Kinokritik: Lady Bird Ein Mädchen sucht seinen Platz im Leben

Von Bernd Haasis 

Die US-Schauspielerin Greta Gerwig, 34, erzählt in ihrem Regie-Debüt vom Erwachsenwerden einer jungen Frau. Mit dem autobiografisch gefärbten Drama ums Teenager-Sein scheint sich die Filmemacherin ihrer selbst vergewissern zu wollen.

Jugendliche Sehnsüchte, flüchtig wie  der amerikanische Traum: Saoirse Ronan  in „Ladybird“ Foto: Verleih 17 Bilder
Jugendliche Sehnsüchte, flüchtig wie der amerikanische Traum: Saoirse Ronan in „Ladybird“ Foto: Verleih

Stuttgart - Mein ein Name ist Lady Bird“, sagt die 17-jährige Christine trotzig zu ihrer Mutter, gegen die sie spätpubertär rebelliert. Mag sein, dass sie gern als Lady gesehen werden will, die sich wie ein Vogel von dannen heben kann; in der Alltagssprache klingt ihr selbst­ gewählter Spitzname wie „ladybird“, „Marienkäfer“, womit schon viel gesagt ist über das Wesen dieser jungen Frau, die auf Selbstsuche alle Höhen und Tiefen des Teenager-Seins durchlebt: Hochfliegende Pläne, Romantik, erster Sex, Tiefschläge.

Scheitern kann so schön sein, und Gerwig hat das mit Blick aufs Erwachsenwerden als Schauspielerin ausgiebig bearbeitet, oft als Muse des Regisseurs Noah Baumbach. In „Greenberg“ (2010) spielte Gerwig eine entscheidungsschwache Seele von Mensch, die nach dem Studium als Dienstbotin vor sich hin dümpelt. In „Frances Ha“ (2013) perfektionierte sie diese Rolle und gab eine Art Petra Pan, die das Ende der Spätadoleszenz verpasst. In „Misstress America“ (2015) war Gerwig ein Wunderweib, das alle beeindruckt, aber nichts richtig kann. Erst in „Jahrhundertfrauen“ (2017) von Mike Mills löste sie sich ein wenig als wilde Fotografin, die zumindest zu wissen glaubt, was sie nicht will.

Die Protagonistin ist dickköpfig und tapsig

Nun war es wohl an der Zeit, an die Wurzel zu gehen: die Pubertät. Gerwig hat von starken Regisseuren gelernt, das Drehbuch selbst geschrieben und die Geschichte im kalifornischen Sacramento angesiedelt, ihrer Heimatstadt. Eine autobiografische Färbung kann sie also kaum leugnen, auch wenn sie in Interviews darauf besteht, dass es sich um ein fiktives Werk handelt.

Es ist jedenfalls alles andere als überraschend, dass ihre dickköpfige Protagonistin ein wenig tapsig durchs Leben stolpert. Sie hasst ihre katholische Schule und sitzt mit unglücklich rosagefärbten Haaren zwischen den Stühlen: Gehört sie mit ihrer lieben, übergewichtigen Freundin Julie zu den grauen Mäusen? Oder zu den coolen Parkplatz-Kids aus reichem Hause, die wohlstandsgelangweilt ihre Jugend verschwenden? Die Liebe zum scheinbar braven Danny jedenfalls erweist sich als flüchtig wie der amerikanische Traum – der Junge ist bald ebenso weg wie Daddys Job.

Die Irin Saoirse Ronan (23, „Brooklyn“) wirkt gerade noch jung genug für die Rolle, für die Gerwig selbst deutlich zu alt wäre. Ronan füllt sie mit Herz und Seele, gerne begleitet man sie durch alle jugendlichen Krisen und Irrtümer. Lucas Hedges als Danny gibt einen herrlich neben sich stehenden Jungen, Timothée Chalamet als Kyle verkörpert den Typus des unbeeindruckbaren Existenzialisten. Laurie Metcalf überzeugt als Ladybirds widerborstige Mutter, Beanie Feldstein als unpopuläres Herzchen Julie, Odeya Rush als verzogene Vorstadtgöre Jenna.

„Lady Bird“ ist ein starkes Debüt

Am Ende gelingt Christine der Absprung, sie geht hinaus in die große Welt, stellt aber schnell fest: Ein Mädchen kommt aus Sacramento heraus, Sacramento aber nicht aus dem Mädchen – das ja gar nicht vor seiner Heimatstadt weggelaufen ist, sondern vor sich selbst. Das ist wahrlich keine neue Geschichte, so liebevoll und aufrichtig Gerwig sie auch inszeniert haben mag. Und so ist es absolut folgerichtig, dass ihr Film für wichtige Oscars zurecht nominiert war, aber keinen bekommen hat.

Vor allem wirkt „Lady Bird“ weit weniger universell, als er sein könnte. Sacramento ist ja überall, Millionen Teenager weltweit träumen sich an andere Orte in der Hoffnung, ihrer hormonellen Verwirrung zu entfliehen. „Lady Bird“ aber, anders als etwa die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ (2017), kommt über die amerikanische Perspektive kaum hinaus. Vielleicht hat die Filmemacherin ihr Sujet doch eine Spur zu persönlich genommen – stellenweise wirkt ihr Werk wie eine Selbstvergewisserung. Ein starkes Debüt ist „Lady Bird“ dennoch in einer Kunstform, in der Frauen stark unterrepräsentiert sind. Mit Greta Gerwig wird noch zu rechnen sein.