Kinokritik: Die Lebenden reparieren Organe Spenden – oder nicht?

Eltern trauern um den Sohn Foto: Verleih
Eltern trauern um den Sohn Foto: Verleih

Ein französisches Organspende-Drama durchleuchtet alle Gefühlslagen, die das Thema zu bieten hat: Es begleitet Angehörige eines verunglückten Jungen bei einer schweren Entscheidung und eine Bedürftige, deren Leben davon abhängt.

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Stuttgart - Niemand denkt gerne darüber nach, dass das eigene Leben schnell vorbeisein kann. Der 17-jährige Simon (Gabin Verdet) fordert das Schicksal geradezu heraus beim Wellenreiten. In einer der ersten Szenen von Katell Quillévérés Organspendedrama folgt die Kamera dem Jungen ins Innere eines Wellentunnels, in dem er auf seinem Surfbrett für Sekundenbruchteile zwischen Leben und Tod zu ­balancieren scheint. Mit dieser ästhetisch wie emotional wuchtigen Szene veranschaulicht die französische Regisseurin jene Euphorie und Ehrfurcht risikofreudiger Sportler, die ausgerechnet im Augenblick größter Gefahr das Leben genießen.

Dass Simon wenig später nach einem Autounfall hirntot in einer Klinik liegt, ist dennoch nicht vorhersehbar. So schonend wie möglich vermitteln die Ärzte Simons getrennt lebenden Eltern Marianne (Emmanuelle Seigner) und Vincent (Kool Shen), dass deren äußerlich kaum verletzter Sohn nie wieder aufwachen wird. Bei aller gebotenen Pietät geht es bald um die Frage, ob ­Simons Eltern dessen intakte Organe spenden wollen. Eine heikle Situation, weil die beiden den Tod ihres Kindes noch gar nicht begriffen haben. Doch der herzkranken Claire (Anne Dorval), Mutter zweier fast erwachsener Söhne, läuft die Zeit davon.

Es geht um größtmögliche Nähe zur Realität

Katell Quillévéré betrachtet das schwierige Thema von allen Seiten, zeigt das Leid der Angehörigen, die Todesangst potenzieller Organempfänger und das Dilemma der Ärzte, die den sehr unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden müssen. Diese differenzierte, im positiven Sinne sachliche, zugleich einfühlsame Herangehensweise ist die Stärke des Films. Die Zweifel von Simons Freunden und Angehörigen sind genauso nachvollziehbar wie die Befürchtungen der schwer geschwächten Claire und ihrer Kinder, die auf eine ­lebensrettende Transplantation hoffen.

Nur manchmal verzettelt sich Quillévéré, weil sie in der stark verdichteten Handlung noch Raum für Figuren schafft, die im komplizierten Prozess der Organspende kaum eine Rolle spielen – zwei junge Mediziner etwa, die Simons Herz per Flugzeug zur Empfängerin bringen und die kurze Reise nutzen, um miteinander zu flirten. Es wirkt, als sei dieses Intermezzo einem anderen, banaleren Szenario entnommen.

Zugutehalten muss man der Regisseurin, dass es ihr um größtmögliche Nähe zur Realität geht, in der das alltäglich Kleine und das überlebensgroß Bedeutsame oft nah beieinander liegen.

Die Lebenden reparieren. Frankreich, Belgien 2016. Regie: Katell Quillévéré. Mit Emmanuelle Seigner, Gabin Verdet, Kool Shen. 104 Minuten. Ab 12 Jahren. Atelier am Bollwerk




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