Kinokritik zu „Christopher Robin“ Puuh der Bär rettet seinen Menschen

Ausflug mit Schwung: Bronte Carmichael als Christopher Robins Tochter Madeline  mit  den Stofftieren Tigger, Puuh und Ferkel Foto: Disney 24 Bilder
Ausflug mit Schwung: Bronte Carmichael als Christopher Robins Tochter Madeline mit den Stofftieren Tigger, Puuh und Ferkel Foto: Disney

Der „Bond“-Regisseur Marc Forster erweckt den Bären Winnie Puuh und dessen tierische Freunde zu neuem Leben. Sie sollen mit dem entschleunigenden Geist der Kinderbücher von A. A. Milne eine allzu geschäftige Gegenwart heilen.

Kultur: Bernd Haasis (ha)
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Stuttgart - Anlaufschwierigkeiten sind bei Spielfilmen nicht immer ein Indiz für Scheitern – manchmal ist einfach nur der Einstieg misslungen. Hat man den überstanden bei „Christopher Robin“, erzählt der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Forster („Ein Quantum Trost“, „Hand of God“) einfühlsam die Geschichte des erwachsen gewordenen Titelhelden. Dessen Spiel mit Stofftieren inspirierte einst seinen Vater, den englischen Autor A. A. Milne, zu den Kinderbüchern „Pu der Bär“ (1926) und „Pu baut ein Haus“ (1928). Nun ist Christopher Robin selbst Vater einer Tochter, aber zu fixiert auf seinen Job. Die Vorstellungskraft, mit der er als Kind den Bären und seine Freunde zum Leben erweckte, ist ihm abhanden gekommen – und das gilt es zu ändern in diesem munteren Familienfilm.

Der macht es zunächst Kindern wie Erwachsenen nicht leicht. In der Anmutung der vertrauten Strichzeichnungen von E. H. Shepard wird suggeriert, es gäbe ein weiteres Buch über Pu (den das Hollywood-Studio Disney nach dem englischen „Pooh“ im Deutschen stets „Puuh“ schreibt). Es handelt vom älteren Christopher Robin, doch die Kapitel rauschen schneller vorbei, als Kinder folgen können. Dann wieder sieht man den jugendlichen Christopher Robinim Freien beim Teekränzchen mit Puuh, Ferkel, I-ah, Tigger, Kaninchen, ­Eule, Känga und Ruh. Die sind hier schon animiert, fallen über den Kuchen her und machen allerhand Quatsch. Das dürfte Kindern gefallen, wird der Situation aber nicht gerecht: Hier geht ein Junge ins Internat und nimmt vorher Abschied von seiner Kindheit und seinen liebsten Spielzeugen. Wie das anders geht, hat Pixar in „Toy Story 3“ (2010) gezeigt. Der 17-jährige Andy spielt da ein letztes Mal mit Cowboy Woody und Buzz Lightyear, die in Anwesenheit von Menschen stets in eine Starre fallen und verbergen, dass sie ein Eigenleben führen – Andy besselt sie ­allein durch seine Fantasie.

Pu lockt Christopher Robin in ihren Wald

„Christopher Robin“ nun geht los, als Puuh durch einen Baum im Hundertmorgenwald direkt ins Nachkriegs-London gelangt, in dem sein Mensch als Effizienzexperte bei einer Kofferfirma Jobs einsparen soll. Puuh agiert zunächst wie Paddington, derandere englische Bär, und verursacht Chaos; doch er lockt Christopher Robin zurück in ihren Wald und beginnt mit der Läuterung. So richtig in Fahrt kommt die Geschichte aber erst, als Christopher Robins Tochter Madeline endlich eingreifen darf: Beim Wochenendausflug trifft sie die Tiere und hilft ihnen, ihren Vater zu retten.

Forster liefert, was zu Disney-Familienfilmen gehört: Alle Figuren sind humoristisch überzeichnet, Ewan McGregor („Der Ghostwriter“) in der Titelrolle wirkt so sympathisch und agil, dass man dem anfänglichen Rabenvater nicht böse sein kann, und Bronte Carmichael als Tochter entfaltet einen erfrischenden Sog kindlicher Tatkraft.

Der Bär ist ein wenig zu niedlich

Die Stofftiere sind gut getroffen in ihrer Fussligkeit, exzellent animiert und charakterllich eng an der Vorlage: Ferkel fürchtet sich, Tigger springt ungestüm umher und ­I-ah macht zynische Bemerkungen. Kaninchen und Eule indes, die Milne später hinzufügte, sind realistische Wildtieranimationen und bleiben hier eher am Rand. Und einer fällt aus der Reihe: Puuh, der honigverliebte Bär von geringem Verstand, dessen lebensphilosophische Weisheit selbst Wissenschaftler fasziniert, ist zu niedlich geraten. Er erinnert an eine Szene im Spielfilm „Goodbye, Christopher Robin“ (2017), in der der kindliche Protagonist gegen das Produkt jenes Spielzeugherstellers protestiert, dessen Teddy anders aussieht als der wahre Puuh.

Der aktuelle Film lebt von anrührenden Momenten, die er der Kraft der literarischen Vorlage verdankt: Die Figuren spielen Puuh-Stöckchen, folgen Fußspuren, die sich als ihre eigenen entpuppen, als sie ein weiteres Mal im Kreis gelaufen sind, und natürlich geht I-ahs Schwanz verloren. Wer die Bücher kennt, wird unweigerlich in die eigene Kindheit zurückversetzt. Und wenn Christopher Robin und Puuh von ihrem Platz auf der Anhöhe auf den Hundertmorgenwald schauen, fühlt es sich an, als blickten sie auf ein Stück heile Welt. Im Chaos der Gegenwart wirkt das wie Balsam für die Seele. Christopher Robin. USA 2018. Regie: Marc Forster. Mit Ewan McGregor, Bronte Car­michael. 104 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.




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