Kinokritik: Shape of Water – Das Flüstern des Wassers Der große Oscar-Favorit: Stumme Frau liebt einsamen Wassermann

Von Bernd Haasis 

Eine Hommage ans Goldene Zeitalter Hollywoods ist Guillermo del Toros märchenhafter Mystery-Thriller, eine Liebeserklärung ans Kino und an die Macht der Fantasie. Bei den Oscars könnte er der ganz große Gewinner sein, nominiert ist er in dreizehn, also praktisch allen großen Kategorien. Zu recht?

Wunderwesen müssen um ihr Leben fürchten in einer Welt engstirniger weißer Männer:  Sally Hawkins kost Doug Jones in „Shape of Water“ Foto: Twentieth Century Fox 11 Bilder
Wunderwesen müssen um ihr Leben fürchten in einer Welt engstirniger weißer Männer: Sally Hawkins kost Doug Jones in „Shape of Water“ Foto: Twentieth Century Fox

Stuttgart - Das muss man erst mal schaffen: Der Amphibienmann in Guillermo del Toros jüngstem Film sieht einerseits aus wie eine hyperrealistische Animationsfigur auf der Höhe der Zeit, andererseits verströmt er dennoch die Anmutung jener Gummianzüge, in denen im vordigitalen Zeitalter Schauspieler solche Kreaturen verkörperten, etwa im Horror-Klassiker „Creature from the Black Lagoon“ (1954). So ist „Shape of Water“ gestrickt, durch und durch: Als technisch in jeder Hinsicht brillantes Meisterwerk, das große Träume von einst in die Gegenwart holt.

In einem US-Geheimlabor Anfang der 60er wird das Wesen in einem Wassertank gehalten und wissenschaftlich daraufhin untersucht, ob es als potenzielle Wunderwaffe im Kalten Krieg taugt – doch es widersetzt sich dem zaudernden Forscher Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) und dem brutalen Sicherheitschef Strickland, dem es bereits zwei Finger abgerissen hat. Die einsame Putzkraft Elisa (Sally Hawkins) dagegen, die sich allmorgendlich in der Badewanne selbst liebt, erkennt in dem Wassermann einen Seelenverwandten und füttert ihn mit gekochten Eiern; bald entwickeln beide zärtliche Gefühle füreinander. Elisa ist stumm, was ihre afroamerikanische Kollegin Zelda (Octavia Spencer) durch ununterbrochenes Reden ausgleicht – wie einst der Shrimp-Fischer Bubba in „Forrest Gump“ (1994). Zu Hause spricht für Elisa der arbeitslose Grafiker Giles (Richard Jenkins), ein jammernder Bohemien par excellence.

Das Amphibienwesen wird zum ersehnten Prinzen

In Mexiko gehört del Toro zu den großen Drei; neben dem Filmkünstler Alejandro González Iñárritu („Babel“) und dem Effekt-Magier Alfonso Cuarón („Gravity“) ist er der Meister der Stilisierung. In „Pan’s Labyrinth“ (2006) hat del Toro die Verwerfungen des spanischen Bürgerkriegs in Albtraum-Fantasien einer Zehnjährigen gegossen, und die plastische Präsenz der verqueren Superheldentypen in seiner Comic-Verfilmung „Hellboy“ (2004) ist bis heute unerreicht. Aus diesem Universum, in dem ein Wassermann namens Abe Sapien eine wichtige Rolle spielt, hat er den aktuellen Stoff entlehnt. Das Wesen verkörpert – wie schon den monströsen Pan – der US-Schauspieler Doug Jones, ein ehemaliger Schlangenmensch. In der „Star Trek“ -Serie „Discovery“ bietet dieser derzeit hinter dicker Maske eine faszinierende Vorstellung als außerirdischer Kelpianer. Scheu und neugierig zugleich agiert er nun als geschundenes Amphibienwesen mit besonderen Gaben, dem jede Erfahrung mit den Gepflogenheiten der sogenannten Zivilisation fehlt, der aber mit sicherem Instinkt erkennt, wer es gut mit ihm meint. Sally Hawkins, die zuletzt in „Maudie“ eine Rolle als Freak exzellent ausgestaltet hat, begegnet ihm als Elisa mit einer Selbstverständlichkeit, die fasziniert und irritiert – hier entdeckt sie den lange erwarteten Prinzen, der ihre Vorlieben teilt und ihre Sprachlosigkeit.

Die Schauspieler haben großen Anteil an dem Filmwunder, das del Toro gelingt, der wiederum der bizarren Romanze die bildmächtige Anmutung einer märchenhaften Liebe gegen alle Widerstände verleiht. Auch perfektes Timing gehört zu seinen Geheimnissen: Wie einst die stumme Ada in Jane Campions „Piano“ (1993) gibt Elisa an einem entscheidenden Punkt plötzlich Laute von sich, hier inspiriert durch und eingebettet in Musik aus dem American Songbook. Der Filmkomponist Alexandre Desplat („Grand Budapest Hotel“) rahmt diese in einen eleganten, klassischen Score.

Ein Cowboy von gestern ist der Gegner

Eine Allegorie verkörpert Michael Shannon als Geschöpfeschinder Strickland. Mit militärischem Drill und Männlichkeitswahn steht er für eine gestrige Cowboy-Kultur, die alles Andersartige fürchtet und der vor allem das weiße Amerika aufsitzt – das jüngste Beispiel dafür ist der aktuelle Bewohner des Weißen Hauses.

Für 13 Oscars ist „Shape of Water“ nominiert, in allen Hauptkategorien. Umso pointierter wirkt del Toros Kommentar zum drohenden Bedeutungsverlust des ­Kinos als magischem Ort: Er hat einem prachtvollen alten Lichtspielhaus, in das niemand mehr geht, eine Rolle als Nebenschauplatz gegeben. Gäbe es mehr Filme wie diesen, wäre all das gar kein Thema.