Kinokritik: „La La Land“ Zeit für ein Tänzchen

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Sieben Golden Globes hat „La La Land“ gerade eben erst geholt, so viel wie noch kein Film zuvor. Und schon startet das Musical von Damien Chazelle, das Hollywoods Romantik von einst mit der modernen Welt verknüpft, auch in den deutschen Kinos.

Sie tanzen  durchs Leben, aber wie lange noch? Emma Stone und Ryan Gosling überzeugen als Liebespaar in der Krise. Foto: Studiocanal 21 Bilder
Sie tanzen durchs Leben, aber wie lange noch? Emma Stone und Ryan Gosling überzeugen als Liebespaar in der Krise. Foto: Studiocanal

Stuttgart - Es gibt eine Handvoll klassischer Eröffnungen für einen Großstadtfilm. Einer davon ist der Flug der Kamera über Wasser oder Felder auf die Metropole zu, der dann durch Häuserschluchten führt und schließlich direkt durch ein Fenster hinein ins Apartment der Menschen, von denen erzählt wird. Eine andere Eröffnung nutzt die Straße, folgt den Autoströmen, die einem urbanen Zentrum zustreben, und falls der Film uns schon mal zu verstehen geben will, dass seine Figuren mit Widrigkeiten zu kämpfen haben werden, dann lässt er die Bewegung im Stau enden. „La La Land“ wählt die Stauvariante.

La La Land, das ist ein alter Ausdruck für Los Angeles, kein nur freundlicher, eher ein spöttischer, eine Liebkosung aus der Kapitulation heraus. Auf Deutsch würde man Balla-Balla-Land sagen, um den Großraum Los Angeles als Ort der verdrehten Werte zu kennzeichnen, als Moloch, der die Menschen alle ein wenig verrückt macht. Der Stau zu Beginn von „La La Land“ vermittelt schon einen Eindruck von der täglichen Nervenbelastung, und eigentlich könnte so auch ein Film über jemanden anfangen, der ausrasten wird, eine Variante von „Falling Down“ ( 1993).

Idee für einen Flashmob

Aber aus der Misslaune der zum Stehen Gebrachten entsteht hier etwas anderes als Aggression. Die Fahrerinnen und Fahrer fangen zu singen an, öffnen die Autotüren, tanzen zwischen und auf den Fahrzeugen. Aus dem Alltäglichen entsteht Fantastisches, das uns so in der Wirklichkeit nicht begegnen wird – jedenfalls solange nicht, bis jemand, von „La La Land“ inspiriert, einen entsprechenden Flashmob organisieren wird.

Die Flashmob-Idee könnte auch deshalb jemandem kommen, weil Chazelle vorsätzlich keine einschüchternde Präzisions- und Virtuositätschoreografie im Stil der großen alten Hollywood-Musicals auffährt. Er lässt Tanz und Gesang etwas Bescheidenes, Vorläufiges, ja, manchmal etwas Halbfertiges. Doch, sagt er damit gleich zu Beginn, dies ist ein Musical, aber keines, das die Uhr zurückdrehen kann, das zwar heute entsteht, aber als Film des Jahres 1952 durchginge. „La La Land“ erweckt nicht die Dahingegangenes mit nekromantischer Magie wieder zum Leben. „La La Land“ erzählt von unserer Sehnsucht nach der beschwingten Kinoromantik von einst und untersucht, wie viel davon unter welchen Bedingungen noch ins heutige Leben passen könnte.

Heraus aus der Normalität

Zwei junge Menschen, die miteinander im Stau stehen und sich dort übereinander ärgern, werden sich bald freundlicher begegnen: Mia (Emma Stone), die ihre Chance als Schauspielerin sucht, und Sebastian, der gerne einen Jazzclub eröffnen möchte. Von Herz zu Herz kommen die beiden bald ganz gut klar, Chazelle geht nun weiter in der Romantik als in der Eröffnungssequenz. Er spendiert den Liebenden ein paar altmodischere Tanzszenen, die jedoch ohne Umweg über das Ausgefuchste der Tänze von Ginger Rogers und Fred Astaire dasselbe behaupten: Dass wir ruhig ein wenig aus Konvention und Normalität heraustreten dürfen, also singen statt sprechen, tanzen statt gehen dürfen, um unseren Gefühlen und Träumen Luft und Raum zu verschaffen.

Nur stellt sich bald die Frage, ob die Anstrengung, die eigenen Projekte und Ideale durchzusetzen, sich mit einer Beziehung vertragen. Und ob Lebensträume eine Chance gegen die Realität haben. Mia bekommt keine großen Angebote, sie isnzeniert sich schließlich selbst ein Ein-Personenstück und mietet eine Bühne, auf der sie alleine steht und monologisiert: Ein Sackgassenbild, wenn es je eines gab. Sebastian liefert anfangs in einem Restaurant fades Hintergrundgeklimper, dann geht er mit einer peppigen Band auf Tour, die aber auch nicht das spielt, was er mal als Musik seines innersten Selbst gepriesen hat. „La La Land“ ist skeptischer als die meisten alten Musicals.

Zwischen den Brüchen

Dass er trotzdem gerade die Rekordzahl von sieben Golden Globes geholt hat und auch als Favorit in die Oscar-Nacht geht, liegt wohl mit daran, dass er seine Skepsis gegenüber den Glücksträumen nicht als wilden Pessimismus von hinten her das Musical zerfleischen lässt. Der zweiunddreißigjährige Chazelle, dem in der eigenen Karriere Unwahrscheinlichstes geglückt ist, der mit „Whiplash“ einen Film über einen jungen Jazzdrummer finanziert bekam und zuvor als Debüt ein Jazzmusical in Schwarz-Weiß drehen durfte, „Guy and Madeline on a Park Bench“, kostet die kleinen Hoffnungen aus. Er malt nicht das bruchlose Glück auf die Leinwand, sondern die Glücksmomente zwischen den Brüchen. Und über manche Spalten und Risse im Leben, rät er, lässt sich durchaus auch mal hinwegtanzen.

Sehen Sie hier den Trailer zu „La La Land“:

La La Land. USA 2016. Regie: Damien Chazelle. Mit Emma Stone, Ryan Gosling, J.K. Simmons. 128 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.




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