Kindheitstraum eines Mediziners Arzt aus Steinheim betreut deutsche Radler bei Olympia in Paris

Mathias Keller und Denis Biró (von links) sind die beiden Olympiaärzte für das deutsche Olympiateam im Radsport in Paris. Foto: privat

Für Denis Biró erfüllt sich ein Kindheitstraum. Der Oberarzt an der Filderklinik ist Olympiaarzt beim deutschen Radsportteam. Am Freitag geht es zu den Olympischen Spielen.

Wenn am Freitag die Olympischen Spiele in Paris losgehen, haben Denis Biró und viele seiner betreuten Radsportler das härteste Trainingspensum bereits hinter sich. Für seine Nominierung als Verbandsarzt des Radsport Nationalteams hat er sich viele Jahre hart und intensiv vorbereitet und dafür trainiert. Für den 38-jährigen Biró erfüllt sich damit ein Kindheitstraum, und das fühlt sich schon jetzt an wie der Gewinn einer Goldmedaille.

 

Der Facharzt für Innere Medizin ist in Steinheim aufgewachsen und hat in Marbach das Gymnasium besucht, bevor ihn sein Medizinstudium nach Tübingen geführt hat. Beruflich ist er heute Oberarzt an der Filderklinik und in einer Praxis für Interventionsmedizin in Stuttgart-Vaihingen mit den Schwerpunkten Sportmedizin und Diabetologie tätig. Allein im Jahr 2023 war Biró mehr als 50 Tage mit dem Nationalteam für den deutschen Radsportverband unterwegs und nochmals fast so viele Tage mit einem Profiteam. Arzt an zwei Standorten, Verbandsarzt für die Radsport-Nationalmannschaft und eine junge Familie: Langeweile kommt da nicht auf.

Mediziner zusammen mit dem BMX Race Olympia Team (von links): Matthias Baumann (Arzt, Tübingen), Denis Biró, Phillip Schaub (aus Stuttgart), Regula Runge (Kornwestheim), Alina Beck (Stuttgart), Julian Schmidt (Stuttgart), Simon Schierle (BMX- Bundestrainer aus Stuttgart), dann noch MTB Bundestrainer Peter Schaupp (Münsingen) und MTB Mechaniker Wolfgang Foto: privat

Wie professionell die Athleten heute betreut werden, wird schnell an der Größe des mitreisenden Betreuerteams deutlich. Neben den 31 Radsportlern dürfte nochmals gut die doppelte Anzahl Betreuer mit bei Olympia in Paris sein. Mit Matthias Baumann als leitendem Verbandsarzt teilen sich die beiden Ärzte die Aufgaben und Teams, vor allem wegen der geografischen Entfernung zwischen den Austragungsorten. Während sich Baumann als Unfallchirurg und Chefarzt am Krankenhaus in Sigmaringen überwiegend um die äußeren und traumatischen Verletzungen kümmert, ist Biró als Internist die Anlaufstelle der Sportler bei Problemen mit den inneren Organen und für das 14 Köpfe starke Team der Bahnradsportler verantwortlich, die weit vor den Toren von Paris bei Versailles untergebracht sind.

Mit welchen Verletzungen kommen die Radler zum Arzt?

So kurz vor einem so wichtigen Wettkampf hat der Internist da im Moment alle Hände voll zu tun. „Jedes kleinste Wehwehchen wird an mich herangetragen. Alle Teilnehmer haben natürlich im Moment großes Lampenfieber. Wir sind wie ein Haus- und Vertrauensarzt für die Sportler.“

Kein Wunder, sagt Biró: „In den vergangenen vier Jahren haben wir die Radsportler engmaschig betreut und in vielen gemeinsamen Stunden bei Weltmeisterschaften, Nationcups und europäischen Meisterschaften hat sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Als Sportmediziner müssen wir Netzwerker sein und oft den Kontakt zu Kollegen vor Ort herstellen. Wenn also eine Radsportlerin in Berlin anruft, können wir den Sportlern oft noch am gleichen Tag eine Röntgen- oder MRT-Untersuchung organisieren. So kurz vor einem so wichtigen Wettkampf ist natürlich jeder Tag wichtig.“ Dieses Vertrauen zu den beiden olympischen Ärzten kommt nicht von ungefähr. Schon bei der Auswahl geeigneter Medikamente kann Biró nicht auf alle gängigen Medikamente zurückgreifen.

Was gilt als Doping im Radsport?

Viele schnell wirkende Mittel wie Cortison stehen auf der Liste verbotener, leistungssteigernder Präparate der weltweiten Anti-Doping-Agentur Wada. Für eine von Biró betreute Radsportlerin mit chronisch entzündlichem Darm müssen daher umfangreiche Ausnahmen beantragt werden. „Der Welt-Radsportverband UCI hat hier vor allen anderen Sportverbänden mit seiner „No-Needle“-Policy hohe Standards geschaffen“, erläutert der Olympiaarzt. Jede kleinste Nadel – und sei es nur eine Nadel zur Akupunktur – müsse daher richtigerweise sorgfältig angemeldet und verschlossen überwacht werden, schildert Biró die restriktive Umsetzung der Anti-Doping-Regeln.

Alle Sportler sind hoch motiviert und wollen so schnell wie möglich wieder gesund werden. Oftmals auch zu schnell. „Schon ein Tag Ausfall ist nach vier Jahren härtester Vorbereitung für viele gefühlt eine Ewigkeit. „Return to Sport“ ist daher das Motto: „Schnell wieder trainieren und doch dem eigenen Körper nicht schaden. Der Athlet hat auch noch ein Leben nach seiner sportlichen Karriere“, beschreibt der Arzt seine Maxime. Und oft gelte es, zwischen kurzfristigem Erfolg und langfristigen medizinischen Schäden abzuwägen. Radsportler seien da extrem hart gegen sich selbst, schildert Biró deren Einsatzwillen und Leidensfähigkeit.

Radler sind hart im Nehmen

Bei der Tour de France sei jüngst ein Radsportler nach einem Sturz sogar mit seinem Schlüsselbeinbruch weiter bis ins Ziel gefahren. Damit hat er bestätigt, was ein Ex-Profi zu diesem Thema aus eigener Erfahrung wusste: „Wir sind die Erforscher des Schmerzes und wissen, dass hinter dem Schmerz weitere Universen an Schmerz auf uns warten.“ Die Bahnrad-Olympioniken sind derweil schon längst zur Vorbereitung am Olympiastützpunkt in Frankfurt an der Oder. Biró selbst startet dann am Freitag die gemeinsame Reise mit Athleten von Stuttgart aus nach Paris.

Einen Rat hat Biró noch, wenngleich eher als Tipp für die mentale Gesundheit gedacht: „Ich kann nur jedem empfehlen, nach Paris zu den Olympischen Spielen zu reisen. Selbst für einen Tag lohnt sich das, und man erlebt diese einzigartige Atmosphäre.“ On y va, wie der Franzose sagt – los geht’s, denn tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir für viele Jahre die Olympischen Spiele nie mehr so nah vor unserer Haustüre erleben können wie in diesem Jahr.

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