Kirche in Zeiten von Corona Neue Regeln für die Gottesdienste

Von Simon Scherrenbacher 

Die Pfarrer im Landkreis Göppingen sind hin- und hergerissen: einerseits die Freude auf ein Wiedersehen mit ihrer Kirchengemeinde, andererseits die erschwerten Rahmenbedingungen durch die Pandemie-Auflagen.

Die Gesangbücher – wie hier in der Oberhofenkirche Göppingen – werden in den Gottesdiensten nicht zum Einsatz kommen, weil gemeinsames Singen momentan nicht erlaubt ist. Foto: Giacinto Carlucci
Die Gesangbücher – wie hier in der Oberhofenkirche Göppingen – werden in den Gottesdiensten nicht zum Einsatz kommen, weil gemeinsames Singen momentan nicht erlaubt ist. Foto: Giacinto Carlucci

Göppingen - Fest zugeteilte Plätze, leere Bänke dazwischen und kein gemeinsames Singen: Mit Sicherheitsvorkehrungen wie diesen wollen die Kirchen im Kreis ab dem Wochenende die Gottesdienste begehen, die jetzt wieder erlaubt sind. Die Pfarrer blicken mit gemischten Gefühlen auf den Neustart, widerspricht das Abstand halten doch dem Grundgedanken der Zusammenkünfte. Doch die Freude, mit der Gemeinde feiern zu können, überwiegt.

Die Kirchen bewegten sich zunächst einmal einen Schritt weg von der bis Mitte März gewohnten Gottesdienst-Normalität, räumt die evangelische Pfarrerin Mechthild Friz ein: „Wie in den anderen Bereichen, die jetzt wieder öffnen, wird von der Gemeinde Verständnis und Geduld für die nötigen Hygienemaßnahmen und deren Umsetzung verlangt.“ Um trotz Sicherheitsabstand genügend Platz zu haben, biete die Stadtkirche am Sonntag um 10 sowie 11.15 Uhr einen Gottesdienst und die Reuschkirche um 9.30 Uhr. „Ich wünsche mir und möchte das mir Mögliche dazu beitragen, dass bei allen notwendigen ernüchternden Maßnahmen die Würde des Gottesdienstes gewahrt ist und die Nähe Gottes spürbar wird“, erklärt Friz. Die Kollegen in der evangelischen Verbundkirchengemeinde Göppingen seien jedoch nicht aus der Übung: „Wir haben sofort Mitte März damit begonnen, mit Unterstützung unserer Kantoren Video-Andachten und kurze Video-Gottesdienste zu erstellen.“ Sie standen im Internet den Gemeindemitgliedern zur Verfügung.

Ein Newsletter half, doch die Begegnung fehlte

Auch Pfarrer Frieder Dehlinger von der evangelischen Christuskirchengemeinde Eislingen-Ottenbach lobt das Angebot: „Das war super gut.“ Er selbst nahm seine Predigten mit dem Diktiergerät auf und lud die Audio-Datei auf die Homepage. Diejenigen ohne Internet-Zugang erhielten den wöchentlichen Newsletter ausgedruckt im Briefkasten. Doch: „Es fehlte die menschliche Begegnung.“

Für die anstehenden Gottesdienste will der Pfarrer nur jede dritte Bank freigeben, um eine Distanz von mindestens zwei Metern zwischen den Gottesdienstbesuchern zu gewährleisten. Zwei Kirchengemeinderäte achten darauf, dass sie auch eingehalten wird. Dadurch bleiben immerhin noch 50 Plätze übrig: „Wir haben eine relativ große Kirche.“ Anstatt der Gesangbücher werden einzelne Blätter auf den markierten Plätzen bereit liegen. Die Besucher müssen auf einem weiteren Zettel ihren Namen und ihre Telefonnummer hinterlassen, damit sich mögliche Infektionsketten hinterher nachvollziehen lassen. Das Singen übernimmt stellvertretend für die gesamte Gemeinde ein Mitglied mit professioneller Ausbildung. Das traditionelle Kirchencafé im Anschluss muss ausfallen.

Statt Gesang soll es viele Orgelstücke geben

Trotzdem: „Wir freuen uns sehr, wieder Gottesdienst feiern zu können“, sagt Dehlinger, „zumal ich an Pfingsten meine Stelle verlassen werde. Auf diese Weise kann ich mich von der Gemeinde verabschieden.“ An diesem Sonntag übernimmt sein Kollege Frederik Guillet die Predigt, die folgenden drei Mal ist dann Dehlinger an der Reihe. Für den Fall, dass die Plätze nicht ausreichen, soll es am Samstagabend einen weiteren Termin geben. Und wie beurteilt der Pfarrer die Stimmung seiner Gemeinde in letzter Zeit? „Mein Eindruck ist, dass das Netzwerk gut funktioniert hat“, antwortet Dehlinger und nennt das Beispiel einer Seniorin, die regelrecht beglückt war, wie viele sich telefonisch nach ihr erkundigt hatten: „Unsere sozialdiakonische Stelle hat viel organisiert, damit die älteren Leute nicht vereinsamen.“

Eine große Vorfreude verspürt Pfarrer Stefan Pappelau vom katholischen Pfarramt St. Maria in Göppingen auf die Gottesdienste: „Wir haben die Leute vermisst.“ Auch wenn die Bedingungen, unter denen sie nun stattfinden, etwas befremdlich seien: „Das ist der Preis dafür, dass wir die Gottesdienste feiern können. Wir dürfen nicht riskieren, dass sie wieder verboten werden.“ Mit dem hauptamtlichen Kirchenmusiker hat Pappelau vereinbart, als Ersatz für die gemeinsam gesungenen Lieder möglichst viele Instrumental-Stücke auf der Orgel zu spielen.

Moscheegemeinden verzichten auf gemeinsames Fastenbrechen

Bernhard Josef Schmid, Pfarrer in der katholischen Kirchengemeinde St. Markus-Liebfrauen Eislingen, ist hin- und hergerissen zwischen der großen Sehnsucht nach den Feiern einerseits und deren Rahmenbedingungen andererseits, die für so manche Gemeindemitglieder eine Enttäuschung darstellen würden: „Das passt nicht zu einem Gottesdienst.“ Besucher müssen sich telefonisch anmelden: „So vermeiden wir, jemanden an der Türe abweisen zu müssen.“ Sollten noch Plätze frei sein, wäre aber auch eine Anmeldung direkt bei den Ordnern möglich.

Auch die Moscheen öffnen wieder – allerdings nur für das Morgen-, Mittags- und Nachmittagsgebet, erläutert Erdinc Altuntas, Landesvorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft Ditib: „Das Abend- und Nachtgebet wird nicht möglich sein.“ Das Freitagsgebet werde ebenfalls weiterhin ausgesetzt: „Es wird auch kein gemeinsames Fastenbrechen geben.“

Altuntas betont, dass die Vorstände und Verantwortlichen der Moscheegemeinden alle ehrenamtlich arbeiten. Zur Umsetzung benötige es Personal, das auch  die geforderten Anwesenheitslisten pflegt und jederzeit für Fragen zur Verfügung steht: „Nur die Gemeinden werden ihre Türen öffnen, die auch die Sicherheitsmaßnahmen umsetzen und kontrollieren können.“