Kinofilm „Schimpansen“ Das wahre Ende des kleinen Oskar

Der große Freddy knackt Nüsse mit einem Stein und teilt sie mit dem kleinen Oskar, der seine Mutter verloren hat. Foto: Disney
Der große Freddy knackt Nüsse mit einem Stein und teilt sie mit dem kleinen Oskar, der seine Mutter verloren hat. Foto: Disney

Diese Geschichte soll das Leben geschrieben haben: ein Schimpanse adoptiert den Waisen Oskar. Doch der Disney-Film ist in die Kritik geraten – und mit ihm der wissenschaftliche Berater. Wie viele Tricks sind in Naturfilmen erlaubt? Ein Bericht und ein Kommentar

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Die Naturfilmsparte von Disney hat die Tiere als Kinohelden für ein junges Publikum entdeckt. Im Spielfilm „Schimpansen“ wird seit dem 9. Mai die Geschichte eines Jungtiers erzählt, das seine Mutter verliert und in einem weißbärtigen Männchen des Clans einen liebevollen Pflegevater findet – Wahrheit oder ein modernes Dschungelbuch?

Am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erforscht der Schweizer Christophe Boesch das Verhalten der Schimpansen im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste. Seit rund 30 Jahren ist Boesch, einer der Institutsdirektoren, dort im Dschungel unterwegs und hat zahlreiche Studien über die Tiere mitveröffentlicht – über ihr Familienleben, übers Lausen, Nussknacken, Ameisenangeln, Honigessen und über ihre botanischen Kenntnisse. Aber auch über die Jagd der Schimpansen auf kleine Äffchen und töd­liche Grenzstreitigkeiten mit anderen Schimpansen-Clans. Boesch hat das Disney-Filmteam wissenschaftlich beraten.

Wie also steht es um Adoptionen im Dschungel? „Wir haben mit den Jahren fast 35 Fälle von Waisenkindern bei Schimpansen beobachtet. Fast die Hälfte von ihnen wurde adoptiert“, berichtet Boesch. „Normalerweise machen das ältere Brüder, Schwestern oder auch ein fremdes Weibchen. Wir haben aber auch einige Fälle von fremden Männchen gesehen, die sich gekümmert haben.“ (Die Fälle hat Boesch mit seinen Kollegen in einem Fachartikel dokumentiert.)

Die größte Bedrohung für die Affen ist das Abholzen der Wälder

Das Disney-Filmteam hatte bei seinen rund 700 Drehtagen im Dschungel ausgesprochenes Glück. Die Naturfilmer stießen bei 40 Grad im Schatten und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit, von Bienen und Mücken umschwärmt, auf ein verwaistes Jungtier. Nachdem es bei allen Weibchen vergeblich um Schutz und Hilfe gebettelt hatte, sprang völlig unerwartet ein Männchen der Gruppe als Ziehvater ein – die Wissenschaftler nennen ihn Freddy. „Er hat den kleinen Schimpansen sogar auf seinem Rücken getragen. Das würde ein erwachsenes Männchen sonst nie machen“, berichtet Boesch. Der riesige Schimpanse, nachweislich nicht der Vater des Jungtiers, teilte seine Nahrung mit seinem rund zweieinhalbjährigen Adoptivsohn, lauste ihn und ließ ihn in seinem Baumnest schlafen.

Doch damit ist das Dschungelmärchen auch schon zu Ende. Sieben Monate nach seiner Adoption verschwindet der kleine Filmheld spurlos. „Ein dreijähriger Jungschimpanse überlebt nicht allein im Dschungel. Da gibt es keine Hoffnung, er ist mit Sicherheit tot“, sagt Boesch. Das liege nicht an der Unfähigkeit des Adoptivvaters, sondern an den harten Gesetzen des Dschungels. Rund die Hälfte aller Schimpansenkinder im Nationalpark werde nicht älter als fünf Jahre.

Ein Hauptfeind der Schimpansen an der Elfenbeinküste sind Leoparden, außerdem gibt es Kämpfe mit anderen Clans und Krankheiten – auch Infektionen, die von Menschen eingeschleppt werden. Schon ein Schnupfen könne einen Schimpansen umbringen, sagt Boesch. Deshalb haben Wissenschaftler im Nationalpark strenge Hygienevorschriften. Doch Wilderer auf der Jagd nach Bushmeat – Schimpansensteak für teure Restaurants – scheren sich nicht darum. Hinzu kommt als größte Bedrohung die Abholzung des Regenwalds. Schimpansen stehen bei der Weltnaturschutzorganistation IUCN auf der Roten Liste gefährdeter Arten – auch, weil ihr Lebensraum immer weiter schwindet.

Das sei der Hauptgrund, warum er das Disney-Team beraten habe, sagt Boesch. Er sucht nach einer Lobby für die bedrohen Tiere. Denn in den vergangenen 20 Jahren habe allein die Schimpansen-Population an der Elfenbeinküste um 90 Prozent abgenommen, berichtet Boesch.

Wie hilfsbereit Schimpansen sind, wird noch untersucht

Der Disney-Film ist ein Spielfilm und keine reine Dokumentation. Er ist geschnitten und hat sich im Dschungel weder chronologisch noch immer an derselben Stelle abgespielt – einige Aufnahmen stammen sogar aus Uganda, weil dort der Wald lichter ist. Dennoch wird er vom Filmverleih als „wahre Geschichte“ vermarktet. Das hat Disneynature und Christophe ­Boesch vor allem in deutschen Medien Kritik eingebracht. In einem Artikel des Magazins „Spiegel“ ist von einem „Affenmärchen“ die Rede; in der „Berliner Zeitung“ wird Boesch vorgeworfen, er habe sich als Filmpromotor verbogen.

Disney-Naturfilmer Alastair Fothergill versteht die deutsche Aufregung nicht ganz. Der Brite erlag vor 23 Jahren bei einer TV-Dokumentation für die BBC im Taï-Nationalpark dem Charme der Schimpansen. „Sie sind fantastische Kinostars“, sagt er heute. Als 2006 die Anfrage von Disneynature nach einem Tierfilm kam, schlug er Schimpansen vor. Mit vielen Szenen habe er im Dschungel gerechnet. „Aber diese Adoption kam für uns völlig überraschend“, sagt er. Sie sei der Kern des Films geworden, andere Szenen seien für diese Geschichte kombiniert worden. Unter anderem sind Szenen mit jungen Schimpansen nachträglich gedreht worden: der kleine Oskar wird von fünf Tieren gespielt.

Auch Boesch betont, dass die wissenschaftlichen Fakten im Film korrekt seien (siehe auch die Pressemitteilung seines Instituts). Schimpansen verhielten sich genauso – samt Adoption, auch wenn sie in der im Kino gezeigten Form wirklich sehr selten sei. Lässt sich also sagen, dass Schimpansen manchmal selbstlos handeln, altruistisch wie Menschen? Boesch zögert: „Man muss dafür sicher sein, dass es keinen Verwandtschaftsgrad zwischen Waisenkind und Adoptiveltern gibt. Bei dem Affenkind im Film war das der Fall.“ Es werde aber unter Wissenschaftlern diskutiert, ob eine solche Adoption Altruismus sei. „Vielleicht sieht es auch nur so aus“, sagt Boesch.

Unsere Empfehlung für Sie