Kinokritik: Loving Vincent Auf der Suche nach dem Mann ohne Ohr

Von Kathrin Horster 

Ein britisch-polnischer Animationsfilm begibt sich auf spannende Spurensuche. Wie starb der angeblich durch Selbstmord aus dem Leben geschiedene Vincent van Gogh wirklich? Und wie verrückt hat der große Maler zuvor tatsächlich gelebt?

So sehen die Filmemacher Vincent van Gogh Foto: Verleih
So sehen die Filmemacher Vincent van Gogh Foto: Verleih

Stuttgart - Tiefblau strahlt der Nachthimmel über einem Café mit Außenterrasse in der südfranzösischen Gemeinde Arles. Man kann die Sterne sehen, heller als in den lichtverschmutzten Städten. Ein paar versprengte Flaneure sind noch unterwegs, das Kopfsteinpflaster vor dem gelb-orange illuminierten Haus schimmert purpurfarben.

Das Bild des Straßencafés ist weltberühmt und hängt, massenweise als Posterdruck reproduziert, in Arztpraxen, Kneipen und Wohnzimmern. Als der niederländische Maler Vincent van Gogh die Szene 1888 malte, lag sein Triumph als geschätzter, teuer gehandelter Künstler noch in der Zukunft. Dass der als verschrobener Eigenbrötler geltende Autodidakt mit seinen Gemälden sogar maßgeblichen Einfluss auf die Kunst der Moderne haben sollte, ahnte noch niemand.

Der Film bricht mit der üblichen Legendenbildung

Der Legende nach war der 1853 geborene Pfarrerssohn eine elende, von rätselhafter psychischer Erkrankung gebeutelte Gestalt. Ein Irrer, der sich nach einem Streit mit dem Kollegen Paul Gauguin ein Ohr abschnitt. Ein Nonkonformist, der sich nicht in Gruppen integrierte. Ein Rasender, der sich im Alter von nur 37 Jahren selbst in den Bauch schoss und kurz darauf verstarb.

Wer sich der Lebensgeschichte dieses zum Mythos erstarrten Künstlers annimmt, läuft Gefahr, sich bloß entlang dieser markanten Eckdaten zu bewegen. Umso spannender ist der Zugriff der Filmemacher Dorota Kobiela und Hugh Welchman, die mit der üblichen Legendenbildung brechen. Zum einen verknüpfen sie in „Loving Vincent“ die bis heute nebulösen Umstände von van Goghs Tod zu einer spannenden Kriminalerzählung, zum anderen setzen sie dessen expressive Malweise filmisch um. „Loving Vincent“ ist nämlich ein Animationsfilm für Erwachsene.

Um die Welt aus van Goghs Augen zu zeigen, greifen Kobiela und Welchman auf das Rotoskopie-Verfahren zurück. Dabei werden Realfilmszenen in Einzelbilder zerlegt und übermalt, hier in satten, pastos aufgetragenen Ölfarben. Ein besonderes, streckenweise herausforderndes Seherlebnis, weil die Filmszenen durch den perfekt nachgeahmten, unruhigen Pinselstrich fast intensiver wirken als die starren Originale.

Ruhe kehrt ein

Einmal trinkt jemand im schreiend rot ausgemalten Innenraum des Nachtcafés ein Bier, um die Deckenlampen tanzen wie in van Goghs Gemälde gelbe Lichtkränze. Der Billardtisch leuchtet in Lindgrün, auf den Gesichtern der Gäste flackert in kurzen, nervösen Strichen mehrfarbig gebrochenes Licht. Ruhe kehrt ein in schwarz-weißen, fotorealistisch gezeichneten Rückblenden, die Vincents trostlose Kindheit thematisieren.

Ein Jahr nach dem Tod van Goghs soll Armand Roulin (Douglas Booth) einen letzten Brief des Verstorbenen an dessen Bruder Theo zustellen. Doch Theo ist inzwischen der Syphilis erlegen, weshalb Armand nach einem anderen Verwandten oder Freund des Toten fahndet, dem er den Brief aushändigen kann. Armand sucht ehemalige Weggefährten van Goghs auf, den Arzt und Kunstliebhaber Dr. Gachet (Jerome Flynn) und dessen Tochter Marguerite (Saoirse Ronan). Armand mietet sogar das Zimmer in der Pension an, wo der Maler zuletzt lebte. Dort lernt er die Wirtin Adeline Ravoux (Eleanor Tomlinson) kennen, mit der van Gogh befreundet war.

Der Film rekonstruiert die Beziehungen van Goghs

In den Gesprächen mit den Leuten stößt Armand aber bald auf Geheimnisse. Hat Dr. Gachet, ein Mediziner mit zweifelhaftem Ruf und undurchsichtigen Ambitionen, etwas mit dem Tod Vincents zu tun? Hat sich Vincent die Verletzung womöglich gar nicht selbst beigebracht?

Trotz mancher Aufklärungslücken zum Tod van Goghs gibt ein umfangreicher Briefverkehr Einblick in Alltag und Denken des Malers. Sehr genau rekonstruiert der Film die Beziehungen van Goghs und erweckt historische Persönlichkeiten wie Dr. Gachet, den Farbenhändler Père Tanguy und den Postmeister Roulin zum Leben. Deren Charaktereigenschaften arbeitete van Gogh in Porträts heraus, die das Regieduo als Grundlage der Gestaltung nutzt.

Aus Fakten, Briefen und dem lebendig animierten Motivkanon lösen Dorota Kobiela und Hugh Welchman allmählich die Persönlichkeit Vincent van Goghs heraus. Ob dessen langsames Sterben Folge eines Selbstmordversuchs oder eines Unfalls war, kann der Film zwar nicht beantworten, er zeigt dafür einen sensiblen, lebenshungrigen Menschen, der Anerkennung und Freundschaft wollte, jedoch bis zum bitteren Ende Ablehnung erfuhr.