Kirche in Sillenbuch Jugendliche brauchen keine Predigt

Von Sophia Wolf 

Jugendliche sind nicht gleich Jugendliche. Und deshalb gibt es auch nicht den einen Weg, um an sie ranzukommen. Das ist eine der Erkenntnisse des Sillenbucher Jugendreferenten Ralf Weers.

Was will die Jugend? Eine Frage, die sich der Jugendreferent Ralf Weers stellt. Foto: AP
Was will die Jugend? Eine Frage, die sich der Jugendreferent Ralf Weers stellt. Foto: AP

Sillenbuch - Wie ticken Jugendliche? Mit diesem Thema hat sich Ralf Weers, Jugendreferent im Bezirk Sillenbuch, in seinem Studium der Organisationsentwicklung intensiv beschäftigt. Vergangene Woche hat er im Luthersaal der Martin-Luther-Kirche neue Forschungsergebnisse und alte Probleme in der kirchlichen Jugendarbeit vorgestellt. Grundlage seiner Arbeit ist die Sinus-Studie aus dem Jahr 2012, in der Forscher die Lebenswelten von 14- bis 17-Jährigen in Deutschland beleuchtet haben.

Sie brauchen keine Predigt

Die größte Schwierigkeit sieht Weers darin, Kontakt zu den Jugendlichen herzustellen. Deshalb möchte er verstärkt mit Schulen kooperieren. „Ich muss dahin gehen, wo die Jugendlichen sind. Sonst erreiche ich sie nicht“, sagt der 34-Jährige. „Der rote Faden liegt in der Beziehungsarbeit“, betont er. Erst wenn Jugendliche Ralf Weers als jemanden wahrnehmen, der sie und ihre Probleme ernst nimmt, hat er eine Chance, sie auch für die kirchliche Jugendarbeit zu gewinnen. „Sie brauchen meine Predigt nicht, erst einmal nur Gespräche“, sagt er. Im Konfirmationsunterricht sieht Weers ebenfalls eine Möglichkeit, die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie sind. Hier kommen Jugendliche aus allen sozialen Schichten zusammen.

Ralf Weers Foto: Wolf

Bei der praktischen Arbeit helfen ihm aktuelle Forschungsergebnisse, wie Weers berichtet. Er nennt die Sinus-Studie, die Jugendliche in sieben Lebenswelten beschreibt. Grundlage dafür sind 72 Interviews. Ralf Weers zeigt dazu eine Grafik, auf der die Lebenswelten abgebildet sind – abhängig von Bildungsstand und der Grundorientierung, beispielsweise traditionell, modern oder postmodern.

Die sieben Lebenswelten

Unterteilt wird in Konservativ-Bürgerliche, in Adaptiv-Pragmatische – Weers nennt sie „die Normalen“ – in Prekäre („die Schwachen“), die Materialistischen Hedonisten („die Konsumsüchtigen“) und die Experimentalistischen Hedonisten („die Szenejugend“). Zwei weitere Gruppen sind die Sozialökologischen („die Umweltschützer“) und die Expeditiven („die Elite“). Ralf Weers stellt im Rahmen seiner Masterarbeit große Unterschiede bezüglich Glauben und Kirche in den verschiedenen Lebenswelten fest. Auf der einen Seite sind Konservativ-Bürgerliche die häufigsten Kirchgänger, wohingegen Expeditive für Weers am schwierigsten zu erreichen sind. „Zuerst müssen wir akzeptieren, dass nicht jeder erreicht werden kann“, sagt Weers über mögliche Aktionen.

Für Konservativ-Bürgerliche sei die Kirche gut aufgestellt. „Die Konsumsüchtigen“ könnten durch Sportangebote, Sommerfreizeiten oder Gitarrenkurse angesprochen werden. Um die Werte der Expeditiven aufzugreifen, würden sich Kopfhörerpartys bestens eignen, da sich diese Gruppe gerne an etwas Trendsetzendem beteiligt. Integrationsprojekte und Partnerschaften möchte Weers anbieten, um die sozialökologisch eingestellte Jugend zu erreichen. Für „die Schwächeren“ könnte der Konfirmationsunterricht aus mehr Praktika und handwerklichen Aufgaben bestehen. Vor allem bei Konfirmanden möchte der Jugendreferent genauer hinschauen, aus welcher Lebenswelt die Jugendlichen stammen. „Man muss sich die Frage stellen: Passt das Programm für alle?“, betont er.

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