Kinokritik: „Abgang mit Stil“ Wilder leben als im Seniorentreff

Von Gebhard Hölzl 

Michael Caine, Morgan Freeman und Alan Arkin setzen auf eine Rentensicherung der anderen Art. Unter der Regie von Zach Braff überfällt das Altherren-Trio auf altmodische Weise eine Bank – lustig, charmant und hintersinnig.

Diese drei reifen Herren (Alan Arkin, Morgan Freeman und Michael Caine, v. li.) haben größere Pläne als auf einen höheren Rentenbescheid zu warten. Foto: Verleih 48 Bilder
Diese drei reifen Herren (Alan Arkin, Morgan Freeman und Michael Caine, v. li.) haben größere Pläne als auf einen höheren Rentenbescheid zu warten. Foto: Verleih

Stuttgart - Sucht man nach jemanden, auf den die Adjektive „hip“ und „cool“ wirklich passen, dann kommt man an Michael Caine nicht vorbei. In über 160 Filmen hat er seit Mitte der fünfziger Jahre mitgewirkt, in Klassikern wie „Alfie“ oder „Ipcress – streng geheim“, Oscar-prämiert in „Hannah und ihre Schwestern“ und „Gottes Werk und Teufels Beitrag“. Und in „Der weiße Hai IV“, für den Caine sich nicht schämt: „Ich habe den Film nicht gesehen. Er soll schrecklich sein. Aber das Haus, das ich mir von der Gage leisten konnte, kann sich wirklich sehen lassen.“

Der gebürtige Londoner Maurice Joseph Micklewhite, der sich den Künstlernamen vom Minensuchboot aus „Die Caine war ihr Schicksal“ borgte, ist in allen Genres zu Hause, markant sind seine kurzsichtigen Augen, eindringlich ist die Stimme mit dem Cockney-Akzent, der immer wieder durchbricht – wer Caine nie im Originalton hat sprechen hören, kennt ihn nicht wirklich.

Die Renten sind futsch

Einen „Englishman in New York“ spielt er nun in „Abgang mit Stil“, einer Variante seines Heist-Movies „Charlie staubt Millionen ab“, tatsächlich jedoch ein freies Remake von Martin Brests „Die Rentnergang“ (1979). Das Drehbuch stammt von Theodore Melfi („Hidden Figures: Unerkannte Heldinnen“), inszeniert hat es Zach Braff, bekannt als J. D. in der populären Krankenhaus-Sitcom „Scrubs“, gefeiert als Regisseur des melancholischen Coming-of-Age-Dramas „Garden State“.

Drei Leinwandgranden, neben Caine noch der unverwüstliche Morgan Freeman („Die Verurteilten“) und Hollywood-Urgestein Alan Arkin („Little Miss Sunshine“), hat er zusammengespannt, sie spielen die Senioren Joe, Willie und Albert. Ihre Rente wollen die Kumpels genießen, auf der „falschen“ Seite des Big Apple, östlich der Williamsburg Bridge im hemdsärmeligen Arbeiterviertel Queens. Doch daraus wird nichts. Ihre alte Firma, ein Stahlwerk, ist aufgekauft worden und wird abgewickelt, die Hausbank bedauert – die einbezahlten Pensionen werden anderweitig gebraucht.

Vier gegen die Bank

Irgendwie kommt einem das bekannt vor: „Diese Banken haben dieses Land praktisch zerstört, aber es hat nie Konsequenzen für sie gegeben . . .“, heißt es einmal. Durchaus ernst ist die familienfreundliche Komödie im Subtext, märchenhaft bleibt sie an der Oberfläche. Die rüstigen Rentner beschließen, sich zu wehren, sich ihr Geld mittels eines Überfalls zurückzuholen. „Vier gegen die Bank“ heißt es fortan, Jesus (John Ortiz), ein Verwandter Joes, wird als professioneller „Berater“ engagiert. „Inspiriert“ von einem Banküberfall, dessen Zeuge Joe zufällig wird, hecken die Herren ihren Plan aus, sorgfältig basteln sie an ihrem Alibi . . .

Mit einem feinen Gespür für Details führt Braff seine Helden ein: Den wortgewandten Joe, der ein enges Verhältnis zu seiner Tochter und der aufgeweckten Enkelin (Joey King) unterhält, den stets gut gelaunten Willie, der eine Spenderniere braucht, und dessen ewig grummelnden Wohnungsgenossen Albert, auf den die lebenslustige Annie (großartig: Sixties-Sexsymbol Ann-Margret) ein Auge geworfen hat. Gemeinsam sitzen die „old boys“ vor der Glotze und schauen Dating-Shows, gemeinsam hängen sie in Nat’s Diner ab oder essen im Seniorentreff, wo sie die Qualität der Speisen bemängeln. Testweise überfallen sie den örtlichen Minimarkt und fliehen mit einem elektrischen Rollstuhl – direkt in die Hände der Polizei. Eine misslungene Generalprobe. Umso besser klappt dann der gechillte, altersbedingt etwas hüftsteif durchgeführte Raubzug.

Warme Farben, flotter Soundtrack

Die Versatzstücke sind allesamt bestens bekannt, ebenso das Personal bis hin zum nervigen, etwa tumben Polizisten Hamer (Matt Dillon). Was die Qualität ausmacht ist die liebevolle, flotte Umsetzung – ob nun der mittels bewährter Split-Screen-Technik geschilderte Coup, die in warmen, frohen Farben gehaltenen, in diesem Fall unverbrauchten Großstadtbilder von Kameramann Rodney Charters oder die Hits des sorgsam zusammengestellten Soundtracks, darunter „Higher Ground“ von Stevie Wonder oder „Hallelujah I Love Her So“ von Ray Charles.

Und was dem Film an Action, Trubel und Tempo fehlt, machen die Akteure mit reichlich Wortwitz wett. Frage: „Seid ihr Bullen?“ Antwort: „Na ja, eher alte Ochsen.“ Aber welche mit Stil – wie das finale große Fest beweist.

Sehen Sie hier den Trailer zu „Abgang mit Stil“:

Abgang mit Stil. USA 2017. Regie: Zach Braff. Mit Morgan Freeman, Michael Caine, Alan Arkin, Ann-Margret. 96 Minuten. Ab 6 Jahren.