Kinokritik: „Jackie“ Sie will kein Opfer sein

Von Kathrin Horster 

Regisseur Pablo Larrain nähert sich der Person Jacqueline Kennedy kurz nach der Ermordung ihres Mannes und arbeitet heraus, wie die Journalisitin als First Lady das Image beider mitzugestalten versuchte. Natalie Portman verkörpert „Jackie“ beinahe satirisch überzeichnet und gerade darin erschreckend glaubwürdig.

Natalie Portman als Jackie Kennedy Foto: Verleih 12 Bilder
Natalie Portman als Jackie Kennedy Foto: Verleih

Stuttgart - „Fragt nicht, was Euer Land für Euch tun kann – fragt, was Ihr für Euer Land tun könnt!“ Dieser Ausspruch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy anlässlich seines Amtsantritts am 20. Januar 1961 ist legendär. Ein patriotischer, alle Bürger an ihre Pflicht gemahnender Satz in der Hochphase des Kalten Krieges, vorm Hintergrund allgegenwärtiger, innerer wie äußerer Unsicherheit und Bedrohung. Obwohl dieser Spruch zu Beginn von Pablo Larrains Filmporträt über die Ehefrau des Präsidenten Jacqueline Kennedy, kurz „Jackie“, nicht fällt, scheint er wie zugeschnitten auf die Rolle der First Lady unmittelbar nach dem Attentat auf ihren Mann am 22. November 1963 in Dallas.

Ein paar Stunden nur, nachdem der Präsident in Dallas für tot erklärt worden ist, findet die hastige Vereidigung vom Vize Lyndon B. Johnson auf dem Rückflug nach Washington statt. Der Präsident ist tot, es lebe der Präsident! Eine schauerliche Szene, mit der Larrain in seine beklemmend düstere, dabei faktentreue Nachstellung der ersten Stunden und Tage des Witwenlebens von Jacqueline Kennedy (Natalie Portman) einführt. In der Air Force One wäscht sie sich hysterisch schluchzend Spritzer vom Blut ihres Mannes aus dem Gesicht. Das besudelte pinkfarbene Chanel-Kostüm will sie partout nicht ausziehen. Jeder soll sehen, was der Attentäter ihr und dem Präsidenten angetan hat.

Für den Fotografen stellt sich Jackie tapfer gefasst neben Johnson (John Carrol Lynch) und dessen Frau (Beth Grant). Aus heutiger Sicht bezeugt das berühmte Bild den unmenschlichen Kraftakt einer Frau, die ihre persönliche Trauer zugunsten eines sich ungebrochen stark präsentierenden Staates hinten anstellen muss. Doch Larrain vermittelt, dass Jacqueline Kennedy sich selbst diese Demonstration ihrer Stärke als Dienstpflicht auferlegte: Nicht als Opfer, sondern als würdige Verwalterin von Kennedys Erbe wollte sie antreten.

Sie entwirft eine eigene Version ihrer Ehejahre

Etwa eine Woche nach der Ermordung ihres Mannes gewährt Jacqueline Kennedy dem Journalisten Theodore H. White (Billy Crudup) vom Life-Magazine auf dem Sommersitz der Familie ein Interview. Das Gespräch ist historisch belegt und dient Larrain als Bezugsquelle, um einen authentischen Einblick in die Psyche der First Lady zu geben, die schon zu Lebzeiten als Ikone gehandelt wurde.

Natalie Portman spielt Jackie beinahe satirisch überzeichnet, gerade darin erschreckend glaubwürdig als verletzliche, fast depressive Kettenraucherin mit unruhigem Blick. Für den mal freundlich interessierten, mal forsch neugierigen Pressemann entwirft sie eine eigene, mit offiziellen Verlautbarungen nicht immer konforme Version ihrer Jahre mit John F. Kennedy.

Episodisch vor- und rückwärts springend, erzählt „Jackie“ von den ersten öffentlichen Auftritten des Paares bis zur Beerdigungszeremonie auf dem Nationalfriedhof Arlington, ein Leben unter permanenter Beobachtung der Medien. Gezielt arbeitet Larrain heraus, wie Jacqueline, selbst Journalistin, die Presse mit Einblicken in den Alltag im Weißen Haus versorgte, dabei aktiv ihr eigenes Image sowie das des Präsidenten mitzugestalten versuchte. Manchmal mischt Larrain historisches Material unter seine Bilder und thematisiert so die Nachwirkung des medialen Kennedy-Kultes. Viele dieser offiziellen Szenen sind bis heute im kollektiven Gedächtnis verankert: Von der Home-Story des Fernsehsenders CBS mit Jacqueline Kennedy im Weißen Haus, das sie geschichtsbewusst und stolz präsentierte und für das sie eine Emmy-Auszeichnung bekam, bis hin zur umjubelten Ankunft in Dallas, wo Kennedy im Rahmen des Kampfes um seine Wiederwahl Unterstützer mobilisieren wollte.

Am Ende bricht Jackie zusammen

Die berühmten Bilder vom Attentat, die der Hobbyfilmer Abraham Zapruder vom Straßenrand aus drehte und die auch Oliver Stone in „J.F.K.-Tatort Dallas“ (1991) verwendete, stellt Larrain aus der Vogelperspektive nach. In rasendem Tempo jagt die Kamera dem offenen Wagen mit dem tödlich getroffenen Präsidenten hinterher. In einer entsetzlichen Nahaufnahme zeigt sie Jackies Hände, die den zerfetzten Hinterkopf bedecken.

Diesem öffentlich ausgestellten Horror soll die Trauerfeier ein würdevolles Andenken entgegensetzen. Die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Jackie, Robert Kennedy (Peter Sarsgaard) und den Sicherheitskräften um die von der First Lady sorgsam geplante Sarg-Prozession belasten die traumatisierte Witwe zusätzlich. In einem privaten, medial nicht belegten Moment inszeniert Pablo Larrain ihren Zusammenbruch. Weinend und hemmungslos trinkend geistert Jackie durchs Haus, probiert all ihre Kleider der vergangenen Banketts und Bälle an und legt die Lieblingsplatte ihres Mannes auf. Ein schmerzhafter Abschied vom Leben als strahlende First Lady, zugleich ein Neubeginn als Witwe der Nation.

Jackie. USA 2016. Regie: Pablo Larrain. Mit Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt. 100 Minuten. Ab 12 Jahren.