Kinokritik: „The Death of Stalin“ Stets den Dolch im Gewande

Von Bernd Haasis 

Die köstliche Farce „The Death of Stalin“ zeigt das intrigante Nachfolge-Gerangel unter Sowjet-Funktionären. Steve Buscemi spielt darin Nikita Chruschtschow, eine der Rollen seines Lebens.

Einen Arzt rufen oder nicht? Noch ist Stalin nicht ganz tot . . . Foto: Verleih 7 Bilder
Einen Arzt rufen oder nicht? Noch ist Stalin nicht ganz tot . . . Foto: Verleih

Stuttgart - Wenn Schreckensherrscher das Zeitliche segnen, balgen sich die Günstlinge um den Thron. Ein beliebtes Gedankenspiel dazu widmet sich dem Hauen und Stechen, das wohl nach dem Tod Hitlers ausgebrochen wäre unter Goebbels, Göring, Himmler, Heydrich. Der US-Autor Philipp K. Dick hat das thematisiert in seinem als Serie verfilmten Roman „The Man in the High Castle“, der das Albtraumszenario eines Sieges Deutschlands und Japans im Zweiten Weltkrieg zeichnet.

Einen belegten Fall gibt es: Als 1953 Stalin starb, der paranoide Führer der Sowjetunion, der wie Hitler Millionen Menschen auf dem Gewissen hat, kam es zu einem ­wüsten Gerangel um die Nachfolge. Der schottische Regisseur und Autor Armando Iannucci, bekannt für sein Mitwirken an der komödiantischen Serie „Veep“ über eine fiktionale US-Vizepräsidentin, hat daraus nun eine köstliche Farce gemacht nach einer Graphic Novel der französischen Comic-Künstler Fabien Nury und Thierry Robin. Erwachsene Männer benehmen sich da wie Kinder im Sandkasten – nur dass es nicht um weg­genommene Förmchen geht und in die Haare gestreuten Sand, sondern letztlich um Leben und Tod und das Schicksal einer ­ganzen ­Nation.

In seinen besten Momente erinnert der Film an Ernst Lubitsch

Zunächst wohnt man einer Art Vorspiel bei. Mitglieder des Zentralkomitees der kommunistischen Partei (ZK), Nikita ­Chruschtschow (Steve Buscemi), Lawrenti Beria (Simon Russell Beale) und Georgi Ma­lenkow (Jeffrey Tambor), überbieten sich darin, ­Stalin bei Laune zu halten – und wehe, der Tyrann lacht nicht über einen Witz, dann heißt es, das Genick einzuziehen. Zugleich werden neue „Säuberungs“-Listen herausgegeben mit Namen vermeintlicher Staatsfeinde. Größer könnte der Kontrast nicht sein zwischen dem staatlichen Terror und den Ränkespielen um die Gunst des Diktators. Ianuccis Kunst besteht darin, diesen herben Stoff wie selbstverständlich in leichtem Komödienton zu erzählen. Zwar bleibt das eine oder andere Lachen im Halse stecken, insgesamt aber kommt man aus dem Schmunzeln kaum heraus; in seinen besten Momenten erinnert dieser Film an Ernst Lubitsch („Sein oder Nichtsein“).

Als Stalin plötzlich stirbt, belauern die eiskalten ZK-Zyniker einander, allesamt scharf überzeichnete Charaktere. Chruschtschow quasselt ununterbrochen, und es ist schlicht Weltklasse, wie Steve Buscemi („Reservoir Dogs“, „Fargo“) geschmeidig schmeichelt, lobhudelt und umgarnt, stets den Dolch im Gewande. Eindrucksvoll agiert auch Simon Russell Beale („Penny Dreadful“) als Geheimdienstchef Beria, dessen Apparat den Staat praktisch unterwandert hat. Damit kokettiert er offen, während er sich immer neue minderjährige Mädchen als Sexsklavinnen bringen lässt.

Jason Isaacs spielt einen herrlichen Brutalinsky

Chancenlos ist der zögerliche, leicht zu manipulierende Malenkow, der als Stell­vertreter zunächst zum Chef aufrückt und den Jeffrey Tambor („Transparent“) in eine herrliche Herrscher-Karikatur verwandelt. Michael Palin als Molotow, dessen jüdische Frau Polina Stalin verhaften ließ und der selbst schon auf einer Todesliste stand, führt ein besonders groteskes Huldigungstheater für den verstorbenen Tyrannen auf. Andrea Riseborough brilliert als Stalins melo­dramatische Tochter Swetlana, Rupert Friend als versoffener, von einer unerschütterlichen Hybris besessener Stalin-Sohn Wassili, der Gott und die Welt beschimpft und mit Waffen fuchtelt. Zur Schlüsselfigur wird der General Georgi Schukow, der zur Trauerfeier die Rote Armee aufmarschieren lässt und aus dem Jason Isaacs („Star Trek: Discovery“) einen herzlich zupackenden Brutalinski macht.

In Russland ist der Film verboten, weil man dort keinen Spaß versteht, wenn es um das autokratische Erbe der Nation geht. ­Ärger gab es schon um den Film „Matilda“ (2017), in dem der Zarewitsch Nikolaus eine Affäre mit einer Tänzerin hat, als noch schlimmer wird offenbar empfunden, wenn der Massenmörder Stalin und seine Schergen verspottet werden. So ist das im Leben: Wer nicht über sich selbst lachen kann, verpasst die besten Komödien.

The Death of Stalin. Großbritannien/Frankreich 2017. Regie: Armando Iannucci. Mit Steve Buscemi, Jeffrey Tambor, Michael Palin. Ab 12 Jahren; in Stuttgart im Kino Cinema https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.der-regisseur-robert-schwentke-im-interview-die-konfrontation-gehoert-zum-kinoerlebnis.54181e4b-f48c-432d-a501-0769511a236a.html https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kinokritik-der-hauptmann-die-nazi-barbarei-frisst-sich-selbst.0ac75787-45eb-47a9-87a1-c4078eafc3e4.html https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.jazztage-im-theaterhaus-ausfluege-in-andere-sphaeren.61cd05d4-e3ad-45af-add8-a8b8501ed19f.html