Kinokritik: Klima-Doku „I am Greta“ Greta Thunberg: das einsamste Mädchen der Welt?

Mit 15 Jahren fing Greta Thunberg alleine an, freitags nicht in die Schule zu gehen, sondern fürs Klima zu demonstrieren – Millionen folgten ihrem Beispiel. Foto: Verleih 5 Bilder
Mit 15 Jahren fing Greta Thunberg alleine an, freitags nicht in die Schule zu gehen, sondern fürs Klima zu demonstrieren – Millionen folgten ihrem Beispiel. Foto: Verleih

Der Dokumentarfilm „I am Greta“ zeichnet Greta Thunbergs Einsatz fürs Klima nach und kommt ihr dabei nahe – sehr nahe.

Kultur: Bernd Haasis (ha)
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Stuttgart - Es ist so eine große Verantwortung“, seufzt die 16-jährige Greta Thunberg an Bord des Seglers, der sie 2019 über den Atlantik nach New York bringt, weil sie das klimaschädliche Fliegen verweigert. Kurz darauf wird die Begründerin der Fridays-for-Future-Bewegung vor den Vereinten Nationen die Politiker weltöffentlich für ihre Untätigkeit beim Klimaschutz geißeln: „How dare you?“, „Wie könnte Ihr es wagen?“

Der schwedische Dokumentarfilmer Nathan Grossman zeichnet Greta Thunbergs „verrücktes Jahr“ nach, in dem sie zum Idol einer Generation aufstieg. Als die 15-jährige Greta im Sommer 2018 in Schulstreik trat und alleine vor dem schwedischen Parlament gegen die Klimapolitik demonstrierte, hatte er den richtigen Riecher und begann zu drehen.

Bald plagen Greta Zweifel

Grossman bleibt dicht und auf Augenhöhe an dem ungewöhnlichen Asperger-Kind. Greta kennt den kompletten Stand der Klimaforschung, sie formuliert entwaffnend präzise. Schnell sammeln sich Menschen um sie, werden die Schülerstreiks zum globalen Phänomen. Greta reist zu Klimakongressen, sie trifft Emmanuel Macron und andere Mächtige. Doch bald ist ihr der Zweifel ins Gesicht geschrieben: Wieso lädt man sie ein, wenn doch nichts passiert?

Eitelkeit und Egoismus, das wird zweifelsfrei klar, sind Greta Thunberg fremd, ihr geht es nur um die Sache. Das macht sie glaubwürdig – und gefährlich für Klimawandelleugner. Geschickt verbindet Grossman Katastrophennachrichten mit den Putins, Trumps und Bolsonaros dieser Welt, die Greta kleinreden und verunglimpfen, während der Amazonas-Regenwald in ungekanntem Ausmaß brennt.

Hass im Netz setzt ihr zu

Die Kampagne zeigt Wirkung, Hass im Netz setzt Greta zu, die in der Schule gemobbt wurde und kaum Freunde hat. Ihr Vater, dem vorgeworfen wurde, seine Tochter auszubeuten, wirkt gar nicht so – er entzieht sie eher dem Trubel und erinnert sie daran, zwischendurch zu essen.

Wirklich geborgen scheint sich Greta nur zu fühlen, wenn sie lange ihr Pferd umarmt. Manchmal schüttet sie sich aus vor Lachen. Meistens aber ist sie das einsamste Mädchen der Welt, dem man eigentlich nicht so eng zu Leibe rücken möchte – das macht den Film, so dringlich Gretas Anliegen sein mag, zu einer zwiespältigen Erfahrung.

I am Greta. Schweden 2020. Regie: Nathan Grossman. 97 Minuten. Ohne Altersbeschränkung. Delphi, Metropol




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