Kinokritik: Die Wütenden – Les Misérables Krieg in der Vorstadt

Von Bernd Haasis 

Der französische Oscar-Kandidat „Les Misérables“ holt Victor Hugos Vorstadtdrama wuchtig in die Gegenwart des Jahres 2005.

Die  Hauswand spiegelt  die Stimmung: Djibril Zonga in „Le Misérables“ Foto: Verleih/J. Magre 12 Bilder
Die Hauswand spiegelt die Stimmung: Djibril Zonga in „Le Misérables“ Foto: Verleih/J. Magre

Stuttgart - Der erste Tag in der Pariser Banlieue wird für den zugezogenen Provinzpolizisten Stéphane (Damien Bonnard) zur Hölle: Seine Kollegen schikanieren willkürlich Menschen afrikanischer und arabischer Herkunft, sie kooperieren mit Gangstern, um Gewalt, Drogenhandel und Islamismus einigermaßen im Griff zu behalten. Als Konsequenz respektieren nicht einmal Halbwüchsige die Beamten, die grundsätzlich bewaffnet und mit kugelsicheren Westen unterwegs sind.

Als ein Tigerbaby aus dem Zirkus gestohlen wird, der derzeit im Brennpunktviertel Station macht, verrutscht die ­Situation: Es droht ein Krieg unter Banden verschiedener ethnischer Minderheiten und die Polizisten machen einen schweren Fehler, den ein Junge mit einer Drohne filmt. Nun beginnt ein Wettlauf um die Speicherkarte der Kamera.

Der Rechtsstaat stößt an Grenzen

„Les Misérables“ heißt der hochspannende Thriller des Regisseurs Ladj Ly, der sich von Victor Hugos Roman „Die Elenden“ (1862) inspirieren ließ und denselben Handlungsort gewählt hat: den Pariser Vorort Montfermeil, der heute überwiegend von Migranten bewohnt wird. Der Film führt ein Scheitern vor, der Rechtsstaat stößt bei den Parallelgesellschaften in den Vielvölkergettos an Grenzen, auch weil bei der Polizei der Rassismus blüht.

Der anmaßende Choleriker Chris (Alex Manenti) ist der Prototyp des korrupten Polizisten, der sich an keine Regeln und für allmächtig hält, und der ruhiger scheinende Gwada (Djibril Zonga) gerät ebenfalls außer Kontrolle, wenn es zu einer Krisensituation kommt. Starke Gegenspieler sind ein selbsternannter Bürgermeister und die Muslim-Bruderschaft, die über den Glauben einen Weg aus der Kriminalität sucht. Auch unter den Kindern gibt es bereits eine Hackordnung, sie üben schon für später.

Nur der Fußball eint noch

Wo Victor Hugo den Juniaufstand von 1832 beschreibt, in dem Republikaner sich gegen die Monarchie und den König Louis Philippe I. wandten, inszeniert Ly einen Minderheiten-Aufstand, der bedrohlich wirkt, aber ebenfalls scheitern muss. Der Unterschied: Hugo sprach von den „Elenden“, bei Ly sind es die „Wütenden“, die die schicke Pariser Innenstadt nur zu sehen bekommen, wenn ein Fußball-Länderspiel die Nation ausnahmsweise zusammenführt.

Ganz nah kommt Ly den desaströsen Zuständen, und das ist kein Zufall: Seine Familie stammt aus Mali, er ist selbst in Montfermeil aufgewachsen. Mit seiner Interpretation der „Misérables“ schreibt er Werke wie „Der Tee im Harem des Archimedes“ (1985) oder „Der Hass“ (1995) in die Gegenwart fort – und ist zurecht im Rennen um den Auslands-Oscar.

Die Wütenden – Les Misérables. Frankreich 2018. Regie: Ladj Ly. Mit Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djibril Zonga. 103 Minuten. Ab 12 Jahren. Atelier am Bollwerk, EM