Kinokritik: „Belfast“ Kenneth Branaghs Nordirland-Epos

Die Barrikaden stehen schon, aber die Stimmung ist noch gut: Caitríona Balfe und Jamie Dornan in „Belfast“ Foto: Focus Features/Rob Youngson

In seinem schwarz-weißen Historienfilm „Belfast“ erzählt Kenneth Branagh am Beispiel einer Familie, wie 1969 in Nordirland der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken eskaliert.

Stuttgart - Die Menschen sind fassungslos in der Wohnstraße des kleinen Buddy in Belfast, als randalierende Protestanten im Jahr 1969 die Wohnungen von Katholiken angreifen. Seit sie denken können, leben britischstämmige Protestanten und irischstämmige Katholiken friedlich Tür an Tür in der Hauptstadt Nordirlands, das zu Großbritannien gehört. Doch es braut sich etwas zusammen – und schon bald werden bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen.

 

Der britische Regisseur Kenneth Branagh, derzeit auch mit der Agatha-Christie-Neuverfilmung „Tod auf dem Nil“ im Kino, ist selbst 1960 in Belfast geboren – als Sohn von Protestanten, die 1969 ins englische Reading umsiedelten, um den Unruhen zu entkommen. Der Blick des kleinen Buddy in seinem Filmdrama „Belfast“, für das er selbst das Drehbuch verfasst hat, ist also autobiografisch aufgeladen und geht an die Wurzel der „Troubles“, wie der Konflikt vor Ort heißt. Branagh hat in Schwarz-Weiß gedreht. Er markiert damit sowohl eine zeithistorische Stilisierung als auch symbolisch die sich verhärtenden Fronten. Dabei geht es ihm nicht um die Auseinandersetzung als solche, die in Filmen wie „In the Name of the Father“ (1993) und „Bloody Sunday“ (2002) hinlänglich bearbeitet worden ist – sondern allein um die Menschen.

Branagh geht es nur um die Menschen

Buddy (Jude Hill) ist ein aufgeweckter kleiner Kerl, dessen Vater (Jamie Dornan) in England arbeitet. Wenn der am Wochenende nach Hause kommt, feiert die Familie und vor allem Buddys lebenslustige Mutter (Caitríona Balfe), die in Belfast verwurzelt ist. Buddys Großvater (Ciarán Hinds) füllt den Kopf seines Enkels mit philosophischen Ideen. Die oft kratzbürstig wirkende Großmutter (Judi Dench) dagegen zeigt ihm, was es bedeutet, ein großes Herz zu haben.

Die Kamera blickt mitten hinein in eine bedrohte Lebenswelt

Branagh setzt seine Figuren mit großer Präzision in Szene, die Kamera blickt mitten hinein in ihre bedrohte Lebenswelt. Der Kinderdarsteller Jude Hill wirkt völlig natürlich als Spielball der Gezeiten, als einer, der die Welt nicht mehr versteht. Die Irin Caitríona Balfe bewegt sich mit großer Anmut durchs Chaos, sie verkörpert den Zwiespalt in jeder Geste. Jamie Dornan spielt den galanten Mann, der aus dem Stand für Stimmung sorgen kann, aber nicht alle seine Versprechen einlöst. Ciarán Hinds und Judi Dench geben ein wunderbar knorriges Seniorenpaar, das sich nach gemeinsamen Jahrzehnten aneinander abarbeitet und dabei inniglich liebt.

Branagh lässt sich Zeit mit der Eskalation, in Schlaglichtern schleicht sie sich ins Bewusstsein der Zuschauer. Anfangs kehren die Bewohner der Straße einfach zusammen und pflegen weiter ihre freundliche Nachbarschaft, auch wenn sie nun an den Straßensperren kontrolliert werden. Die Menschen haben kleine Scherze auf den Lippen, die Kinder spielen draußen, als wäre nichts gewesen, die Erwachsenen trinken und tanzen, Songs des 1945 in Belfast geborenen Van Morrison transportieren den Geist des Aufbruchs der späten 60er Jahre.

Der Druck auf die Familie wächst stetig

Doch immer öfter stören Fanatiker, Brandstifter, Bürgerkriegstreiber die Ruhe. Sie säen Zwietracht und versuchen, Mitstreiter zu rekrutieren. Buddys Vater weigert sich beharrlich, aufseiten der Protestanten in den Kampf einzusteigen, doch der Druck auf ihn und seine Familie wächst stetig. Bald fallen Schüsse, gehen Schaufensterscheiben zu Bruch, plündert ein aufgeheizter Mob die Geschäfte der anderen.

Branaghs Film kommt natürlich genau zur richtigen Zeit: Der Brexit, vor gut zwei Jahren vollzogen, bedroht den fragilen Frieden, der seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 in Nordirland herrscht. Die Europäische Union und die seit 1921 unabhängige Republik Irland versuchen mit allen Mitteln, eine harte Grenze auf der irischen Insel zu verhindern; Großbritannien sieht dadurch seine Souveränität beschränkt; die nordirischen Protestanten, Nachkommen der im 17. Jahrhundert in die Provinz Ulster übergesiedelten Briten, fürchten, vom Mutterland abgehängt zu werden. Erste Auseinandersetzungen hat es bereits gegeben.

Branaghs Blick ist im Kleinen durchaus politisch

All das schwingt unausgesprochen mit, während der Filmemacher in Worten und Bildern eine große Sehnsucht ausbreitet, die mit einer großen Idee einhergeht: Ein harmonisches „multikulturelles“ Miteinander war möglich und wäre weiter möglich gewesen. Branaghs schwarz-weißer, mitunter märchenhaft anmutender Blick ist im Kleinen also durchaus politisch. Er macht an Einzelschicksalen deutlich, wie irrational der Konflikt ist und was er jenseits der Gewalt an Opfern fordert: Alle, die weggehen, ausweichen, sich entziehen, verlieren ihre angestammte Heimat, womöglich ihre Identität.

Einen Golden Globe fürs beste Drehbuch hat Branagh bereits bekommen. Bei den Oscars ist „Belfast“ in sieben Kategorien nominiert, darunter als bester Film und für die beste Regie.

Belfast. GB 2021. Regie: Kenneth Branagh. Mit Caitríona Balfe, Jamie Dornan, Judi Dench. 99 Minuten. Ab 12 Jahren.

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