Kinokritik zu Alles Geld der Welt Geiz, Moral und Millionäre

Von Kathrin Horster 

Es war eine der ersten harten Konsequenzen der Metoo-Debatte: Der Starregisseur Ridley Scott kündigte im Herbst 2017 an, er werde alle Szenen mit Kevin Spacey aus seinem neuen Film „Alles Geld der Welt“ entfernen. Kaum jemand glaubte, dass der Nachdreh klappen würde. Doch nun startet das Werk mit dem neuen Hauptdarsteller Christopher Plummer im Kino.

Christopher Plummer hat die Rolle des John Paul Getty übernommen. Foto: Tobis 17 Bilder
Christopher Plummer hat die Rolle des John Paul Getty übernommen. Foto: Tobis

Hollywood - Mit Geld allein kann man nicht alles erreichen. Es braucht auch Mut zum Risiko. Dafür liefert der Spielfilm „Alles Geld der Welt“, inszeniert vom 80-jährigen Kinorecken Ridley Scott („Alien“, „Blade Runner“, „Thelma and Louise“) ein beeindruckendes Beispiel. Die Adaption eines historischen Entführungsfalls war so gut wie fertig, als Scott das Ruder herumriss und große Teile von „All the Money in the World“, so der Originaltitel, neu drehte – in der Rekordzeit von nur neun Tagen. Mehr hätte das für so einen Kraftakt relativ kleine Zusatzbudget von 10 Millionen Dollar gar nicht erlaubt.

Warum Scott dieses Risiko auf sich nahm, ging durch die Weltpresse. Kevin Spacey, ursprünglich der Hauptdarsteller von „Alles Geld der Welt“, sah sich im Oktober 2017 mit Vorwürfen sexueller Belästigung konfrontiert. DerHauptdarsteller der Netflix-Serie „House of Cards“ wurde mit sofortiger Wirkung von seinen Serien-Pflichten entbunden, dann gekündigt. Die Drehbücher der finalen Staffel werden nun umgeschrieben.

Moralische Entrüstung

Scott befand sich in einer Zwickmühle. So wirksam Spacey vor den Anschuldigungen als Oscar-Zugpferd gewesen wäre, so fatal hätte sich sein ruinierter Ruf auf die Vermarktung von „Alles Geld der Welt“ auswirken können. Scott sagte sich jedenfalls in moralischer Entrüstung vom einstigen Darling los. In einer Hau-Ruck-Aktion drehte er mit dem 88-jährigen Oscar-Gewinner Christopher Plummer jene Szenen nach, in denen zuvor Spacey als egozentrischer, emotional schockgefrosteter Multimilliardär John Paul Getty I. agiert hatte. Scotts Verhalten wurde daraufhin als Heuchelei kritisiert.

Auf Basis von John Pearsons Sachbuch „Painfully Rich“ rekonstruiert Scott mit dem Autor David Scarpa die Entführung eines Enkels des Multimilliardärs John Paul Getty I. in den frühen Siebzigern. Zu dieser Zeit gilt der Öltycoon als reichster Mann der Erde. Trotzdem will Getty das Lösegeld von 17 Millionen Dollar für seinen von der italienischen Mafia entführten Enkel nicht zahlen. Die Familie schätzt er wenig, überdies hält er den Anschlag auf den 16-Jährigen für einen fingierten Coup.

Sorge um die Oscar-Chancen

Erst als die Entführer das abgetrennte Ohr ihres Opfers an eine Zeitung schicken, geht Getty auf die Forderungen ein. Allerdings nicht, ohne um die Lösegeldsumme zu feilschen. Es ist ein Projekt mit interessantem Plot und hervorragendem Ensemble, das jedoch nicht über die publikumswirksameren Reize aberwitzig teurer Großproduktionen verfügt. Man könnte Scotts Sorge um die Oscars als dringend benötigte Vermarktungshilfe, sollte die den Ausschlag für den Nachdreh gegeben haben, durchaus verstehen.

Der Versuch, dem einen Skandal zu entkommen, führte allerdings prompt zu einem anderen. Während Michelle Williams in der weiblichen Hauptrolle für den Nachdreh bloß eine Aufwandsentschädigung von etwa 1000 Dollar erhielt, kassierte ihr männlicher Widerpart Mark Wahlberg eine Gage von 1,5 Millionen Dollar. Unter dem Druck öffentlicher Empörung, die in Zeiten der Metoo-Kampagne eben viel heftiger ausfiel als das vor einem Jahr noch der Fall gewesen wäre, gab Wahlberg nach. Er spendete das Geld der Time´s-Up-Initiative, die sich für Missbrauchsopfer stark macht. So großzügig die Geste ist, ein fader Beigeschmack bleibt.

Ein faszinierendes Porträt

Länger noch wird die Filmwelt die Frage beschäftigen, ob Scott eine Überreaktion oder einen ermutigenden Musterfall abgeliefert hat. Und ob es überhaupt moralisch zu rechtfertigen ist, die Leistungen eines unliebsam gewordenen Arbeitspartners derart zu tilgen. Im Falle von „Alles Geld der Welt“ lässt sich zwar nicht beurteilen, ob der Film durch den Austausch des Hauptdarstellers gewonnen hat. Niemand außerhalb der Filmproduktion kennt das mit Spacey gedrehte Material. Aber man muss zugeben: Der eigentlich erwartbare kreative Schiffbruch ist diese hastige Neufassung keinesfalls geworden.

Sehen Sie hier den Trailer zum Film:

Anhand des Entführungsfalles entwickelt Scott ein faszinierend schillerndes, differenziertes Porträt einer zerfallenden Familie. Nach ihrer Scheidung ist Gail (Michelle Williams), die Mutter von John Paul Getty III. (Charlie Plummer), mittellos. Ihr Ex vergnügt sich mit Gespielinnen und Drogen in Marokko. Gails Schwiegervater John Paul I. findet zwar Gefallen am Enkel, gönnt Gail aber weder Unterhalt noch Sorgerecht. Die Entführung benutzt der Alte als Druckmittel, um eigene Ziele durchzusetzen. Zahlen will er nur, wenn Gail das eigene Kind an ihren Ex-Mann abtritt. Den Ermittler Fletcher Chase (Mark Wahlberg) heuert Getty bloß an, um den Gangstern vor der Geldübergabe auf die Schliche zu kommen.

Die Eiseskälte des Milliardärs

Gettys historisch verbürgter Geiz schockiert. Plummer spielt den Alten als abscheulich hartgesottene Variante von Charles Dickens’ Menschenfeind Ebenezer Scrooge. Er legt ihn aber auch als Mann mit abseitigem Humor und lächerlichen Schrullen an, der, um Telefonkosten zu sparen, einen öffentlichen Münzfernsprecher in seiner Villa aufstellen lässt. Die von Michelle Williams brillant verkörperte Mutter Gail zerbricht an der Eiseskälte ihres Schwiegervaters, entwickelt aber in der Extremsituation erstaunliche Selbsterhaltungskräfte, um für die Belange ihres Sohnes einzutreten.

Auch wenn der Ermittler Fletcher Chase und der gutherzige Mafioso Cinquanta (Romain Duris) im Vergleich zu den anderen Charakteren viel schematischer gezeichnet sind, erschafft Ridley Scott eine erschütternd realistische Darstellung. Er zeigt, wie machtvoll ökonomische Verlockungen wirken und wie wenig dagegen ein Menschenleben zählt.

In den USA hat „Alles Geld der Welt“ bereits gute, teilweise begeisterte Kritiken erhalten. Betrachtet man das Projekt losgelöst von seiner Entstehung, kann man die kluge Auseinandersetzung mit menschlicher Amoralität nur loben. Ob Scott in der eigenen Krise besonnen und moralisch korrekt gehandelt hat oder ob hier rein materielle Aspekte die Oberhand hatten, steht auf einem anderen Blatt.

Alles Geld der Welt. USA 2017. Regie: Ridley Scott. Mit Christopher Plummer, Michelle Williams, Mark Wahlberg, Timothy Hutton. 133 Minuten. Ab 12 Jahren.