„Kindskopf“-Kolumne Die Erfahrung der anderen

Von Michael Setzer 

Wer weiß alles, kann alles und hat’s auch ansonsten voll drauf? Unser Kolumnist Michael Setzer sagt: „Natürlich ich!“. Er befürchtet allerdings, dem Kind ist das ein bisschen egal.

Eltern wissen, wie man solche Puzzleteile zusammenbaut. Kinder wissen, wie man Spaß damit hat. Foto: Setzer
Eltern wissen, wie man solche Puzzleteile zusammenbaut. Kinder wissen, wie man Spaß damit hat. Foto: Setzer

Stuttgart - Wahnsinn eigentlich, wie viel man weiß. Man denkt ja selten darüber nach. Mir fällt‘s auch nur auf, während ich das Kind dabei beobachte, wie er schon wieder zielstrebig die Werkzeugkiste an mir vorbei schiebt, dann auf die Kiste, weiter auf den Stuhl und zur Krönung auf den Tisch klettert. Ich wusste: Das ist potenziell ziemlich gefährlich. Er: nicht.

Vielleicht war es ihm auch egal. Gelegentlich beschleicht mich eh das Gefühl, den Kleinen würde meine Expertise weder beeindrucken noch sonderlich interessieren. Dabei bin ich irrwitzig gebildet und verfüge über geballtes Fachwissen für annähernd alle Lebenslagen.

Draußen ist es kälter als nachts

Ich weiß zum Beispiel, dass Herdplatten zu heiß, spitzes Zeug gefährlich, viele Springsteen-Platten ziemlich super, E-Roller ein Missverständnis und Bananen sehr lecker sind. Mit mir wäre der VfB Stuttgart in der Champions League, die Leute würden wieder Turnschuhe statt Sneaker tragen und Handball wäre wirklich egal. Ich weiß, dass Rassismus keine Meinung ist, dass unser Grundgesetz eine saugute Leitkultur ist, ich weiß was Du letzten Sommer getan hast und ich bin vollkommen im Bilde, dass es draußen bisweilen kälter als nachts ist. Ja, ich bin von Format.

Außerdem, das möchte ich in aller Bescheidenheit ebenfalls nicht verschweigen, bin ich kurz davor, die Energieszene zu revolutionieren. Baut schon mal die Atomkraftwerke ab und die Kohledinger auch. Brauchen wir alles nicht mehr. Hier kommt’s:

Denn mit nur einem Prozent der Energie eines Kleinkindes könnte man nämlich eine mittelgroße Großstadt ungefähr eine Woche mit Energie versorgen und trotzdem den ganzen Tag lang alle Lichter brennen, den Kühlschrank offen und den Fernseher laufen lassen.

Es ist der Wahnsinn, was Kinder an Energie und guter Laune raushauen, ohne auch nur im Ansatz müde zu werden. Die leuchten sogar dabei. Selbst wenn sie – meiner Einschätzung nach – gerade den größten Blödsinn anzetteln.

Zwischen Forscher und mobiler Abrissbirne

Doch was bringt mein geballtes Fachwissen schon, wenn der Kleine seine Erfahrungen lieber selbst macht und nicht im Ansatz von meinen profitieren möchte? Der zieht dieses Egoding eiskalt durch. Einfach mal machen. Irgendwo zwischen Forscher und mobiler Abrissbirne.

Ich: „Nee, bitte nicht an dem Kabel ziehen, sonst fällt der ganze Quatsch in der Ecke einfach um.“

Rumms.

Und was soll ich sagen? Der Junge scheint Profi und weiß jetzt schon derart viel, dass mir angst und bange wird, er könnte sogar der Mutter den Rang als Alpha-Besserwisser im Haus ablaufen. Neulich habe ich in einer Mischung aus dicken Fingern und Schludrigkeit versehentlich den Wecker eine Stunde zu früh gestellt. Wahnsinn, der Junge war trotzdem wie sonst auch 35 Minuten vor dem Wecker wach.

Ich: „Du musst nicht so früh aufstehen. Du hast doch gar keine Termine.“

Er: „Mh?“

Man weiß ja so viel

Dann sind wir um 6:13 Uhr mit dem Bobbycar durch die Wohnung gefahren. Wir haben gehupt, gelacht, gequasselt und fast den Hund überfahren. Der Hund: „Huch!“, die Mutter: „Orr, mal auf den Tacho geguckt?! Spinnt Ihr?“. Wir: „Yeaahh!“. Und ich weiß nur eines: So viel Spaß hatte ich um die Uhrzeit nicht mehr, seit ich den betrunkenen Nachbar dabei beobachtet habe, wie er versucht hatte, meine Wohnungstür aufzuschließen. Hab ihm dann seine gezeigt und geholfen, weiß ja wie das geht.

Für jede Lebenslage, für jeden Quatsch einen Kniff, einen Trick und vielleicht sogar eine Lösung. Ich weiß ja so viel. Ich bin so schlau. Und doch habe ich keine Vorstellung davon, wie schlimm es sein muss, den beiden Kindern von Mercedes zu erklären, dass ihre Mutter in Hanau von einem Rassisten getötet wurde. Sie wurde 35 Jahre alt.

Lesen Sie mehr aus der „Kindskopf-Kolumne“

Michael Setzer ist vor gut einem Jahr Vater geworden. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt. Er schreibt im wöchentlichen Wechsel mit seiner Kollegin Lisa Welzhofer, die sich in ihrer Kolumne „Mensch, Mutter“ regelmäßig Gedanken übers Elternsein, über Kinder, Kessel und mehr macht.

Sonderthemen