Kinokritik: Foxtrot Israelische Eltern und der Krieg

Von Brigitte Jähnigen 

Der Sohn bei der Armee, das Elternpaar verzweifelt: Der Filmemacher Samuel Maoz zeigt seine Heimat Israel als gespaltene Gesellschaft.

Gestrandet im Niemandsland: Foto: Verleih
Gestrandet im Niemandsland: Foto: Verleih

Stuttgart - Die

Nachricht schlägt ein wie Blitz und Donner, sie streckt Daphna Feldman, die Mutter, zu Boden, sie lässt ­Michael Feldman, den ­Vater, erstarren: Ihr Sohn, der 19-jährige ­Jonathan, ist bei einem Militäreinsatz ums Leben gekommen. Offiziere überbringen die Nachricht nach einem schrillen Klingeln. Sie sind versiert im Umgang mit ­Eltern, ­deren Kinder beim Dienst in den Israel Defense Forces sterben. Daphna wird mit einem Sedativum versorgt. Michael ­bekommt den Tipp, viel Wasser zu trinken.

In die Fassungslosigkeit der nächsten Stunden platzt die nächste Nachricht: Ein anderer Jonathan Feldman ist tot. Es gab eine Verwechslung, einen Fehler im System. Michael Feldman rastet aus. Halb irre vor Angst erzwingt er die Heimkehr seines Sohnes. Doch unterwegs kollidiert das ­Armeefahrzeug mit einem Kamel. Es ist jenes ­Kamel, das Drehbuchautor und Regisseur Samuel Maoz in mehreren Filmsequenzen durch den Checkpoint hat treiben lassen. Ein böses Omen, eine surrealistischer Fingerzeig. Satirische Überzeichnung zieht den Film immer wieder weg von der Ausweg­losigkeit purer Realität.

Wie Daphna und Michael Feldman in den nächsten Monaten um ihr Leben und um ihre Beziehung ringen, davon berichtet Maoz in seinem lakonisch erzählten Drama. Die meisten Familien, deren Kinder beim Militärdienst sterben, fühlen sich ­alleingelassen. Ihr Leben gleicht einem Foxtrott, dessen Schrittfolge ein konsequentes Vorwärts nicht hergibt: „Vor, vor, Seit, stehen, rück, rück, Seit und stehen“. Wie sich das anfühlt, hat auch der israelische Autor David Grossman in seinem ­Roman „Aus der Zeit fallen“ beschrieben. Er verlor seinen 20-jährigen Sohn im zweiten Libanonkrieg 2006.

Dass Samuel Maoz mit seinem Antikriegsfilm „Foxtrot“ bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2017 den ­Silbernen Löwen bekam und in Israel als Bester Film mit dem renommierten Ophir Award aus­gezeichnet wurde, hat er auch ­seinen fantastischen Schauspielern zu verdanken. Sarah Adler als Daphna Feldman ist eine selbstbewusste, dennoch weiche Frau und Mutter. Die Nachricht vom Tod ihres Sohnes haut ihr den Boden unter den Füßen weg. Und später, nach dem zunächst vergeblichen Versuch, mit ihrem Mann ­Michael über ihre seelische Erschütterung zu sprechen, geht sie eigene Wege. Lior Ashkenazi spielt Michael, und in gewisser Weise verkörpert dieser Architekt den ­israelischen Anti-Mann. Denn die israelische Gesellschaft, sagt Samuel Maoz in einem Interview, werde vom traumatisierten Mann ­bestimmt. Michael schweigt, ­besucht seine demente Mutter im Altenheim, eine Holocaust-Überlebende, gespielt von Karin Ugowski.

Traumatisierte Männer bestimmen die israelische Gesellschaft

Man kann Samuel Maoz eine Überfrachtung mit Themen vorwerfen. Doch das doppelte Trauma (Holocaust, Israels rechtspopulistische Politik) bestimmt nun einmal den Alltag der Israelis. Dass linke Intellektuelle im Land sich gegen Rechtsextremisten wehren (unter anderem mit einer Petition gegen Kultusministerin Miri ­Regev von der Likud-Partei), wird außerhalb der Grenzen des Landes nicht immer wahrgenommen.

Doch schon 2009 beim Internationalen Filmfestival in Venedig verstand die Jury die Antikriegssprache von Maoz’ erstem Spielfilm „Lebanon“. Der Regisseur bekam den Goldenen Löwen. Auch in „Lebanon“ erzählt er von der traumatisierten israelischen Gesellschaft. Konsequent aus dem ­Innern eines Panzers gedreht, zeigt er, was jenseits menschlicher Kontrolle liegt. Er erzählt unmissverständlich, wie auf mili­tärischen Befehl und aus Selbsterhaltungstrieb handelnde ­Menschen Mörder werden. Der 1962 ­Geborene verarbeitete eigene Erlebnisse als Panzersoldat im ersten Libanonkrieg im Jahre 1982.

Tote Araber werden eilends mit schwerem Räumfahrzeug entsorgt

In „Foxtrot“ öffnet Maoz den Blickwinkel und schickt seine jungen Protagonisten in die Einsamkeit eines Checkpoints. Die ­Gewissheit, „am Ende der Welt“ zu sein, lähmt Jonathan und seine Kameraden. Sie kontrollieren ein arabisches Fahrzeug. Die Insassen provozieren mit Blicken. Und als dann einer eine Blechdose aus dem Autofenster wirft, verschwimmt in Dunkelheit und strömendem Regen die Realität. Jonathan erschießt die Araber – er und seine Kameraden hatten die Blechdose für eine Granate gehalten. Die eilends gerufenen Vorgesetzten „entsorgen“ die Toten mit schwerem Räumfahrzeug im schlammigen Niemandsland.

Der erzählte fiktive Skandal, diese ­Intention des Regisseurs, dass die israelische Armee kein rettender Engel ist, ­erzürnte Kulturministerin Miri Regev. ­Samuel Maoz sei ein „Verräter“, sein Film „eine Schande“. Regev ist geübt im Abstrafen israelischer Intellektueller. Den Roman „Wir sehen uns am Meer“ von Dorit Rabinyan nannte sie „eine Bedrohung der israelischen Identität“. Thematisiert wird die Liebe zwischen einer Israelin und einem Palästinenser. Das Buch durfte nicht als Lektüre für die Oberstufe aufgenommen werden, wurde aber von der israelischen Verlegerorganisation mit dem Bernstein-Preis ausgezeichnet.

Israel ist eine gespaltene Gesellschaft.