Kinokritik zu „Ein verborgenes Leben“ Vom Mut, „Pfui Hitler“ zu sagen

Von Brigitte Jähnigen 

Den Nazi-Gegner Franz Jägerstätter hat es tatsächlich gegeben. Der Amerikaner Terrence Malick erzählt in seinem neuen Film „Ein verborgenes Leben“ von dem couragierten österreichischen Bergbauern, der nicht braun werden wollte.

Ein Paar in finsteren Zeiten: Fani (Valerie Pachner) und Franz Jägerstätter (August Diehl) Foto: Pandora/Reiner Bajo 8 Bilder
Ein Paar in finsteren Zeiten: Fani (Valerie Pachner) und Franz Jägerstätter (August Diehl) Foto: Pandora/Reiner Bajo

Stuttgart - Am 26. Oktober 2007 wird der Landwirt Franz Jägerstätter im Linzer Mariendom 64 Jahre nach seiner Hinrichtung in Brandenburg selig gesprochen. Sein damaliges Vergehen: Er hatte konsequent den Militärdienst verweigert. Dieser Mensch sei, so eine der Begründungen für die Seligsprechung durch eine Kirche, die ihm in der Nazizeit ihren Beistand verweigert hatte, im Nationalsozialismus „ein Vorbild in Glauben und Konsequenz“ gewesen.

Die lebende amerikanische Regielegende Terrence Malick (75) nähert sich dem österreichischen Landwirt, Familienvater in einem betörend stimmigen Konzept aus Bild und Ton. Malick zeigt Jägerstätter (August Diehl) mit der Sense im Feld, mit den Kindern beim Spiel, den anderen Bauern beim Bier, mit seiner Frau Fani beim Schmusen im Gras. Eingebunden in die kleine Gemeinschaft des 500-Seelen-Dorfes St. Radegund und den Rhythmus der Jahreszeiten, scheint der Bergbauer mit Frau und Kindern ein ganz normales Leben zu führen. Doch das Idyll trügt.

Als einziger im Dorf dagegen

Am 10. April 1938 stimmen 99 Prozent der Österreicher und Deutschen für einen Anschluss Österreichs ans Dritte Reich. Franz Jägerstätter stimmt als einziger im Dorf dagegen. Wie Gift zersetzt Ideologie die Gemeinschaft, die bald stramm auf braune Linie geht. Jägerstätter hält dagegen. Auf den Nazigruß antwortet er mit „Pfui Hitler“. Dem Dorfgeistlichen (Tobias Moretti) erklärt er, dass Nazis unschuldige Menschen töten und andere Länder überfielen, und dass sich solches Handeln nicht mit seinem christlichen Glauben vereinbaren ließe.

Der Bürgermeister fordert: „Verweigere dich nicht deiner Rasse.“ Der Bischof fordert: „Du hast eine Pflicht gegenüber deinem Vaterland, die Kirche will es so.“ Doch auch als Jägerstätter wegen „Wehrkraftzersetzung“ vor dem Richter (Bruno Ganz) steht, knickt er nicht ein. Er könne, sagt er, „nicht gleichzeitig Katholik und Nationalsozialist“ sein.

Raunen und Flüstern

Terrence Malick begegnet der Konfusion der Tatsachen mit einem steten Bilderfluss von nahezu drei Stunden. Sein poetisches Plädoyer – realisiert mit deutschem Geld - richtet sich gegen Mitläufertum, gegen Verleugnung und Verrat zugunsten eines eigenen Vorteils. Der Film bricht, typisch für Malick, die traditionelle Erzählstruktur durch meditative Voice-over-Szenen. Es wird geraunt und geflüstert, Wasserfälle rauschen, Wiesen und Getreidefelder wiegen sich im Wind. „Herzallerliebste Gattin“ schreibt Jägerstätter aus dem Gefängnis an seine Frau. „Vielgeliebter Mann“ schreibt Fani zurück. Musikalische Versatzstücke aus Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Arvo Pärt und Henryk Góreckis „Sinfonie der Klagelieder“ ziehen hinein in eine spirituelle Atmosphäre.

Die ureigensten Gründe für Jägerstätters konsequenten zivilen Ungehorsam bleiben bei Malick eher angedeutet. Der Regisseur zeigt eine allegorische Figur, einen Einzelfall, der durch seine universelle Wahrhaftigkeit zum aktuellen Politikum wird. 30 000 Menschen wurden als „Wehrkraftzersetzer“, Kriegsverräter und Deserteure im Dritten Reich zum Tode verurteilt; mehr als 20 000 hingerichtet. Rehabilitiert wurden die meisten erst im neuen Jahrtausend. Jägerstätters Überzeugung mag auch für sie gegolten haben: „Besser die Hände gefesselt als der Wille.“

Ein verborgenes Leben. Deutschland, USA 2019. Regie: Terrence Malick. Mit August Diehl, Valerie Pachner. 173 Minuten. Ab 12 Jahren.