Kinokritik: Toy Story 4 Spielzeuge verhandeln Grundfragen des Lebens

Von Martin Schwickert 

Im vierten Teil fangen die Spielzeuge um den Cowboy Woody und den Astronauten Buzz Lightyear wieder ganz von vorne an. Sie buhlen nun um die Zuneigung der kleinen Bonnie – doch Gedanken über Freiheit und Selbstbestimmung sorgen für Unruhe.

Der selbstgebastelte Forky fühlt sich wie Abfall und hat Suizidgedanken, der Cowboy Woody fürchtet, auf dem Abstellgleis zu landen Foto: ©2019 Disney/Pixar. All Rights Reserved. 12 Bilder
Der selbstgebastelte Forky fühlt sich wie Abfall und hat Suizidgedanken, der Cowboy Woody fürchtet, auf dem Abstellgleis zu landen Foto: ©2019 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

Stuttgart - Für die Spielzeuge in „Toy Story“ war der Kinderwunsch stets besonders existenziell. Unbeobachtet führen Woody und seine Freunde ein reges Eigenleben, der Dreh- und Angelpunkt ihres Daseins aber ist die Liebe des Kindes, das mit ihnen spielte. In drei Folgen haben die Pixar-Studios die Welt aus der Spielzeugperspektive erzählt – inklusive der Krise, dass Kinder mit zunehmendem Alter das Interesse an Kuscheltieren und Actionfiguren verlieren.

Im dritten Teil unter der Regie von Lee Unkrich kam es zu einer therapeutischen Schlusswendung: Der Cowboy Woody musste lernen, seinen herangewachsenen Besitzer loszulassen, Liebe als erneuerbare Energie zu begreifen und mit einem anderen Kind von vorne anzufangen. Aus narrativer Sicht war die „Toy Story“-Trilogie damit eine runde Sache. Aber mit dem Loslassen tut sich nicht nur Woody schwer, sondern auch der Mutterkonzern Disney – die Marke ist zu stark, die Magie der Figuren zu groß – ein Gesamteinspielergebnis von nahezu 1,9 Milliarden Dollar (rund 1,7 Milliarden Euro) spricht für sich.

Woody muss seinen Sheriffstern abgeben

Im vierten Teil führt Josh Cooley Regie, ein Co-Autor von „Alles steht Kopf“. Am aktuellen Drehbuch wiederum schrieb Andrew Stanton mit, der Regisseur unter anderem von „Findet Nemo“ und „Wall-E“ – das kreative Bäumchen-wechsel-dich-Spiel im Hause Pixar funktioniert. Zunächst scheint sich einiges zu wiederholen, nach anfänglicher Euphorie hat die neue Besitzerin Bonnie das Interesse an der Cowboy-Figur Woody verloren. Immer öfter bleibt er unbespielt im Schrank und muss seinen Sheriff-Stern an seine weibliche Western-Kollegin Jessie abgeben. Auch in der Spielzeugkiste gehört der weiße, alte Mann zu den Abgehängten. Aber statt Populisten in die Arme zu laufen, bleibt Woody loyal.

Vom Schnuppertag in der Vorschule bringt Bonnie ein selbstgebasteltes Wesen mit: Ein Plastik-Löffel als Körper, Pfeifenreiniger für die Arme und ein ungleiches Paar aufgeklebte Augen. Aber ähnlich wie Frankensteins Monster kommt dieser Forky mit seiner plötzlichen Lebenserweckung nicht zurecht. „Ich bin Abfall!“ ruft er und stürzt sich dauernd in suizidaler Mission in den nächstbesten Mülleimer. Woody erkennt, wie sehr Bonnies Herz an dem Löffel-Männchen hängt, und findet als Beschützer des Todessehnsüchtigen eine neue Aufgabe. Woody, der Angst hat, Abfall zu werden, und Forky, der sich genau danach sehnt, ergeben ein skurriles Optimalpaar für ein Buddy-Movie.

Spielzeuge werden zu Geiseln

Der gutherzige Cowboy indes trifft bei einem Familienausflug seine alte Flamme Porzellinchen wieder. Die hat ihre Zeit als dekorative Lampenfigur hinter sich gelassen. Sie ist nun als „verlorenes Spielzeug“ auf eigene Faust unterwegs und pfeift auf den Kinderwunsch, von dem der ewig treue Woody sich nicht freimachen kann. Und dann ist da noch die ungeliebte Puppe Gabby Gabby, die ihr Leben aufgrund eines Defektes in einem staubigen Antiquitätenladen verbracht hat. Ihr sehnsüchtiger Blick richtet sich auf Woodys Sprachmodul, mit dessen Hilfe sie die Aufmerksamkeit eines Kindes zu erwecken hofft. Um an ihr Ziel zu kommen, nimmt sie Forky als Geisel. Schön gruselig haben die Animateure die Welt im staubigen Antiquitätenreich entworfen. Aber die Schurkin entpuppt sich auch nur als vereinsamte Existenz, die am Ende ihr Glück findet.

Erneut ist es Pixar gelungen, unter einer Oberfläche aus Familienunterhaltung psychologische und lebensphilosophische Tiefenbohrungen vorzunehmen. Es ist schon genial, wie hier anhand von Spielzeugfiguren Grundfragen verhandelt werden zu emotionalen Abhängigkeitsverhältnissen, Freiheitssehnsüchten, Loyalität und Liebesbedürftigkeit. Und das nicht nur als Einsprengsel für die begleitenden Eltern, sondern auf kindgerechte Weise. Selbst die Frage aller Fragen stellen sich überforderte Spielzeuge: „Warum lebe ich?“ So entlässt „Toy Story 4“ das Kinopublikum zurück ins eigene Dasein.