Kinky Galore auf Fridas Pier Sexpositive Party in Stuttgart – am Halsband durch den Club

Zu sexpositiven Partys gehören freizügige und ausgefallene Outfits, zum Beispiel aus Lack und Leder. Foto: Imago/Depositphotos/xgoamix

Regelmäßig kommt die sexpositive Partyreihe „Kinky Galore“ auf das Stuttgarter Clubschiff Fridas Pier. Die Tickets sind in kürzester Zeit ausverkauft. Wir haben eine junge Stuttgarterin dorthin begleitet.

In den Pausen zieht sie; zwischen zwei Sätzen; an einer E-Zigarette. Rauch steigt in die Luft. Hannah* sitzt auf den Steintreppen vor einem Haus im Stuttgarter Osten. Die 26-Jährige mit den hellbraunen Haaren trägt eine schwarze Jogginghose und ein kurzes Top. „Mit 22 bin ich mit meinem Mann das erste Mal zu einer Swingerparty nach Bruchsal gefahren. Wir hatten einfach Lust, etwas Neues zu erleben“, sagt sie und nimmt einen tiefen Zug. „Wir führen eine offene Ehe.“

 

Hannah spricht leise und wirkt auf den ersten Blick schüchtern. Neben der Beziehung zu ihrem Mann trifft sie sich ab und zu auch mit Frauen. Sie ist bisexuell. Über eine Dating-Plattform hat sie im Internet die 23-jährige Sophia* kennengelernt, mit der sie heute Abend auf die sexpositive Party „Kinky Galore“ gehen will. Sophia sitzt neben Hannah auf den Stufen, blondes langes Haar, aufgeschlossenes Lächeln. Welche Art von Beziehung Hannah zu Sophia hat? „Eine Art Freundschaft Plus“, sagt sie und lacht verlegen. Seit Jahren geht Hannah zu sexpositiven Partys. Ihre Erfahrung im Vergleich zu normalen Partys: „Die Leute sind respektvoller und kommunizieren mehr.“ Auch wenn es paradox klingt, die beiden jungen Frauen erklären, dass vor allem dort, wo es besonders nackt und wild zugehe, die Zustimmung aller Beteiligten als oberstes Gebot betrachtet werde.

Neu ist der Begriff von Sexpositivität nicht. Verwendet wurde er in der Frauenbewegung in den 70er und 80er Jahren und stand schon damals für das Recht auf individuelle Sexualität und die Akzeptanz verschiedener Liebesformen.

In den 1990ern und 2000er Jahren eröffneten entsprechende Clubs. Der Berliner Technoclub Berghain war einer der ersten festen Orte schwuler Fetisch- und Sexpartys. Darkrooms und öffentlicher Sex sind noch heute Bestandteil der Veranstaltungen. Ebenfalls Kult ist Berlins bekanntester Fetisch-Club KitKat, auch Ende der 90er eröffnet. „Der KitKatClub war, ist und bleibt hedonistisch, natürlich, bunt, lebendig, musikalisch und kinky“, heißt es auf dessen Webseite. Inzwischen werden in vielen deutschen Großstädten sexpositive Partys veranstaltet.

Wer sich auf die Partys einlässt, akzeptiert damit auch eine ganze Reihe an Regeln. „Wer andere ohne Konsens anfasst, wird umgehend der Party verwiesen“, heißt es beispielsweise seitens des Veranstalters von „Kinky Galore“. An diesem Abend findet die Party auf Fridas Pier statt, einem 60 Jahre alten Frachtkahn, der seit einigen Jahren einer der zentralen Orte des Stuttgarter Nachlebens ist. Wo früher im Unterdeck 900 Tonnen Kies und Kohle transportiert wurden, wummern nun jedes Wochenende die Bässe.

Kleidung spielt eine zentrale Rolle

Die Kleidung spielt bei den besonderen Veranstaltungen eine zentrale Rolle. Der Alltag muss draußen bleiben, entsprechende Kleidung ebenfalls. Die Clubtür von „Kinky-Galore“ gilt demnach als streng, egal ob das Ticket für 40 Euro längst bezahlt ist oder nicht. Auch äußerlich sollen die Gäste in eine andere Welt schlüpfen. Die meisten hier entscheiden sich für schwarze Leder- oder Netzoutfits, aber Experimente sind explizit erwünscht. Eine junge Frau ist im weißen Kleid gekommen und trägt beleuchtete, ausladende Flügel. Viele der Gäste feiern in Unterwäsche, kombiniert mit auffälligem Schmuck. Ein Mann führt seine Partnerin an Halsband und Leine über das alte Schiff. Selbst komplett unbekleidet zu kommen, ist erlaubt. Ein etwa 60 Jahre alter nackter Mann läuft an der Bar vorbei, ohne dass jemand irritiert zu sein scheint.

Strapse statt Jogginghose

Gegen 22 Uhr steigt auch Hannah die Stufen in den Bauch des Schiffes hinab. Ihre lange Jogginghose hat sie inzwischen gegen schwarze Spitzenunterwäsche und Strapse mit schwarzen, leicht transparenten Strümpfen getauscht.

An ihrer Seite sind neben ihrem Mann auch Freundin Sophia und zwei weitere Frauen. Die eine um die 30 Jahre, die andere Mitte 40. „Alter spielt für mich nicht so eine große Rolle“, sagt Hannah und ergänzt: „Wir haben die beiden beim Aktzeichnen, das ebenfalls auf der Party angeboten wird, kennengelernt.“ Die Frauen halten sich an den Händen fest und gehen in Richtung der Tanzfläche, die bereits gut gefüllt ist. Nebel erschwert die Sicht. Vielleicht um den Menschen, die sich zwischen den Tanzenden oder am Rand küssen und anfassen, zumindest einen Hauch an Privatsphäre zu bieten. Während bei anderen Events überall die Handys gezückt werden, gilt hier ein strenges Fotografierverbot.

Am Ende des Raums steht Jan Ehret hinter dem DJ-Pult. Er ist gemeinsam mit seiner Frau Sarah Woods Veranstalter der Partyreihe „Kinky Galore“. Seit sechs Jahren organisiert der Wahl-Berliner die sexpositive Partyreihe, die seit zwei Jahren auch in Stuttgart stattfindet. Sein Markenzeichen: Ein rot geschminkter Balken über den Augen. „Die Party fühlt sich ein bisschen wie nach Hause kommen an“, sagt Ehret, der in Freiburg aufgewachsen ist.

Auch wenn der Süden Deutschlands nicht gerade für Erotik und Offenheit bekannt ist. „Die Leute hier sind tanz- und sexfreudig“, sagt er. „Wir haben ja immer einen Playroom vor Ort, der aber auf Fridas Pier etwas kleiner ausfällt“, sagt der 45-Jährige und meint den halb offenen Container, der am Ufer steht. Ein Din-A4-Schild weist ihn als „Playroom“ aus, ein Ort, wo sich Paare gezielt zum Sex zurückziehen können. Eine aufwendige Inneneinrichtung oder richtige Betten gibt es nicht, lediglich eine Art Bank. Draußen hat es etwa zehn Grad, wer sich hier trifft, darf nicht kälteempfindlich sein. „Dass es nur den kleinen Playroom gibt, juckt die Stuttgarter nicht. Die bumsen wirklich durch den ganzen Laden“, erzählt er und lacht.

Mehr als nur Sex

Die Autorin und Sexualtherapeutin Beatrix Roidinger erklärt in ihrem gleichnamigen Buch die Faszination rund um das Konzept „Sexpositiv“. Es handele sich beim Begriff sexpositiv um eine Haltung. Beziehung und Intimität würden in unserer Gesellschaft gerade neu verhandelt. „Die sexpositive Haltung ist hedonistisch. Sie sieht Sexualität als eine wesentliche Quelle für ein gesundes und erfülltes Leben. Sie fördert sichere, konsensuale und lustvolle Begegnungen und schafft damit die Möglichkeit, die persönliche Sexualität in vollen Zügen zu genießen“, führt sie aus.

Die Haltung hinter der Idee bewerte nicht, was richtig oder vermeintlich normal ist, sondern ermutige Menschen, ihren individuellen Weg zu finden. Sie will den Begriff nicht nur aufs Partymachen begrenzt verstanden wissen. Immer häufiger fänden entsprechende Festivals, Workshops und sogar Konferenzen statt. Sie sieht darin eine „soziale Bewegung“, die gleiche Rechte einfordert, unabhängig von Geschlecht, Beziehungskonzept oder sexuellen Vorlieben.

„Es geht vor allem um das Zusammenkommen von coolen Leuten mit dem gleichen Mindset“, sagt auch Ehret über seine Partys. Auf Fridas Pier geht es an diesem Abend nicht nur um Sex. Viele sind neugierig, manche sagen, sie seien vor allem zum Tanzen hier.

Hannahs „Kussmischmasch“

Im Bauch des alten Schiffs tanzt die Masse in die Nacht hinein immer ausgelassener zum Beat. Die kleine Gruppe um Hannah hat sich am Rande der Tanzfläche unter Deck zusammengefunden. Die Fünf küssen sich abwechselnd, ein „Kussmischmach“, wie Hannah das nennt. In anderen Ecken der Partylocation haben Menschen offen Sex. Prüderie herrscht an diesem Abend nicht auf Fridas Pier. Sexualität wird nicht nur toleriert, sondern zelebriert. Doch wer es hier inmitten des Raumes vor anderen tut, der wird nicht zur Attraktion oder sogar angegafft. Er wird akzeptiert, Teil eines Ganzen, zumindest für eine Nacht.

*Namen wurden von der Redaktion geändert.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Sex