King Crimson im Beethovensaal Gut gereifte Progressive-Rock-Meisterschaft

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Die legendäre Progressive-Rock-Band King Crimson hat ihren fünfzigsten Geburtstag im Stuttgarter Beethovensaal gefeiert.

Gralshüter hochambitionierter und innovativer Popularmusik: Die britische Band King Crimson will nicht, dass man bei ihren Konzerten fotografiert nicht. Das gilt für die Fans ebenso wie für die Presse. Foto: Veranstalter
Gralshüter hochambitionierter und innovativer Popularmusik: Die britische Band King Crimson will nicht, dass man bei ihren Konzerten fotografiert nicht. Das gilt für die Fans ebenso wie für die Presse. Foto: Veranstalter

Stuttgart - Wie sehr diese Herren auf Perfektion bestehen, offenbart sich bereits, ehe das Konzert begonnen hat. Zwei große Aufstellplakate weisen auf beiden Bühnenseiten darauf hin, dass Film- und Fotoaufnahmen bitte zu unterlassen sind und man bei Zuwiderhandlungen rausfliege. Auf deutsch und englisch wird anschließend durch die Lautsprecher nochmals ausführlich verlesen, dass man genau erst dann am Ende des Auftritts sein Handy zücken dürfe, wenn auch die Bandmitglieder zum Fotografieren ansetzen. Und als die Band dann die Bühne betritt und ein Dummkopf im Publikum sich tatsächlich erdreistet, mit dem Knipsen zu beginnen, wird er richtig schön bloßgestellt. Schade, dass selbst die deutlichsten Hinweise heutzutage nicht mehr genügen, um selbst ein sehr reifes Publikum vom Zwang zur permanenten Knipserei abzuhalten.

Komplettverzicht auf Showeffekte

Die Mitglieder der britischen Progressive-Rock-Band King Crimson wollen ganz offensichtlich einfach nur in Ruhe spielen. Sie reden während des sehr langen, inklusive Pause gut zweieinhalbstündigen Abends kein Wort zum Publikum. Der unumstrittene Kopf der Truppe, der seit der Gründung vor fünfzig Jahren einzig verbliebene geniale Musiker Robert Fripp, hat sich gut hinter Equipment verschanzt den Platz ganz hinten rechts gewählt und tut alles, um bloß nicht aus diesem Ensemble herauszustechen. Überhaupt zeigt das ganze Setup, dass man ein gediegenes Konzert schon durch die Zusammensetzung der Band gestalten kann: in der vorderen Bühnenreihe sitzen die drei (!) Schlagzeuger Gavin Harrison, Pat Mastelotto und Jeremy Stacey, hinten stehen­ der Flötist und Saxofonist Mel Collins, der Gitarrist und Sänger Jakko Jakszyk, Tony Levin an E-Bass, E-Kontrabass und Chapman-Stick sowie eben Fripp.

Über das Ausnahmekönnen des Amerikaners Levin, der in seiner Musikerkarriere ja schon mit Paul Simon, Peter Gabriel, Lou Reed, David Bowie, Pink Floyd und John Lennon spielte, braucht man allein ob dieser Aufzählung keine weiteren Worte verlieren. Robert Fripps Status als Gralshüter hochambitionierter und innovativer Popularmusik steht trotz seiner nicht nur optisch osten­tativen Zurückhaltung auf der Bühne ohne­hin außer Frage. Beeindruckend ist aber überdies, wie punktgenau und präzise die drei Drummer miteinander kommunizieren, sich die Bälle zuspielen und eine musikalische Eigenständigkeit entwickeln, die weit über die Rolle eines Metrik- und Rhythmus­fundaments hinausgeht. Folgerichtig also, dass beide Konzertteile mit einer Trommlerintroduktion beginnen. Das „gute alte Schlagzeugsolo“, andernorts eine überkommene Chiffre für altbackenste Rocker­riten, ist hier der bestechende Gruß aus der Hexenküche für die folgende Soundmagie.

Ein sattes Repertoire

Zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens des längst schon zur Institution gewordenen Bandkollektivs King Crimson ist das Septett nach seinem letzten Gastspiel vor drei Jahren und dem vorletzten vor 16 Jahren nun noch einmal in die Liederhalle gekommen. Der Beethovensaal ist am Samstagabend beim ersten der zwei Gastspiele zwar nicht ganz ausverkauft, aber doch stattlich besucht – was zeigt, dass es zumindest bei etwas älteren Popmusikfreunden nach wie vor großes Interesse an qualitativ herausstechender Musik gibt.

Der Auftritt selbst lässt hoffen, dass der soeben 73 Jahre alt gewordene Robert Fripp die Lust an Live-Performances noch lange nicht verloren hat. Traumhaft navigieren er und seine Mitstreiter durch das komplette, in einem halben Jahrhundert erarbeitete Repertoire. Beglückend geraten die Dynamikwechsel, überzeugend die instrumentalen Fertigkeiten, facettenreich ist das Klangspektrum, bruchlos und ohne Leerlauf füllen sie ein druckvolles Konzert, das an Einfallsreichtum bemerkenswert viel zu bieten hat und das am Ende ein staunendes, ergriffenes und zu Recht lange stehende Ovationen spendendes Publikum zurück lässt.