„Kindskopf“-Kolumne Summer of 69

Von Michael Setzer 

Ja, ja, Kinder und Betrunkene. Nach Jahrzehnten im Nachtleben: Unser Kolumnist Michael Setzer glaubt lieber Kindern. Die haben die besseren Argumente.

Kinder und Betrunkene sagen immer die Wahrheit. Also, meistens. Und bitte ruhig bleiben, liebe Helikopter: Das ist alkoholfreies Bier. Das Kind war noch verkatert vom Vorabend. Foto: Setzer
Kinder und Betrunkene sagen immer die Wahrheit. Also, meistens. Und bitte ruhig bleiben, liebe Helikopter: Das ist alkoholfreies Bier. Das Kind war noch verkatert vom Vorabend. Foto: Setzer

Stuttgart - Im Kampf mit dem Gleichgewicht wirken Kinder manchmal wie ein bisschen angetrunken. Der Junge hält sich an der Couch fest und wackelt, alles wackelt, Kopf, Arme, Beine – es muss unglaublich anstrengend sein. Aber er freut sich mit jeder weiteren Sekunde, die er nicht hinplumpst. Wenn er sich freut, wird immer alles ganz hell, so sehr leuchten da seine Augen.

In nicht ganz so süßer Ausführung, kenne ich diese motorischen Höchstleistungen auch von meinen Freunden, wenn sie längst zu Hause sein sollten, es aber doch nicht sind, weil irgendwo noch Musik, Getränke, Gesellschaft und kein Tageslicht angeboten werden.

Manchmal sagen sie zu vorgerückter Stunde dann auch lustige Dinge, manchmal Wahres, manchmal ziemlich großen Blödsinn und hin und wieder auch schlichtweg geniales Zeug. Trotzdem: Das sind ganz klar biologisch abbaubare Sternstunden.

Weisheiten müssen erzählt werden

Ein Freund stellte mal enttäuscht fest, wie tragisch es sei, dass offensichtlich noch kein italienischer Süßwarenhersteller auf die Idee gekommen wäre, einen Schoko-Nussriegel „Nussolini“ zu nennen. Kinder scheinen in der Hinsicht weniger zimperlich. Neulich zeigte ein Junge in der Stadtbahn auf mich und fragte seine Mutter: „Mama, warum sieht der Mann da so komisch aus?“. Sie: „Psst!“, der Kleine: „Was, psst!?“.

Besoffene und Kinder, ja ja. Es ist dennoch ein Irrglaube, beide würden tatsächlich immer die Wahrheit sagen. Ein stark trunkener Freund enthüllte mir jüngst im Vertrauen, „Summer of 69“ von Bryan Adams sei das beste Lied der Welt, das Allerallerbeste sogar. Ich solle mal drüber nachdenken.

Dann orderten wir neue Getränke, denn die alten waren irgendwie nicht mehr im Glas. Hab’s mir während dessen überlegt: Jedes Kind weiß, dass „Second Skin“ von The Gits das beste Lied der Welt ist. Fakt!

Bryan Adams derweil: Im Sommer 1969 war der Mann gerade mal neun Jahre alt. Ich bezweifle, dass er damals schon – wie im Lied behauptet – in einer Band gespielt hat, Jimmy ausgestiegen ist und Jody geheiratet hat. Stramme These: der singt in Wahrheit gar nicht vom Sommer von 1969, sondern vom Bumsen.

„Es gibt Bienen und es gibt Blumen“

Das Wort „Bumsen“ wiederum ist für mich ein Meilenstein. Als Kind hatte ich das irgendwo auf der Straße aufgeschnappt und sofort gewissenhaft weiterverwertet. Als ich es zu Hause bei Oma in einem Nebensatz fern von Kontext erwähnte, änderte sich meine Welt schlagartig.

Oma dachte „Schreck lass nach“ und Teil ihrer Argumentationskette, weshalb ich bitte nicht „bumsen“ sagen sollte, war die für mich damals völlig neue „Es gibt Bienen und Blumen“-Geschichte. Ich wurde aufgeklärt. Ihr Plädoyer endete mit der Feststellung: „Und böse Leute sagen bumsen dazu“. Seitdem nutze ich die Vokabel tatsächlich mit Bedacht, auch wenn ich einen sitzen habe.

Kinder und Betrunkene

Die Überschneidungen zwischen Kindern und Betrunkenen sind trotzdem nicht von der Hand zu weisen: drei Uhr nachts, erst mal lautstark Getränke ordern, rumkrakeelen, laut lachen, dicht gefolgt von Weinen und an Ort und Stelle einfach wieder einschlafen.

Grundlose Gewalt, auch darüber müssen wir reden: Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft mich der Kleine bereits am Bart gepackt, mir einen Kopfstoß verpasst und dabei dreckig gelacht hat. Oder wie oft er einfach Dinge auf den Boden wirft, obwohl ich sie gerade erst wieder für ihn aufgehoben habe. Außerdem: Babys verlieren auch ständig einzelne Socken und ihre Mützen, wenn sie betrunken sind.

Erhobene Zeigefinger

Und jetzt sitzt der Kleine mitten im Wohnzimmer, beide Zeigefinger leicht abgespreizt und fuchtelt mit den Armen. Er brabbelt ohne Unterlass und in einer Sprache, für die’s keine Wörterbücher gibt. Es war fast wie französischer Hip Hop, Death Metal aus Schweden oder die Lieder von Philipp Poisel: Man versteht kein Wort, fühlt aber dennoch die Dringlichkeit des Anliegens – und, dass da ein reines Herz schlägt.

Und der Junge hörte gar nicht zu dozieren auf, quatschte sich förmlich in einen Rausch. Wahrscheinlich betrunken vom Leben, weil wirklich alles neu und wahnsinnig interessant ist. Die Mutter ruft von nebenan: „Super, dass du das endlich mal ansprichst!“, ich: „Ja, Mann“.

Selten so wenig verstanden und trotzdem so viel Wahres gehört. Ich glaube ihm.

Michael Setzer ist vor Kurzem Vater geworden. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt.

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