Kinokritik: Queen & Slim Diskriminierte werden zu schwarzen Volkshelden

Von Martin Schwickert 

Das herausragende Drama „Queen und Slim“ fügt sich in die große Roadmovie-Tradition ein, während es differenziert Rassismus in den USA reflektiert.

Eine Flucht ist kein Spaß Daniel Kaluuya und  Jodie Turner-Smith in „Queen & Slim“ Foto: Universal Pictures/Andre D. Wagner 9 Bilder
Eine Flucht ist kein Spaß Daniel Kaluuya und Jodie Turner-Smith in „Queen & Slim“ Foto: Universal Pictures/Andre D. Wagner

Stuttgart - Das erste Date in einem Schnellrestaurant in Cleveland läuft nicht gut. Die Strafverteidigerin Queen (Jodie Turner-Smith), hat gerade einen Prozess verloren und kann dem ungelenken Small-Talk des Verkäufers Slim (Daniel Kaluuya) wenig abgewinnen. Auf dem Heimweg geraten sie in eine Verkehrskontrolle – für Afroamerikaner eine potenzielle Gefahr. Slim versucht zu deeskalieren, Queen fordert die Dienstnummer des Beamten ein. Als sie die Szene filmen will, zieht der Polizist die Waffe und schießt ihr ins Bein. Im folgenden Kampf löst sich ein weiterer Schuss, der den Cop tötet. Eigentlich klare von Notwehr – wenn das Opfer nicht ein Polizist und der Täter nicht schwarz wäre.

Abhauen oder den Rest des Lebens hinter Gittern – so fasst Queen die Optionen zusammen. Sie fliehen gen Süden und hoffen auf eine Überfahrt nach Kuba. Derweil geht das Video aus der Autokamera des Beamten viral, und während die Polizei fahndet, steigen die Flüchtigen zu schwarzen Volkshelden auf, zur afroamerikanischen Version von „Bonnie & Clyde“. Melina Matsoukas streut die filmgeschichtlichen Referenzen weiter in ihrem herausragenden Spielfilmdebüt. „Queen & Slim“ steht auch in einer Reihe mit Filmen wie „Thelma & Luise“ (1991) und „Butch Cassidy und Sundance Kid“ (1969). Die filmkulturelle Aneignung des Genres wird hier in die „Black Lives-Matter“-Kampagne eingebettet und geht doch weit über ein bloßes politisches Statement hinaus.

Die Fronten sind keineswegs klar

Matsoukas inszeniert die Flucht als mythische Reise, die vom Norden in die Südstaaten führt und damit in genau die entgegengesetzte Richtung, die entflohene Sklaven seinerzeit einschlugen. Die Überlebensfrage, wem sie vertrauen können, entscheidet sich nicht entlang ethnische Zugehörigkeit. „Es war nur Notwehr“, sagt Slim, als ein alter Mann ihn mit Black-Power-Gruß als Helden feiert. Ein schwarzer Automechaniker verlangt den doppelten Preis, weil er das Verhalten der Flüchtigen verurteilt. Ein weißer Irak-Kriegsveteran und seine Frau gewähren Unterschlupf, ohne Fragen zu stellen. „Hier seid ihr sicher“ flüstert die Kellnerin in einer Blues-Bar, in der nur Schwarze verkehren. Und für einen Song lang können Queen und Slim in eine frische Verliebtheit abtauchen.

Matsoukas wurde durch das provokante Musikvideo zu Beyoncés „Formation“ bekannt, nun inszeniert sie mit ungeheurem Stilwillen ein politisches Roadmovie, das äußerst differenziert den Rassismus in den USA reflektiert und dabei von einer höchst bewegenden Liebe erzählt. Daniel Kaluuya („Get Out“) und die britische Newcomerin Jodie Turner-Smith entwickeln enorme Präsenz, in den hochdramatischen Momenten wie bei Annäherung. Nach „Moonlight“, „Get Out“ und „The Hate U Give“ beweist auch „Queen & Slim“, dass wirklich interessante Impulse im US-Kino heute oft aus der afroamerikanischen Community kommen.

Queen & Slim. USA 2019. Regie: Melina Matsoukas. Mit Daniel Kaluuya, Jodie Turner-Smith. 132 Minuten. Ab 12, Delphi, EM, Ufa