Kinokritik: Einsam Zweisam Menschen um die 30 in Paris entdecken das Leben neu

Von Bernd Haasis 

In dem Weihnachtsfilm „Einsam Zweisam“ widmet sich der französische Regisseur Cédric Klapisch dem Alleinsein zweier Menschen um die 30 in Paris – und wie sie es überwinden

Eine verlorene Seele in Paris beim Aufwärmbad: Ana Girardot als Mélanie in dem französischen Drama „Einsam Zweisam“ Foto: Studiocanal/Emmanuelle Jacobson-Roques 10 Bilder
Eine verlorene Seele in Paris beim Aufwärmbad: Ana Girardot als Mélanie in dem französischen Drama „Einsam Zweisam“ Foto: Studiocanal/Emmanuelle Jacobson-Roques

Stuttgart - Sie sind Nachbarn, ohne etwas voneinander zu ahnen, zwei einsame Seelen in Paris, verloren in den vermeintlich sozialen Strukturen der digitalen Gegenwart. Manchmal stehen sie, ohne es zu wissen, gleichzeitig auf ihren Balkonen und blicken auf die Bahngleise auf der Suche nach einem Ausweg. Mélanie (Ana Girardot) forscht in einem Labor an Krebsmedikamenten, soll eine große Präsentation vor Geldgebern halten und fühlt sich überfordert, Rémy (François Civil) wirkt unambitioniert und teilnahmslos, er verliert seinen Job im Lager und wird ins Callcenter verschoben. Beide sind 30 und tragen ungeklärte Probleme aus ihrer familiären Vergangenheit mit sich herum – und beide finden sich bald in psychotherapeutischer Behandlung wieder, um aus ihrer Erstarrung herauszufinden­.

Bald schon liegt Lebenslust in der Luft im jüngsten Spielfilm des französischen Regisseurs Cédric Klapisch, der seine Protagonisten bis zum Schluss auf die Folter spannt, ehe die Erlösung sich auf Samtpfoten anschleicht. Ein Katerchen, das Rémy aufgedrängt wird, ihm schnell ans Herz wächst und nach wenigen Tagen verschwindet, ist dabei nur ein Baustein – und eine Reminiszenz an Klapischs ersten Erfolgsfilm „... und jeder sucht sein Kätzchen“ (1996), ebenfalls ein von sanftmütiger Daseinsliebe getragenes Paris-Drama um ein verschwundenes Haustier und eine fürsorgliche Nachbarschaft.

Mélanie bleibt an Weihnachten lieber allein

Letztere gibt es auch in „Einsam Zweisam“ in einem sonst unpersönlichen, grauen Paris, aus dem nur hin und wieder eine Totale mit Blick auf Montmartre heraussticht. Der Kiez, in dem Mélanie und Rémy wohnen, ist ein intaktes soziales Gefüge, auch Dank Migranten wie dem Ladenbesitzer Mansour (Simon Abkarian­), der einerseits schon seinen Schnitt macht, indem er den Leuten das teurere Pesto aufschwätzt, zugleich aber eben auch ein Auge darauf hat, dass die Menschen anständig das Leben genießen.

Ana Girardot, nicht verwandt mit Annie Girardot, stolpert als Mélanie zunächst wie benommen durch Paris, als wäre sie nicht ganz bei sich. Sie hat Freundinnen und eine Schwester, die sich um sie kümmert, aber den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen. Nicht einmal an Weihnachten möchte sie zu ihr fahren, lieber bleibt sie alleine in ihrer Wohnung. Schon in der ersten Sitzung mit ihrer Therapeutin (Camille Cottin) schüttet sie ihr Herz aus und gelangt bald zu selbstkritischen Einsichten, die freilich nicht so leicht in die Lebenspraxis umzusetzen sind.

Rémy ist ein eingebildeter Gesunder

François Civil legt Rémy als Mann ohne Eigenschaften an, der wenig Wert auf sein Äußeres legt und sich zunächst für nichts wirklich zu interessieren scheint. Rémy ist ein Pragmatiker, der sich permanent wundert, was alle von ihm wollen: Der Personalchef, der auch in mehreren Anläufen keine klare Selbsteinschätzung aus Rémy herausbekommt, der Arzt im Krankenhaus, der nach dem Schwächeanfall Rémys in der Metro, einen eingebildeten Gesunden­ vor sich sieht, und der Psychologe (François Berléand), dem ein überwiegend schweigender Patient erklärt­, er habe nicht über sich selbst zu erzählen. Doch irgendwann dämmert auch Rémy, dass er dringend eine Veränderung braucht.

Er fährt an Weihnachten nach Hause in die Berge, und Klapisch macht die Entfremdung mit Händen greifbar: Rémy wirkt völlig isoliert im Familienkreis, der auf seine Probleme eher peinlich berührt reagiert. Bald gehen alte Wunden auf, treten ungelöste Konflikte zutage. Während er in Paris im Callcenter die Bekanntschaft der vorlauten, lebenslustigen Djena (Eye Haïdara) macht, gerät Mélanie in den Tinder-Strudel und trifft ständig die falschen Männer, die sich eigentlich gar nicht für sie interessieren.

Behutsam bringt Klapisch seine Figuren dazu, sich wieder zu öffnen, ihre Kokons zu verlassen, ihre Flügel auszubreiten. Musik spielt dabei eine Rolle, urbaner Filmmusik-Pop von Loïk Dury und Christophe Minck, die schon oft mit Klapisch gearbeitet haben, und der Chansons „Histoire d’un amour“, der perfekt zum Aufwärmbad der Alleinstehenden passt und die Sehnsucht auf die Spitze treibt. Am Ende scheint alles ganz einfach: Raus aus dem Schneckenhaus, geht tanzen!

Einsam Zweisam. Frankreich 2019. Regie: Cédric Klapisch. Mit Ana Girardot, François Civil. 110 Minuten. Ab 6 Jahren. Atelier am Bollwerk.