Diese Geschichte mit dem Untertitel „Novelle einer Leidenschaft“ hatte das Duo schon länger im Blick, wie Stülpnagel erzählt: „Wir suchen immer etwas, bei dem wir beide Feuer fangen, bei dem es musikalische Resonanzen gibt, und das uns sprachlich überzeugt. Stefan Zweigs Sprache hat eine große Kraft, sie ist unglaublich reichhaltig und bildhaft. Und es ist großartig, wie er sich in diesem Stück in die Psyche und die Gefühle einer Frau hineinversetzt. Dieser Perspektivwechsel hat uns sehr gereizt.“
Geschichte aus einem Guss
Die Inszenierung entsteht in einem Prozess der gemeinsamen Auseinandersetzung mit dem Stoff und den Figuren. Die Entscheidung, 90 Minuten ohne Pause zu spielen, fiel bewusst: „Die Geschichte ist aus einem Guss. Das Stück ist sehr intensiv, konzentriert und entwickelt einen richtigen Sog, da wäre es schade, das zu unterbrechen“, erklärt Michael Stülpnagel. Das Bühnenambiente ist – wie immer beim Duo Phantasma – puristisch: Ein Tisch, ein Hocker, eine Leselampe, ein Wasserglas, das Textbuch und Weigles Instrumente – mehr nicht. Der Text und seine Gedanken stehen im Mittelpunkt, die Musik tut ein Übriges, um die Geschichte und ihre Protagonisten vor dem geistigen Auge lebendig werden zu lassen.
Die eigene Fantasie anregen
„Wir öffnen einen kleinen Raum, der hoffentlich in den Köpfen groß wird. Wir wollen die Kraft der eigenen Fantasie anregen. Die Musik hilft, alles um sich herum zu vergessen, und sie nimmt uns mit in eine völlig andere Welt“, beschreibt Michael Stülpnagel. „Bei diesem Buch hatte ich sehr schnell Bilder im Kopf, die mir halfen, Klänge und Kombinationen von Klängen zu finden, die eine bestimmte Atmosphäre schaffen, mit der ich dann wie für eine Filmmusik die Erzählung unterlege“, erklärt Johannes Weigle seine Vorgehensweise beim Arrangieren des Live-Soundtracks: „Hier gibt es einerseits eine melodiöse Ebene mit Flügel und elektronisch eingespielten Melodie- und Klangteppichen, andererseits mit Bass und Percussion eine Art subkutane Folie, die eine untergründige Unruhe symbolisiert.“ Wie heißt es doch bei Stefan Zweig: „In unmittelbarer Tastnähe des Gefühls.“
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Genau darum geht es auch in der Novelle: Als im „Palace Hotel“ an der Riviera die junge Madame Henriette verschwindet, kommt in einer kleinen Pension gegenüber in einer bis dato eher betulichen Tischgesellschaft Unruhe auf: Nach nur zwei Stunden Bekanntschaft hat Henriette mit einem ebenso eleganten wie charmanten Franzosen das Weite gesucht und Mann und Kinder verlassen. Die Tischrunde diskutiert diese skandalöse unerhörte Begebenheit, dieses „blitzschlaghafte Ereignis“, vehement und kontrovers: Ist das moralisch zu verurteilen, wenn „die kleine Madame Bovary“ mit ihrem „jungen Hübschling“ durchbrennt? Oder kann so ein „Coup de Foudre“ jeden treffen? Macht Liebe blind? Soll man dem Gefühl folgen oder doch lieber dem Verstand? Wie lange hält derart glühende Leidenschaft wohl an? Allein der junge Erzähler und eine ältere englische Lady haben Verständnis für die spontane Liebesglut. Später, unter vier Augen, gesteht diese alte Dame, dass sie sich einst im Kasino von Monte Carlo Hals über Kopf in einen viele Jahre jüngeren Mann verliebte, einen Spieler.
Zuhören hilft
Zweigs Geschichte ist das erste deutschsprachige Werk, welches das Duo Phantasma aufführt. Sie ist spannend und unterhaltsam zugleich, und sie bietet, so Stülpnagel, Gedanken, die auch heute aktuell sind: Nur wer zuhört, kann andere Menschen kennenlernen. Man kann nicht jeden vor dem Untergang retten. Auch Helfende müssen sich schützen, um nicht ins Unglück mitgerissen zu werden. Lässt sich ein Verbrechen aus Leidenschaft rechtfertigen? Zweigs Erzähler hat eine klare Meinung, schließlich sei er Privatperson und nicht Teil der Justizbehörde: „Mir persönlich macht es mehr Freude, Menschen zu verstehen, als sie zu richten.“
Musik und Text in besonderer Atmosphäre
Kino im Kopf
Als Duo Phantasma inszenieren der Erzähler Michael Stülpnagel und der Musiker Johannes Weigle „emotionales Kopfkino“: Sie verschränken Text und Musik zu einem Hörstück, das das Werk, seine Gedanken und seine Charaktere in den Mittelpunkt stellt. Der Multi-Instrumentalist Weigle sorgt mit seinen eigens arrangierten Kompositionen für Atmosphäre. Das aufwendig sanierte einstige Traditionskino Scala am Esslinger Charlottenplatz ist zur künstlerischen Heimat des Duos geworden, das viele treue Zuschauer gewonnen hat.
Vorstellungen Weitere Aufführungen von „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ in der Scala am Esslinger Charlottenplatz (Blumenstraße 15) gibt es an den Sonntagen 10. und 17. Oktober jeweils um 17.30 Uhr, und im kommenden Jahr am 16. Januar, 13. Februar, 8. Mai und 26. Juni. Tickets sind online bei Reservix oder in der Esslinger Buchhandlung Provinzbuch in der Küferstraße 9 erhältlich. Zusätzlich zum Kartenkauf ist eine Anmeldung per E-Mail unter scala@richtungdichtung.de erforderlich. Die aktuellen Hygiene-Regeln finden sich im Internet unter www.richtungdichtung.de