Kinokritik zu „La Verité“ Mutter, Tochter und andere Konflikte

Von Brigitte Jähnigen 

Catherine Deneuve und Juliette Binoche stehen erstmals gemeinsam vor der Kamera. Sie spielen Mutter und Tochter in „La Verité“, einem sehr europäischen Film des japanischen Regisseurs Hirokazu Koreeda.

Mama hat Memoiren geschrieben: Catherine Deneuve (links)  und Juliette Binoche in „La Verité“. Foto: Verleih 16 Bilder
Mama hat Memoiren geschrieben: Catherine Deneuve (links) und Juliette Binoche in „La Verité“. Foto: Verleih

Stuttgart - „Feigling!“ schleudert Juliette Binoche ihrer von Catherine Deneuve gespielten Mutter entgegen. Und Deneuve schaut, wie sie immer schaut: ein wenig von oben herab, ein wenig zerstreut. In „La Verité“ spielt das Duo einen tiefen Mutter-Tochter-Konflikt durch. Hirokazu Koreeda hat die großartigen Charakterdarstellerinnen zum ersten Mal gemeinsam vor die Kamera gebracht.

Lumir (Binoche), eine in New York bekannte Drehbuchautorin, entdeckt in den Memoiren ihrer Mutter verdrehte Wahrheiten und Auslassungen. Sie weist die Mutter zurecht – und die ohnehin seit Jahren währende Entfremdung bekommt neue Nahrung. Was Lumir sagen will, ist: Du hast mich nie geliebt. Was Fabienne antwortet, ist: Doch, auf meine Weise. Mit Familiensujets kennt sich der Regisseur Hirokazu Koreeda aus. Seine preisgekrönten Filme wie „Like Father, Like Son“, „Still Walking“ und „Shoplifters“ gewähren einen Blick in die japanische Kultur. Diesmal aber legt er einen sehr europäischen Film vor: Misstrauen verseucht das familiäre Klima im traumhaft schönen Landhaus, das Fabienne mit Assistent und Lebensgefährten bewohnt und das sich nun durch die Anwesenheit der aus New York angereisten Lumir samt Ehemann und kleiner Tochter belebt. Als auch der Assistent der Diva enttäuscht feststellen muss, dass in Fabiennes Memoiren keine Zeile über ihn geschrieben wurde, verlässt er gekränkt das Haus. „Es sind meine Memoiren, ich kann auswählen, was ich will“, trotzt Fabienne. Und es sei besser, bestimmte Dinge auf sich beruhen zu lassen.

Wie Erinnerungen trügen

Juliette Binoche spielt Lumir zunächst als verunsicherte und tief gekränkte Tochter. Das richtige Maß an Zuneigung konnte die Mutter der Tochter offensichtlich nicht geben – ihre Schauspielerkarriere war ihr immer wichtiger als ihr Muttersein. Auf das verwirrende Gespinst aus Eifersucht, Missgunst, Neid und Verlustängsten schaut auch die kleine Charlotte, Lumirs Tochter. Clémentine Grenier spielt die Zehnjährige auf natürliche Art unbefangen. Amüsiert stellt sie ihre Fragen und glaubt mit kindlicher Fantasie, dass „Oma eine Hexe“ sei. Doch wie sehr Erinnerungen trügen können – diese „Wahrheit“ entwickelt sich ausgerechnet am Set eines Sci-Fi-Drehs mit dem Titel „Erinnerungen an meine Mutter“. In einem Rollenwechsel sieht sich Fabienne als Tochter. Ihre Erkenntnis, als Mutter wohl nicht die feste Konstante im Leben ihrer Tochter gewesen zu sein, macht sie weich. Einem ganz und gar kitschfreien Happy End steht nichts im Weg.

La Vérité – Leben und lügen lassen. Frankreich 2019. Regie: Hirokazu Kore-eda. Mit Catherine Deneuve, Juliette Binoche. 107 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.




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