Kinokritik zu „The Gentlemen“ In schlechter Gesellschaft

Weiße britische Schurken scheinen Guy Ritchie sympathischer zu sein als dunkelhäutige: Matthew McConaughey (Mitte) und Eddie Marsan (re.). Foto: Leonine/Christopher Raphael

Der britische Regisseur Guy Ritchie hat schon immer ein Faible für Verbrecher, Gewalt und comichaft überzogene Action. Sein neuestes Werk „The Gentlemen“ geht aber mehr als zweifelhaft mit schwarzen, chinesischen und jüdischen Gangstern um.

Stuttgart - Geld stinkt nicht, doch für Mickey Pearson duften Banknoten sogar – nach dem süßlich-schweren Parfüm von Marihuana. Ein Imperium hat der einst aus den USA nach Großbritannien emigrierte Megadealer auf der unscheinbaren Pflanze gegründet. Jetzt will Pearson (Matthew McConaughey) nur noch Privatier sein und das Geschäft an den Meistbietenden verkaufen.

 

Als Big Dave (Eddie Marsan), Chef eines Boulevardblattes, den Privatermittler Fletcher (Hugh Grant) auf Pearson ansetzt, wird es kompliziert: Fletcher soll Pearsons dunkle Geschäfte enthüllen und seine Ermittlungsergebnisse zu einem Drehbuch für einen Leinwandreißer verarbeiten, um Pearson damit zu erpressen.

Dreiste Spekulationen

„The Gentlemen“, Guy Ritchies erste britische Gangsterkomödie seit über zehn Jahren, wimmelt von skurrilen Typen. Besonders interessant ist aber die Erzählprämisse. Anstatt den Plot um den Drogenbaron Mickey Pearson brav linear von vorne nach hinten zu entwickeln, bettet Ritchie die Ereignisse in eine Rahmenhandlung ein. Fletcher präsentiert Pearsons rechter Hand Ray (Charlie Hunnam) das bereits fertige Drehbuch, wobei der Zuschauer im Unklaren bleibt, ob es sich bei Fletchers Darstellung um Tatsachen oder um dreiste, kinoreife Spekulationen handelt. Unzuverlässiges Erzählen nennt sich diese Strategie; ein Kunstgriff, den Ritchie anwendet, um die eigentlich konventionelle Geschichte vertrackter und damit auch interessanter erscheinen zu lassen.

Konventionen hatte der Filmemacher allerdings schon zu Beginn seiner Karriere eine Absage erteilt und sich mit knallharter, überdrehter Gangster-Action wie „Bube, Dame, König, Gras“ und „Snatch – Schweine und Diamanten“ um die Jahrtausendwende einen Namen gemacht. Die Werke des Autodidakten aus der Werbebranche wurden Kult. Mit „The Gentlemen“ versucht Ritchie nun nach den Abstechern ins „Sherlock Holmes“-Universum und dem gefloppten Historienabenteuer „King Arthur: Legend of the Sword“ an seinen alten Ruf anzuknüpfen.

Verkommene Gangster

Hält man sich an die im englischen Original für Ritchie typischen rasanten, oft lustig vernuschelten Dialoge, an die glänzende Besetzung und an die comichafte Action, macht der Film auf den ersten Metern tatsächlich großen Spaß. Bis sich erste Misstöne in die schwungvolle Inszenierung mischen. Sehr deutlich arbeitet Ritchie diesmal mit rassistischen Stereotypen, was sich nicht mit dem Einwurf entkräften lässt, es handle sich beim Personal der Geschichte ganz unabhängig von nationaler Abkunft eben um einen Haufen verkommener Gangster.

Obwohl der Titel gleich mehrere Gentlemen verspricht, verkörpert Matthew McConaughey im Film den einzigen Kavalier, der im Gegensatz zu seinen mit Heroin handelnden chinesischen Kollegen vermeintlich harmloses Gras unter die Leute bringt. Bewusst hebt ihn Ritchie in Habitus und Ethos von den anderen Verbrechern ab.

Gewissenloser Superschurke

Pearson, Kind einer amerikanischen White-Trash-Familie, mausert sich dank seiner Intelligenz zum Stipendiaten einer britischen Elite-Uni. Und baut dort aus dem Nichts sein Unternehmen auf, indem er feines Dope an reiche Kinder vertickt. Das aufstrebende Triaden-Mitglied Dry Eye (Henry Golding) wird gegen Pearson als gewissenloser Superschurke in Stellung gebracht: ein Chinese, der sogar noch mit dem Leid Geflüchteter das dicke Geld macht und Pearsons Frau zu vergewaltigen versucht. Eine Gang schwarzer Teenager, genannt „The Toddlers“, die Kleinkinder also, betätigt sich als Rowdy- und Einbrechermob. Und der jüdische Multimillionär Matthew Berger (Jeremy Strong) versucht, mit miesen Tricks den Preis von Pearsons Imperium zu drücken, um sich doppelt und dreifach an dem Selfmade-Man zu bereichern.

Ritchie setzt hier auf derbe, alte Ressentiments und macht auch nicht vor plumper sexueller Demütigung halt, in die ein unter Drogen gesetzter Big Dave und ein Schwein verwickelt werden. Unter der Oberfläche dieses schrillen Klamauks zeichnet sich ein unangenehm populistisches, zutiefst misanthropisches Gesellschaftsbild ab, mit dem sich der Filmemacher vielleicht einer diffus unzufriedenen, politisch und sozial gespaltenen Zuschauerschaft als frecher Tabubrecher neu empfehlen will. Ob das in Zeiten von Brexit, Rechtsruck und Hassverbrechen eine gute Idee ist, darf man bezweifeln. Ob das zum Lachen ist, auch.

The Gentlemen. USA 2020. Regie: Guy Ritchie. Mit Matthew McConaughey, Michelle Dockery, Charlie Hunnam, Eddie Marsan, Hugh Grant. 113 Minuten. Ab 16 Jahren.

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