Kinokritik: Chet-Baker-Biopic „Born to be Blue“ Die Widersprüche eines Genies

Von Bernd Haasis 

Chet Baker war ein höchst erfolgreicher Jazztrompeter und Sänger. Aber Disziplinlosigkeit und Drogensucht brachten den Virtuosen ins Straucheln. In einem schlüssigen Biopic lässt Ethan Hawke den Inbegriff der Cool-Bewegung wiederauferstehen.

Ethan Hawke als Jazzlegende Chet Baker: cool und kaputt Foto: Alamode 20 Bilder
Ethan Hawke als Jazzlegende Chet Baker: cool und kaputt Foto: Alamode

Stuttgart - Die Geschichte des Jazz ist auch eine des Heroins: Charlie „Bird“ Parker hing an der Nadel, zumindest zeitweise auch andere prägende Musiker wie Miles Davis, John Coltrane, Art Blakey und Ray Charles. Keiner aber trug seine Sucht so offen vor sich her wie Chet Baker. Er konnte mit der Trompete feinsinnige, wehmütige Geschichten in den Raum tupfen, die von einem menschlichen Dasein erzählen, das bei aller Brüchigkeit jeden Moment wert ist. Anfang der fünfziger Jahre leistete Baker seinen Beitrag zur Geburt des Westcoast-Sounds, aber 1957 wurde er zum Junkie, der er bis zu seinem Tod 1988 blieb.

Der Modefotograf Bruce Weber hat Chet Baker 1988 den Dokumentarfilm „Let’s Get Lost“ gewidmet, in dem er den jungen, ikonenhaften Beau dem gealterten Junkie gegenüberstellte. Nun nähert sich der kanadische Filmemacher Robert Budreau dem Musiker im Spielfilm „Born to be blue“, der an einem entscheidenden Punkt in Bakers Leben ansetzt und sich einige Freiheiten bei der Fiktionalisierung nimmt. Alles beginnt in Schwarzweiß, Baker (Ethan Hawke) spielt gerade sich sich selbst in einem Film, den der italienische Filmproduzent Dino de Laurentiis („La Strada“, „Die drei Tage des Condor“, „Blue Velvet“) Anfang der Sechziger tatsächlich plante, aber nie realisierte. Hier nun wird die Szene gedreht, in der Baker zum ersten Mal mit Heroin in Kontakt kommt.

Mit ausgeschlagenen Zähnen

Am Set flirtet er mit seiner Filmpartnerin Jane (Carmen Ejogo aus „Selma“) und geht mit ihr aus, hinterher aber lauert ihm ein Dealer auf, dem er noch Geld schuldet und dessen Handlanger Baker wüst verprügeln. Er verliert die Vorderzähne, für einen Trompeter eine Katastrophe. Niemand weiß, ob er mit Zahnprothese je wieder wird spielen können. Er fängt wieder ganz von vorne an, und die fiktive Jane, die mehrere Frauen in Bakers Leben in einer Figur vereint, hilft ihm beim Entzug.

Budreaus Ansatz ist schlüssig. Er bündelt geschickt die wesentlichen Konfliktlinien in Bakers Leben und bleibt doch nahe genug an der überlieferten Wahrheit, um glaubwürdig zu wirken. Dem Hauptdarsteller Ethan Hawke gelingt der Ritt auf der Rasierklinge, den so ein Charakter erfordert: Einerseits charmant und mit einem unglaublichen Gespür für die Musik, andererseits ein anmaßender Selbstsüchtiger und zugleich hoffnungslos unzuverlässig, ohne jede Selbstdisziplin und Rückgrat.

Hawke arbeitet die Widersprüche eines fragilen Genies heraus, gerade im Gegensatz zu Miles Davis und Dizzy Gillespie, die beide ebenfalls im Film auftreten. Davis vermittelt immer das Gefühl totaler Kontrolle – jeder Ton sitzt, die Trompete strahlt –, während Baker bedächtig geschmeidige Melodien ertastet und in seinen vielen Balladen den Töne Luft lässt, ohne je allzu gefällig zu wirken.

Großes Thema, kleines Budget

All das vermittelt die neu eingespielte Musik. Der kanadische Trompeter Kevin Turcotte trifft Bakers Tonfall, ohne ihn nur nur zu imitieren. Darüber hinaus ist Turcotte das Kunststück gelungen, auch die Parts von Miles Davis und Dizzy Gillespie mit charakteristischem Klang einzuspielen. Hawke nahm eigens Gesangsunterricht und intoniert sehr respektabel „My funny Valentine“ und „Let’s get lost“.

Ganz plastisch wird die sehr persönliche Lebenskrise des Chet Baker in diesem Film, dem allerdings anzumerken ist, dass das Budget kleiner war als das Thema. Vieles wird im Dialog erzählt, etwa wie Charlie Parker für eine Westküstentour unter 40 Trompetern Baker aussuchte, oder wie Baker mit Gerry Mulligan als „Prince of Cool“ bekannt wurde. Flashbacks liegen zeitlich sehr nah beieinander und dicht an der Filmgegenwart. So bleibt der biografische Ausschnitt kleiner, als er sein könnte. Immerhin arbeitet Budreau einen Charakter heraus, der den Jazz geöffnet hat für ein größeres, weiblicheres Publikum. Einen, bei dem man bei jeder Note Angst hat, er könnte zerbrechen wie der Künstler selbst.




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