Kinokritik: Der Hauptmann Die Nazi-Barbarei frisst sich selbst

Von Bernd Haasis 

Der in Stuttgart geborene Regisseur Robert Schwentke zeigt die Wirkung der menschlichen Verwüstung durch die Nazis am Beispiel des Deserteurs und Hochstaplers Willy Herold – der richtete als angeblicher Hauptmann kurz vor Kriegsende großes Unheil an.

Ein jeder, was er verdient: MilanPeschel, Max Hubacher und Frederick Lau (von links) Foto: Verleih
Ein jeder, was er verdient: MilanPeschel, Max Hubacher und Frederick Lau (von links) Foto: Verleih

Stuttgart - Wenn der Krieg verloren und der Feind allzu nah ist, suchen Barbaren unter ihresgleichen Ventile für ihre lang eingeübte Gewaltbereitschaft. So erzählt der gebürtige Stuttgarter Regisseur Robert Schwentke, der für einen Film aus Hollywood („Flight Plan“, „R.E.D.“) zurückgekehrt ist, das Ende des Zweiten Weltkriegs: Versprengte Restmänner des Nazireichs, gehorsame Unbelehrbare und Deserteure, Jäger und Gejagte, überbieten sich kurz vor Schluss darin, niederste menschliche Triebe auszuleben.

Die Geschichte ist so ähnlich passiert, der desertierte Gefreite Willi Herold fand zwei Wochen vor Kriegsende in einem gestrandeten Auto eine Hauptmannsuniform, entschloss sich zu einer Köpenickiade, scharte andere Versprengte um sich und richtete mit angeblicher „Vollmacht vom Führer“ fatales Unheil an – etwa ein Massaker an Deserteuren in Lagerhaft. Schwentke hat in Schwarz-Weiß gedreht, was der klug überzeichneten Bösartigkeit Tiefenschärfe gibt, und er verlässt nie die Metaebene: Fast alle Soldaten, Bauern und Beamten hier ahnen zumindest, dass sie einem Irrtum aufgesessen sind und sich mitschuldig gemacht haben. Wenn Wachmänner also ganze Magazine leer ballern auf Landsleute, die schon kapituliert haben, dann entlädt sich dabei unbeschreibliche Frustration. Um das Zittern vor einem längst gescheiterten Despoten geht es da, um absurde Bürokratie bis zum bitteren Ende, um angebliche Vaterlandsliebe, vor allem aber um den vergeblichen Versuch, in so einem Umfeld Mensch zu bleiben.

Der Hauptmann setzt auf die Einbildungskraft der anderen

Eine illustre Riege deutschsprachiger Schauspieler zeigt hier, was sie kann, wenn man sie nur lässt. Der Schweizer Max Hubacher in der Titelrolle gibt einen Hochstapler mit Gespür fürs Nötige, der auf die Einbildungskraft der anderen setzt und nur handelt, wenn es nicht anders geht. Milan Peschel steht permanent das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, was seine Figur nicht davon abhält, ein dienstbarer Geist zu sein. Frederick Lau gelingt die brillante Überspitzung eines entfesselten Gewalttäters, Alexander Fehling die exemplarische Darstellung eines Zynikers vom Dienst.

Erschreckend und verstörend ist dieser Film, weil er keine Hintertür lässt, das Gesehene als gestrig oder fiktiv abzuspalten. Präzise führt der Regisseur und Drehbuchautor Schwentke historisch verbürgte menschliche Abgründe vor. Ohne es explizit erwähnen zu müssen, erinnert er dabei an Wiedergänger der Gegenwart, die die ­öffentliche Debatte vergiften und exakt jene Beißreflexe bedienen, die damals in die totale Entwürdigung geführt haben.