Strahlend steht ein bärtiger Mann mit Brille vor dem Stuttgarter Kino Delphi. Wie eine lichtscheue Gestalt sieht der Höhlenfan nicht aus. Draußen scheint am frühen Abend die Sonne, doch Westhauser ist einer, den es immer wieder in die Finsternis zieht. Der 60-Jährige, der am Institut für Angewandte Physik in Karlsruhe forscht, wird sich die Stuttgart-Premiere des Films „Das Riesending“ von Regisseur Freddie Röckenhaus im dunklen Kinosaal anschauen. Das Schattenreich der längsten und tiefsten Höhle in Deutschland – zumindest von denen, die bekannt sind – fasziniert den Verunglückten, der keine bleibenden Schäden erlitten hat, noch immer, auch wenn er darin fast sein Leben verloren hat.
Westhauser erinnert sich nur an italienische Wortfetzen
Spürt er keine Angst nach womöglich traumatischen Erlebnissen, in die Tiefe von 1149 Metern zu steigen und sich auf 22,6 Kilometern Länge durchzukämpfen? „Aber nein“, antwortet Westhauser, „ich war damals nicht bei Bewusstsein.“ Sind ihm keinerlei Erinnerungen an die Dramatik geblieben? „So gut wie keine“, sagt der 60-Jährige, „ich hab nur noch italienische Wortfetzen im Ohr, die um mich herum gesprochen wurden.“ Retter waren aus Italien angereist.
Was ihn immer wieder runterzieht in die verwinkelten, oft engen und mitunter von Wasserfällen überfluteten Höhlenverzweigungen? „Ich bin neugierig“, sagt Westhauser. Ein Ziel treibt ihn an: Unbedingt will er dabei sein, wenn mal das Ende und der Ausgang des „Riesendings“ entdeckt werden.
Beklemmende Aufnahmen aus dunklen Tiefen
Der Stuttgarter Ulrich Meyer hat mit Herrmann Sommer die Höhle, deren Eingang sich auf dem Untersberg auf 2000 Meter Höhe befindet, 1996 entdeckt. „Dem Kollegen entfuhr der Ausruf ,Das ist ja ein Riesending!‘“, erinnert sich Meyer vor dem Delphi. So kam die Höhle, deren Zugang nach dem Unglück abgesperrt worden ist, damit sie keine Touristen anlockt, zu ihrem Namen. Nur absolute Profis dürfen für wissenschaftliche Zwecke runter – fünf von ihnen sind Protagonisten des Höhlenfilms, der ein Thriller ist. Regisseur Röckenhaus, einst Redakteur beim „SZ-Magazin“, hatte zuletzt großen Erfolg mit dem Film „Deutschland von oben“. Jetzt führt er „Deutschland von unten“ vor – mit oft beklemmenden Aufnahmen, bei denen man selbst im sicheren Kinosaal zuweilen klaustrophobische Ängste spürt.
Meyers Eltern sind zur Premiere gekommen. Endlich sehen sie, womit im Detail ihr Sohn mit dem Cannstatter Höhlenverein fern vom Sonnenlicht tagelang beschäftigt ist, wenn er wieder mal mit seinen Kumpels abtaucht. Körperlich fit und mental stark müssen die Männer sein, die sich auf dieses Abenteuer einlassen. Die fünf Helden – diesmal mit Helmkamera auf dem Kopf – reden im Film meist nicht viel. Ihre ganze Energie konzentriert sich auf die Arbeit, etwa in bizarren Höhlenhallen, die aussehen, als sei man auf dem Mars oder Mond. Es geht – immer an Seilen – durch vom Wasser gefräste Schächte, die so hoch sind wie der Stuttgarter Fernsehturm. Abends in den Biwaks, wo Campingkocher stationiert sind und das fließende Wasser von den Wänden geschöpft wird, wird’s lustig. Man spricht Schwäbisch. Ulrich Meyer rührt eine Suppe mit der Zange. Die Kollegen wollen wissen, was da köchelt. Ist’s ein Brühwürfel? Oder gar ein Klumpen Dreck?
Baden-Württemberg ist ein Epizentrum der Höhlenforschung
Wie gefährlich die Erforschungen der Höhlen sind, weiß Meyer, der als Geodät arbeitet, ganz genau. Gleich bei einer der ersten Expeditionen erlitt er einen Unfall. Sein Innenband am Knie riss, nach drei Tagen Ruhe im Biwak konnte er wieder laufen und aus eigener Kraft aus der Höhle steigen.
Viele Retter kommen vom Cannstatter Höhlenverein. Baden-Württemberg ist mit der Schwäbischen Alb so etwas wie das Epizentrum der deutschen Höhlenforschung. Als Dank sind die Filmemacher zur Premiere nach Stuttgart gekommen. Im Delphi außerdem noch mit dabei: Höhlenforscher Marcus Preißner, ein Münchner, der nun in Vaihingen lebt, und die junge Kamerafrau Katharina Bitzer aus Waiblingen. Die „erste Premiere nach dem Lockdown“ hat Delphi-Chef Simon Erasmus auf den frühen Abend gelegt, also das „Riesending“ für einen zu 60 Prozent gefüllten Saal (mehr ist nicht erlaubt), weil am späten Abend mit „Roamers“, ein Film über die „Jagd nach Links im Netz“, die zweite Premiere desselben Tages folgt.
Immer wieder hängt sein Leben am Seil
Cineasten sind im Glück. Es geht wieder aufwärts! Forscher Johann Westhauser liebt es abwärts. Vor zehn Tagen war er zuletzt in der Riesenhöhle in Bayern. Die Heimfahrt im Unwetter sei „gefährlicher“ gewesen. Noch immer hat er den Höhlenausgang in den ungezählten Verästelungen nicht gefunden. Er wird also wieder hinabsteigen und suchen. Und immer hängt dabei sein Leben am Seil.
Infos
Vorstellungen
Am 9. August läuft der Doku-Film „Das Riesending“ beim Open Air Kino in Vaihingen an der Enz. Höhlenforscher Marcus Preißner wird anwesend sein. Weitere Vorstellungen gibt es im Delphi-Arthaus-Kino in Stuttgart, etwa am Sonntag, 25. Juli, um 15.45 Uhr