Reißverschluss. Uwe zieht eine Karte aus seiner Hosentasche, darauf eine Hilfenummer für häusliche Gewalt. Er drückt sie der Frau wortlos in die Hand. Die Rückrufquote sei erstaunlich hoch, sagt Uwe Trentsch. Und noch keine Frau habe ihm bislang die Karte zurückgegeben.

Das Coronavirus verschloss viele Türen. Auch sein Verein in Freiberg hat wegen der Infektionsauflagen jetzt zu. Trotzdem ist er weiter rund um die Uhr auf seinem Handy für Betroffene erreichbar. Seine Beratungen, die stundenlangen Telefonate, macht er ehrenamtlich.

Seit zwei Jahren ist Uwe Trentsch Burn-out-Berater, Trainer für Kindeswohlschulungen und Gastdozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Der Weg dorthin war nicht leicht. Uwe sagt, er sei noch lange nicht am Ziel. Doch er laufe in die richtige Richtung. Immer vorwärts. Ausschlaggebend war, dass er Hilfe von außen angenommen hat und sich auch heute noch helfen lässt: „Ich brauche keinen Psychiater, der mich mit Samthandschuhen anfasst. Ich möchte einen, bei dem ich jedes Mal rauskomme und mir denke: So ein Arschloch! Nur dann lernt man doch was?“

Seit ein paar Jahren hat er wieder Kontakt zu seiner Schwester Marlies, manchmal treffen sie sich. Lange konnte Uwe nicht Geburtstag feiern. Mareens Todestag schwebt jedes Jahr über ihm wie eine Gewitterwolke. Heute, 24 Jahre später, lädt er wieder Freunde in seine Wohnung ein. Nach dem Aufstehen ist er traurig. Doch dann nimmt der Küchenchef Uwe den kleinen Uwe an die Hand und sagt: „Komm Kleener, alles wird gut.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Reportage DDR Kinderheim