Kinokritik: Under the Silver Lake In den Abgründen von L. A.

Von Bernd Haasis 

Zwischen Zitaten und Anspielungen funkelt in diesem absurden Film noir eine Hommage an David Lynch.

Naivität und Verführung: Riley Keough in „Under the silver Lake“ Foto: Verleih 6 Bilder
Naivität und Verführung: Riley Keough in „Under the silver Lake“ Foto: Verleih

Stuttgart - Nicht nur eine Szene hat hier das Zeug zum Kult – die folgende aber auf jeden Fall: Sie ereignet sich in einer Protzvilla auf einem Hügel über Los Angeles: Ein verwitterter Musikmillionär, eine Allegorie für den Traum vom Ruhm, intoniert am Klavier ein Medley bekannter Rock- und Pophits, dass einem schwindlig werden kann – so wie eigentlich in jeder Szene von David Robert Mitchells („It follows“) jüngstem Werk .

Der arbeits- und ziellose Spanner Sam (Andrew Garfield, „Spider-Man“) sucht Sarah, die plötzlich verschwundene Schönheit von nebenan (Riley Keough, „Logan Lucky“), mit der er tatsächlich Sex hatte. In einer Art Tagtraum irrt er durch die Stadt der Engel auf den Spuren einer gigantischen Verschwörung – und gerät in ein Film-noir-Szenario, das bis zum Rand gefüllt ist mit den Mythen und Abgründen der Westküstenmetropole.

Ein Hundekiller geht um

Mitchell hat so viele Themen und Anspielungen in seinen Film gepackt, dass man irgendwann den Überblick verliert. Los Angeles spielt eine Hauptrolle mit seinen Apartmentanlagen am Pool und dem verwunschenen Griffith Park oberhalb Hollywoods. Glamouröse Partys, leicht geschürzte Damen und Konzerte einer Glamrock-Band mit hübschem Jim-Morrison-Verschnitt als Sänger prägen das Bild, während Sam subliminale Botschaften in Songtexten sucht und geheime Codes auf Produkten entschlüsselt. Ein Hundekiller geht um, und jede Szene bietet Referenzen an Popkultur und Filmgeschichte – von der Atmosphäre in Roman Polanskis „Chinatown“ bis zu den gemalten Hintergründen vergangener Hollywoodtage. Der mysteriöse Score von Richard Vreeland alias ­Disasterpeace sorgt für fein arrangierten orchestralen Grusel. Andrew Garfield, der immer leicht verschlafen wirkt, passt in die Rolle eines Mannes, an dem das Leben vorbeiläuft, Riley Keough personifiziert überzeugend Naivität und Verführung.

Anders als sein unübersehbares Vorbild David Lynch in „Mulholland Drive“ konzentriert Mitchell sich auf die überfrachtete Handlung statt auf die Metaebene – dadurch büßt sein absurdes Kaleidoskop geplatzter Träume an Tiefgang ein.