Kinokritik: „Elle“ Eine Frau sucht die Machtprobe

Von Bernd Haasis 

Isabelle Huppert glänzt im Kinoneustart „Elle“ als Opfer, das sich wehrhaft zeigt. Der Regisseur Paul Verhoeven erzählt von Kontrolle, Obsessionen und schmerzvoller Leidenschaft: ein kunstvoll verstörendes Vergewaltigungsdrama.

Michèle (Isabelle Huppert) will kein Opfer sein. Sie kehrt ihre wehrhafte Seite hervor. Foto: MFA 12 Bilder
Michèle (Isabelle Huppert) will kein Opfer sein. Sie kehrt ihre wehrhafte Seite hervor. Foto: MFA

Stuttgart - „Vergewaltigt?“, fragt Michèles ­Exmann fassungslos beim Paardinner unter Freunden. „Was hat die Polizei gesagt?“ Pause. „Du warst nicht dort, oder?“ „Bestellen wir?“, fragt Michèle zurück, und Isabelle Huppert verleiht ihr mit kühlem Blick jene unnachahmliche ­Aura arroganter Überlegenheit, die kaum eine andere Schauspielerin so überzeugend verkörpern kann.

Schon in ihrem vorigen Film „Alles was kommt“ (2016), in dem ihre Figur eine Trennung und einen kompletten Lebensumbruch bewältigte, hat sie gezeigt, dass es starke ­Geschichten und Rollen für Frauen um die sechzig gibt. Nun spielt sie in „Elle“ ohne den Hauch eines Zweifels die Co-Inhaberin einer Videospielfirma und gibt den nassforschen jungen Männern, die hauptsächlich für sie arbeiten, sehr deutlich zu verstehen, wer Chefin und wer Angestellter ist.

Mit dem Hammer auf dem Kissen

Michèle lässt sich ihren seelischen Aufruhr nach der Vergewaltigung im filmischen Außenraum nicht anmerken, den wissenden Kinozuschauern aber sendet Huppert subtile Signale, dass der großgewachsene, maskierte Gewalttäter nicht nur physisch in ihr Innerstes eingedrungen ist. Wenn die raumhohen Fensterläden ihrer altehrwürdigen Stadtvilla im Wind schlagen, schreckt sie auf, was gar nicht zu Michèles sonstiger Coolness passt. Sie schläft mit einem Hammer auf dem Kopfkissen, kauft entschlossen Pfefferspray und ein Beil und feuert in der Schießhalle mit großkalibrigen Handfeuerwaffen auf die Zielscheiben, als sei das ganz selbstverständlich für eine wohlbegüterte Madame. Einer ihrer Hauptspieleentwickler erscheint ihr verdächtig, und so stellt sie ohne jegliche Skrupel einen jungen Hacker ab, die ­Accounts aller Mitarbeiter ihrer Firma zu hacken.

Zugleich scheint die Gefahr Michéle anzuziehen: Sie möchte den Täter selbst stellen, provoziert eine Machtprobe, sucht die Konfrontation mit dem anderen, aus ihrer Sicht schwachen Geschlecht – als würde sie es heimlich genießen, endlich einen ebenbürtigen Gegner gefunden zu haben. Ein Hauch von sadomasochistischem Kitzel liegt in der Luft, wenn die taffe Undurchschaubare offensiv den verheirateten Nachbarn verführt, dessen anfänglicher Widerstand sie nur noch mehr antreibt.

Ein blaues Wunder

Ein verstörendes Beziehungswirrwarr unter Freunden hat Michèle ohnehin schon angerichtet. Bald beobachten Nachbarn einen Typen mit Skimaske im Gebüsch vor ihrem Haus, doch noch immer möchte sie das Problem selbst lösen – und natürlich wird sie dabei ihr blaues Wunder erleben. Unverkennbar ist dabei die Handschrift des niederländischen Regisseurs Paul Verhoeven, seit jeher ein Spezialist für Gewaltausübung von und gegen Menschen.

In „Total Recall“ (1990) ließ er Arnold Schwarzenegger in einer Philipp-K.-Dick-Dystopie um die Herrschaft über seine Erinnerungen gegen ein brutales Regime kämpfen; in „Starship Troopers“ (1997) inszenierte Verhoeven ein gnadenloses Gemetzel menschlicher Rekruten gegen außerirdische Rieseninsektoiden, und allein die ­bizarre Szenerie ließ den begleitenden, übersteigerten Hurra-Patriotismus umso absurder wirken. Verhoevens Metier sind aber auch Amours fous, ungesunde Affären und schmerzhafte Obsessionen. Mit „Basic Instinct“ (1992) machte er Sharon Stone zum Star, die die Rolle der tödlichen, alle Männer verschlingenden Verführerin völlig neu definierte.

Beinhart inszeniert

Auch in „Elle“ schont der 1938 geborene Verhoeven, in diesem Jahr der Präsident der Berlinale-Jury, die Zuschauer nicht. Dass er spät seinen ersten Film in Frankreich gedreht hat, erscheint dabei nur konsequent. Die Vergewaltigung als wiederkehrendes Albtraum-Motiv der Protagonistin ist beinhart inszeniert. Dabei steckt der Film zugleich voller Zwischentöne, der Regisseur fordert die Fähigkeiten seiner Darsteller – und alle ziehen mit. Der frankophile Christian Berkel, in Deutschland meist nur in Fernsehrollen zu sehen, beweist dabei , dass er die Statur für derart machtvolles Kino besitzt.

Letztlich ist es aber Isabelle Huppert, die alle überstrahlt. Den Golden Globe hat sie dafür bereits bekommen, für den Oscar ist sie nominiert. Seit über 45 Jahren spielt sie selbstbewusste und nicht selten schräge Frauenfiguren, sie hat in der französischen Schule von Godard und Chabrol gelernt. Nun erblüht sie in der Zuwendung durch den Regisseur und die Kamera noch einmal zu voller mondäner Bedrohlichkeit. „Die größte Gefahr bist du selbst“, verkündet denn auch Michèles Exmann, der sie trotz allem noch liebt. Und er macht dabei ein Gesicht, als müsse er es wissen.

Sehen Sie hier den Trailer zu „Elle“:

Elle. Drama, Frankreich 2016. Regie: Paul Verhoeven. Mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny. 131 Minuten. Ab 16 Jahren.




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