Kinokritik: Blackbird Sterbehilfe-Drama mit Kate Winslet

Susan Sarandon (links) brilliert in „Blackbird“ als anarchische Mutter und Oma, Kate Winslet als permanent übergriffige Tochter, Schwester und Mutter Foto: Verleih 17 Bilder
Susan Sarandon (links) brilliert in „Blackbird“ als anarchische Mutter und Oma, Kate Winslet als permanent übergriffige Tochter, Schwester und Mutter Foto: Verleih

In dem Kino-Drama „Blackbird“ plant Susan Sarandon als todkranke Matriarchin ihren Suizid. Vorher möchte sie sich von ihrer Familie verabschieden – doch beim gemeinsamen Wochenende knallt es gewaltig.

Kultur: Bernd Haasis (ha)
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Stuttgart - Viele todkranke Menschen wünschen sich, über das Ende ihres Lebens selbst bestimmen zu können – doch Sterbehilfe oder auch assistierter Suizid ist in den meisten Ländern der Erde illegal. Ob theologisch-ethische Bedenken schwerer wiegen als das Recht auf Selbstbestimmung, ist letztlich eine Glaubensfrage. Diese politische Eben streift der britische Regisseur Roger Michell („Notting Hill“) nur in seinem Remake eines dänischen Films von Bille August („Silent Heart“, 2014): Ihm geht es einen konkreten Fall und die Verwerfungen innerhalb einer betroffenen Familie.

Die ALS-kranke Matriarchin Lily (Susan Sarandon) möchte die Welt aus freien Stücken verlassen, bevor der Muskelschwund sie immobil und zum maschinenbetriebenen Pflegefall macht. Das Betäubungsmittel der Wahl hat ihr fachkundiger Arzt-Gatte Paul (Sam Neill) im Netz besorgt – sie muss einfach eine hohe Dosis trinken, um sanft einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen.

Die Schwestern sind über Kreuz

Was einfach scheint, ist es dann doch nicht, denn vorher versammelt Lily am Thanksgiving-Wochenende ihre Familie ein letztes Mal um sich. Alle sind eingeweiht, doch der bevorstehende endgültige Abschied bringt alte und neue Konflikte zutage. Über Kreuz sind vor allem die beiden Schwestern Jennifer (Kate Winslet) und Anna (Mia Wasikowska), die eine perfektionistische Spießerin mit langweiligem Mann (Rainn Wilson) und sich abnabelndem Sohn (Anson Boon), die andere bislang am Leben gescheitert, aber immerhin mit einer lebensfrohen Freundin (Bex Taylor-Klaus) gesegnet.

Bald geht es drunter und drüber: Wer hat wen warum gekränkt, hintergangen, übervorteilt, betrogen – oder doch nicht? Sie streiten und verletzen einander, raufen sich zusammen und versöhnen sich wieder. Manches wirkt etwas konstruiert, doch was alleine zählt sind die Darbietungen der herausragend agierenden Schauspielerinnen und Schauspieler. Sarandon glänzt als mondäne Königin über ihr Familienreich, die sich ihre Schmerzen nicht anmerken lassen möchte und der verspannten Jennifer zum Abschied ein frivoles Geschenk macht. Kate Winslet ist kaum zu erkennen in ihrer Maskerade als hyperaktive Kümmererin, die ständig übergriffig auf den Gefühlen anderer herumtrampelt, ohne es zu merken. Mia Wasikowska gibt der verhuschten Verliererin Anna eine rebellischen Gestus und eine glaubhafte Psycho-Ebene.

Die Oma ist cooler als ihre Kinder

Am Ende stehen zwei Erkenntnisse: Teile der heutigen Großeltern sind Angehörige der Generation Woodstock und in vielem viel cooler als ihre Kinder, und ein assistierter Suizid aus freien Stücken ist offenbar sehr leicht zu bewerkstelligen, wenn man nur weiß, wie – was im weiteren politischen Diskurs um eine Legalisierung unter bestimmten Bedinungen durchaus noch eine Rolle spielen könnte.

Blackbird. USA 2020. Regie: Roger Michell. Mit Susan Sarandon, Kate Winslet, Mia Wasikowska. 98 Minuten. Ab 12 Jahren. Cinema




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