Stuttgart war und ist eng mit dem Weinbau verbunden. Ausdruck fand dies stets in den traditionellen Weinfesten der Genossenschaften, den ursprünglichen Kirben. Von Mitte August bis eine Woche vor dem Startschuss für das Cannstatter Volksfest dauerte die Saison in den Oberen Neckarvororten. Doch in den vergangenen Jahren wurden bereits nach und nach immer mehr Weinfeste abgesagt, die Tradition stirbt langsam aus – ganz im Gegenteil zu den ausufernden Kleinfesten der einzelnen Weingüter. Denn nach dem Aus für Wangen stand mit dem Uhlbacher Herbst auch das älteste seiner Art in Stuttgart auf der Kippe. Einzig in Hedelfingen scheint derzeit die Zukunft noch gesichert.
Weinfeste gehen auf die Kirchweihe zurück
Der zeitliche Ablauf war dabei fest vorgegeben. Den Auftakt machte stets Obertürkheim. Im wöchentlichen Rhythmus folgten Wangen, Hedelfingen, Uhlbach und Untertürkheim. Doch die Feier rund um die Obertürkheimer Kelter gibt es bereits seit vielen Jahren nicht mehr. Als Ersatz sprangen die benachbarten Weingüter Zaiß und Tilmann Ruoff mit ihren Haus- und Hoffesten ein. 2018 sagte dann die Weinmanufaktur auch das Weinfest in Untertürkheim ab. Vor allem die Kosten und der bürokratische Aufwand waren die Gründe. Ein Versuch von Vereinen, das Traditionsfest am Leben zu erhalten, scheiterte. Und auch in Wangen hat sich nach der zweijährigen Coronapause trotz Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehr kein Kirbe-Jahrgang mehr gefunden. Bereits bei den vergangenen Ausgaben zeigte sich, dass es zunehmend schwieriger wird, die 20-jährigen Buben und Mädle für diese Tradition zu begeistern.
Lediglich ein Uhlbacher Herbstle
Und wer schreibt die Reihe als Nächstes fort? Auch in Uhlbach stand das Weinfest auf der Kippe. Das Collegium Wirtemberg hatte die Traditionsveranstaltung bereits abgesagt. Der Grund: „Wir haben keinen geeigneten Wirt gefunden“, erklärt Collegiums-Vorstandsmitglied Thomas Ziegler. Doch ganz darauf verzichten müssen die Weinliebhaber nicht. In die Bresche – sprich die Bewirtung – springt das Sängercollegium Uhlbach gemeinsam mit dem Musikverein Uhlbach. „Wir nehmen die Aufgabe einmalig auf uns“, erklärt der Vorsitzende Gerald Zwicker. Schließlich hob dieser damals noch als Chor der Weingärtnergenossenschaft Uhlbach das Fest 1959 aus der Traufe – zu Ehren der ersten Württembergischen Weinkönigin aus Stuttgart, Ruth Eisele. Es gilt daher als ältestes in der Landeshauptstadt. Anstatt der üblichen vier Tage findet der 62. Uhlbacher Herbst aber lediglich am Sonntag, 11. September, von 10.30 bis 18 Uhr statt – als Herbstle. „Besser als nichts“, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Die Zukunft scheint indes ungewiss. „Auf Dauer können wir das nicht übernehmen“, weiß Zwicker. Das Collegium Wirtemberg hat zwar bereits erste Gespräche mit der Stuttgart Marketing GmbH, dem Betreiber des angrenzenden Weinbaumuseums geführt, um die folgenden Ausgaben auch mit anderen Vereinen auf breitere Füße zu stellen. „Spruchreif ist aber bislang nichts“, betont Ziegler. Das Thema soll nach der anstehenden Weinlese konkretisiert werden.
Jubiläum in Hedelfingen: 150. Krämermarkt
Lediglich in Hedelfingen hat sich wieder ein Kirbejahrgang aus 20-jährigen Buben und Mädels zusammengefunden. Schließlich gibt es heuer ein besonderes Jubiläum zu feiern: 150 Jahre Krämermarkt. Denn dieser ist fester Bestandteil des Herbstes im Stadtbezirk. „Unser Nationalfeiertag“, betont Wolfgang Gohl von der Arbeitsgemeinschaft Hedelfinger Kirbe – bestehend aus Weingärtnergenossenschaft, Freiwilliger Feuerwehr und Weinfestverein – stolz. Die besondere Bedeutung wird dadurch deutlich, dass die Pflicht zur Ausrichtung eines Krämermarkts selbst im Eingemeindungsvertrag mit Stuttgart 1922 in einem eigenen Passus festgelegt wurde.
Nach zwei Jahren Pause wollen die Veranstalter nahtlos an die Zeit vor der Coronapandemie anknüpfen. Mit dem Umzug durch die Straßen, dem Auftanzen des Riesentraubens sowie natürlich dem Fest in der und rund um die Kelter soll die 45. Auflage des Herbsts gefeiert werden. Und wenngleich es immer schwieriger wird, an die Jugendlichen heranzukommen, um die Kandidaten für den Kirbejahrgang zu finden, scheint die Zukunft gesichert. „Wir wollen auf jeden Fall weitermachen, die Tradition soll bestehen bleiben“, betont Gohl – davon können andere Stadtbezirke nur träumen.