Kinokritik: Axolotl Overkill Selbstzerstörung als ausgefallenes Hobby

Ein Spiel mit dem Feuer, auch im Bild: Jasna Fritzi Bauer spielt in „Axolotl Overkill“ die Jugendliche Mifti, die eine ungesunde Freiheit lebt. Foto: Verleih
Ein Spiel mit dem Feuer, auch im Bild: Jasna Fritzi Bauer spielt in „Axolotl Overkill“ die Jugendliche Mifti, die eine ungesunde Freiheit lebt. Foto: Verleih

Helene Hegemann hat ihren Skandalroman „Axolotl Roadkill“ als wohlkalkulierten, aber zahmen Tabubruch verfilmt. Darin verstellen intellektuelle Verweise und Anspielungen den interessanten Kern der Geschichte einer elternlosen, wohlstandsverwahrlosten Pubertät.

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Berlin - Menschen jenseits der dreißig verdrängen gern, wie mühsam das Leben als Teenager sein kann mit all den Beschränkungen, dem leidigen Gebimse in der Schule, überbesorgten Eltern und nervtötenden Geschwistern. Doch Mifti (Jasna Fritzi Bauer), zarte 16, lebt eine Freiheit, von der die meisten ihrer Altersgenossen nur träumen – eine gefährliche, von Erwachsenen unbeaufsichtigte voll von Sex, Drogen und ungesunden Bekanntschaften, mitten im Moloch Berlin, wo alles einen Tick verrückter und verruchter zugeht.

„Axolotl Overkill“ heißt die Verfilmung des 2010 erschienenen Erfolgsromans „Axolotl Roadkill“ der 1992 geborenen Autorin Helene Hegemann. Mit ihrer Beschreibung einer Jugend im Ausnahmezustand landete sie damals auf Anhieb einen Hit, sowohl beim Lesepublikum als auch bei der Kritik – weil die Erzählung von einem literarischen Talent zu zeugen schien, das man eher einem Menschen mit mehr Lebenserfahrung zugetraut hätte, nicht aber einer jungen Frau knapp unter zwanzig. Manch ein Leser erinnert sich noch vage an die Plagiatsvorwürfe, die kurz nach der ersten Begeisterung um „Axolotl Roadkill“ aufkamen. Der Blogger Deef Pirmasens hatte einige Stellen in Hegemanns Buch ausgemacht, die die Autorin offensichtlich dem 2009 erschienenen autobiografischen Roman „Strobo“ des Berliner Autors Airen entnommen hatte. Die folgende Debatte in den Feuilletons, ob es sich bei den strittigen Passagen um zulässige ­Zitate oder dreiste Kopien handelte, konnte den Erfolg von Hegemanns Roman nicht nachhaltig beschädigen. Der zweiten Auflage des Buches wurden detaillierte Quellenangaben beigefügt und mit dem literaturwissenschaftlichen Schlagwort der Intertextualität weitergehende Bedenken beiseitegewischt. So oder so: Das Buch umgibt bis heute der Nimbus des Skandalösen.

Ausgelassen agiert Jasna Fritzi Bauer als rehäugige Kindfrau

Dieser könnte Hegemanns zahmer Verfilmung des eigenen Buches nun vielleicht nützen. Denn die Geschichte um Mifti, die mit ihren älteren Geschwistern Anika (Laura Tonke) und Edmond (Julius Feldmeier) in einer WG lebt, ist nicht wirklich spektakulär. Wohl auch, um jüngeres Publikum mitzunehmen – der Film ist frei ab zwölf Jahren – ist der episodisch angelegte Plot gegenüber dem Buch entschärft.

Ausgelassen agiert darin Jasna Fritzi Bauer als rehäugige, aber schlagfertige Kindfrau, die nur noch selten zur Schule geht und sich nächtens durch das Berliner Clubleben treiben lässt. Mit der wesentlich älteren, polyglotten Kunsthändlerin Alice (Arly Jover), die ein wenig an die 68er-Ikone Uschi Obermaier erinnert, unterhält Mifti eine Affäre. Als diese zerbricht, gabelt sie in einer Bar einen Typen Mitte vierzig auf. Später vögelt Mifti einen Taxifahrer auf einem abgelegenen Industriegelände. „Vielleicht müsste ich mal vergewaltigt werden“, sinniert sie danach. Mit ihrem Vater (Bernhard Schütz), der das konservative Stereotyp des überheblichen Linksintellektuellen erfüllt und standesgemäß samt Geliebter in einer karg möblierten Sichtbetonvilla haust, führt Mifti einen klugen Disput über den Zusammenhang von Terrorismus und Kunst. Im Abspann erfährt man, dass diese im Film mit diversen „Fick-dich“-Flüchen gespickte Diskussion einem Buch des Philosophen und Medientheoretikers Boris Groys entnommen ist. Mit Ophelia (Mavie Hörbiger), einer Schauspielerin, probiert Mifti harte Drogen.

Grenzüberschreitungen sind zu kalkuliert

Das klingt nach deftigem Tobak. Doch die verbalen Grenzüberschreitungen und zynischen Zuspitzungen sind hier derartig kalkuliert, dass sie ihr Ziel verfehlen, die Zuschauer bei den eigenen Moralvorstellungen zu packen. Hegemann, Tochter des langjährigen Chefdramaturgen der Berliner Volksbühne, Carl Hegemann, bedient sich der sprachlichen und ästhetischen Mittel, die das Bühnenschaffen Frank Castorfs und René Polleschs auszeichnen.

Die ambitioniert intellektuellen Verweise und Anspielungen verstellen letztlich den interessanten Kern der Geschichte einer elternlosen, wohlstandsverwahrlosten Pubertät, wie man sie öfter in der Literatur und im Film findet – angefangen bei Georg Büchners märchenhafter Gesellschaftssatire „Leonce und Lena“ (1838) über zwei tödlich gelangweilte Königskinder bis hin zu Bret Easton Ellis’ Pubertätshorror „Unter Null“ (1985), der in der verlotterten Schickeria von Los Angeles angesiedelt ist und ähnlich wie Hegemanns Buch autobiografische Züge trägt.

Während die Figuren bei Büchner und Ellis tragisch sind und unter ihrer eigenen Verkommenheit leiden, gefällt sich Hegemanns Mifti in der Rolle der stolzen Elenden, die Selbstzerstörung als ausgefallenes Hobby betreibt. Ein unangenehm abgebrühtes Projekt.




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