Kinokritik: Die dunkelste Stunde Gary Oldman auf Oscar-Kurs

Von Bernd Haasis 

Bravourös porträtiert Gary Oldman den überaus eigenwilligen früheren britischen Premierminister Winston Churchill. Dessen Beitrag zur Rettung Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg steht im Zentrum von Joe Wrights Film.

Einen Golden Globe hat er schon bekommen für seine Interpretation von Winston Churchill: Gary Oldman Foto: Verleih 16 Bilder
Einen Golden Globe hat er schon bekommen für seine Interpretation von Winston Churchill: Gary Oldman Foto: Verleih

Stuttgart - Am Charakter Winston Churchills, eines englischen Querdenkers, Humoristen und Provokateurs erster Güte, scheiden sich die Geister. Seine ­historische Leistung als Premiermister von 1940 bis 1945 indes ist unbestritten: Er beendete die gescheiterte Appeasement-Politik seines Vorgängers Chamberlain gegenüber Hitler, schürte die Widerstandslust seiner Landsleute und trug so dazu bei, dass Nazideutschland die Britischen Inseln nicht einnehmen konnte. Churchills Idee war es auch, Besitzer kleiner Boote aufzufordern, bei der Bergung der eingeschlossenen britischen Truppen bei Dünkirchen zu helfen, wo große Kriegsschiffe leichte Beute gewesen wären für die starke deutsche Luftwaffe.

„Die dunkelste Stunde“ ist also eine Art Komplementärfilm zu Christopher Nolans „Dunkirk“ (2017), er erzählt von der anderen Seite des Ärmelkanals aus und mit starkem Fokus auf die Hauptfigur von dieser entscheidenden historischen Situation im Jahr 1940. Der englische Regisseur Joe Wright hat schon einige historische Stoffe leinwandfüllend inszeniert – 2005 „Stolz und Vorurteil“ nach Jane Austen, 2007 „Abbitte“ nach Ian McEwan –, und er gibt sich auch hier keine Blöße: Jedes Mikrofon, jeder konspirative Kellerraum und jede Schreibmaschine atmet den Geist der Weltkriegsgeschichte – genau wie das altehrwürdige britische Unterhaus mit seinen steilen Sitzreihen, dessen Repräsentanten sich nicht immer ehrwürdig verhalten.

Oldman hat einen ausgeprägten Sinn für abgründige Charaktere

Vor allem hat Wright in seinem Landsmann Gary Oldman einen Hauptdarsteller gefunden, der einen ausgeprägten Sinn für abgründige Charaktere hat. Schon 1986 brillierte er in „Sid & Nancy“ als Punk-Ikone Sid Vicious, in „True Romance“ (1993), „Léon, der Profi“ (1994) und „Das fünfte Element“ (1997) gab er herrliche Psychopathen, die „Harry Potter“-Reihe bereicherte er von 2004 an als mysteriöser Sirius Black, in Christopher Nolans Batman-Neustart war er von 2005 an als unbestechlicher Polizist zu sehen. Eine ganz eigene Qualität hat seine Ausformung des Agenten Smiley in der ausgeklügelten John-Le-Carré-Verfilmung „Dame, König, As, Spion“ (2011).

Wie er nun diesen Churchill interpretiert, ist eine Pracht: Er taktiert und trickst als Zigarren rauchender Politsonderling, pflegt bewusst Marotten, um starken die Gegner in seiner eigenen Partei zu verwirren, ist im entscheidenden Moment aber genau da, wo er sein muss, um sich durchzusetzen. Churchills erste berühmte Rede als Regierungschef an die Nation am 13. Mai 1940 im britischen Unterhaus, in der er „nichts als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“ ankündigt, gerät Oldman derart eindringlich, dass ein Frösteln durch den Kinosaal geht – man kann sich vorstellen, wie das aufs kriegsgeplagte Publikum gewirkt haben muss. Gerade hat Oldman einen Golden Globe für seine Darstellung bekommen

Ihm zur Seite steht Kristin Scott Thomas („The Party“) als Mrs. Churchill, die mit Ironie und Engelsgeduld das unberechenbare Verhalten ihre Gatten abfedert und ihm das entscheidende Quäntchen Erdung verleiht. Zur weiteren Schlüsselfigur wird König George VI., genannt „Bertie“ und vom Volk unterschätzt, der sich an Churchill abarbeitet. Bis hin zum halbwegs kurierten Stottern, das Tom Hooper ins Zentrum seines Films „The King’s Speech“ (2010) gestellt hat, wird der Monarch zum ebenfalls sehr eigenwilligen Charakter in Gestalt von Ben Mendelssohn, der in der Serie „Bloodline“ (2015 bis 2017) als schwarzes Schaf einer verqueren Familie nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.

Eine Szene in der U-Bahn ist inszeniert wie für die Bühne

Wright entlarvt die Hinterzimmer-Intrigen patriarchalischer Männer als Selbstzweck jenseits der Interessen des Landes und seiner Bürger, und er gibt seiner Hauptfigur viel Raum zur Entfaltung, während sie an allen Widerständen vorbei entscheidende Weichen stellt. Dabei scheut er vor Theatralik nicht zurück, wenn sie angemessen erscheint: Wie ein Teil einer Bühneninszenierung wirkt es, als Churchill ausbüxt und ein Stück mit der Londoner U-Bahn fährt, um dem Volk aufs Maul zu schauen und dessen Opferbereitschaft zu testen. „Die dunkelste Stunde“ gibt einen starken Eindruck davon, wer dieser Mann gewesen sein könnte – einen viel besseren jedenfalls, als der 2017 erschienene Spielfilm „Churchill“, der den Premier kurz vor dem D-Day als lethargischen Schatten seiner selbst zeigte. Gary Oldman hat noch keinen Oscar; es wäre keine Überraschung, wenn er nun einen bekäme.