Kirche und Popmusik Wie Freikirchen die Jugend in den Gottesdienst locken

Mit einem klassischen Gottesdienst hat der Sonntagvormittag in der Urban Life Church nur wenig zu tun. Foto: Hannes Opel

Vor 500 Jahren hat Martin Luther mit großem Erfolg populäre Lieder in den Gottesdienst integriert. Heute gewinnen die Freikirchen mit Popmusik viele neue Mitglieder – anders als die Landeskirchen. Warum?

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Man muss den Menschen aufs Maul schauen. Hat Luther gesagt. Martin Ergenzinger weiß das. Er findet: „Wenn Luther heute erleben würde, wie wir Gottesdienst feiern und Menschen ansprechen oder nicht – er wäre einer der Ersten, die sagen: Da muss mal wieder was passieren.“

 

Ergenzinger, 30, evangelischer Jugendpfarrer im Kirchenbezirk Ludwigsburg, ist nicht ganz untätig. Unter anderem ist er Teil des Bandprojekts Deine Ludder. Gegründet für das Reformationsjubiläum, haben die fünf Musiker Luthers Lieder musikalisch ins Hier und Jetzt verfrachtet, die Texte aber gelassen, wie sie sind. „Ein feste Burg ist unser Gott / ein gute Wehr und Waffen“, singt Ergenzinger zum modernen Rockbeat. Das Album wurde zum Auftakt des Luther-Jahrs in der Cannstatter Lutherkirche präsentiert, 30 Auftritte folgten.

Im Video erklären Ergenzinger und sein Bandkollege Kilian Mohns, was hinter dem Projekt steckt:

Wie viele junge Menschen infolgedessen zum ersten Mal den Luther-Klassiker „Ein feste Burg“ hörten, hat Martin Ergenzinger nicht gezählt. Aber er weiß, dass die Kirche, die Landeskirche zumal, ein Problem hat: Ihr kommen die Gläubigen abhanden und damit auch die junge Generation. Etwas mehr als zwei Millionen Mitglieder hat die Landeskirche derzeit, Ende der Neunzigerjahre waren es noch 2,4 Millionen.

Zeit für frischen Wind. Martin Luther sah das damals ähnlich. Als „Vater der Lieder“ wird er in einem Themenheft zu Reformation und Musik bezeichnet. Singen sollte die Gemeinde, das war sein Credo, damit wollte Luther die Herzen der Menschen erreichen. Deshalb erklangen im Gottesdienst sogar populäre Volkslieder – aber eben mit christlichen Texten.

500 Jahre später wird im Gottesdienst immer noch gesungen. Oft sogar die gleichen Lieder, also reichlich angestaubtes Zeug. Selbst der jüngste Hit hat mittlerweile mehr als fünfzig Jahre auf dem Buckel. „Danke für diesen guten Morgen“ war 1963 in den deutschen Charts, wurde in zwei Dutzend Sprachen übersetzt und hochironisch von der Winnender Punkband Normahl gecovert.

Doch selbst im schwäbischen Bible Belt lockt man mit dem „neuen geistlichen Lied“ – so nennt man Songs wie „Danke“ – keinen Jugendlichen mehr hinterm Smartphone hervor. Von „Stagnation und Ermattung, ja Krise“ schrieb der Theologe und Kirchenmusiker Peter Bubmann bereits vor einigen Jahren. Beat-Gottesdienste veranstaltet keiner mehr, Gemeindebands mit Keyboard und Flöte sind auch irgendwie oll, und Heavy Metal in der Kirche klingt nachweislich nicht gut.

Die Urban Life Church zeigt, wie’s geht

Was würde Luther tun? Er sah das mit der Einheit der Kirche nicht so eng, deshalb würde er bei der Urban Life Church vorbeischauen. Das ist der neue Name der Kornwestheimer Volksmission – einer jener Freikirchen, von denen der Jugendpfarrer und Musiker Martin Ergenzinger sagt, dass sie viel leichter „genau die Art von Musik im Gottesdienst spielen können, die die Leute hören wollen. Begnadete Musiker haben sie auch.“

Die Gemeinde trifft sich sonntagvormittags im Das K zum Gottesdienst. Der Ort vermittelt genau so viel Ambiente, wie es einem Konferenzzentrum möglich ist: null. Doch das macht den etwa 200 Anwesenden, die meisten in der ersten Hälfte ihres Lebens, nichts aus. Man herzt sich, man plaudert, und bevor es losgeht, holt man sich eine Cola an der Bar. Novizen kriegen sie sogar kostenlos.

„Service starts in 10, 9, 8 . . .“ Als die Ansage vom Band bei null ankommt, beginnt der hier als „Celebration“ bezeichnete Gottesdienst – mit einer halben Stunde Popmusik. Aus einer kräftigen Anlage dringen Songs im Stile englischsprachiger Pathosbands wie U2, nur dass man hier Gott zur Ehr singt. Praktischerweise werden die Liedtexte an die Wand projiziert. Ob sie auch auf der anderen Straßenseite, in der evangelischen Johanneskirche, so ausgelassen Gottesdienst feiern?

„Wir schauen auf den Sohn und erkennen den Retter“, singt die Gemeinde, viele heben selig die rechte Hand, eine lächelnde Frau tanzt barfuß am Rand. „Königlich strahlt dein Licht / Du bist ewiglich“, steht an der Wand. Der Bandleader Juri Friesen ruft „Komm, sing es laut!“, und die Gemeinde singt laut. Es folgen eine Power-Point-Predigt, mehr Lieder, ein vom Handy abgelesener Bibelspruch, und dann haben Juri Friesen und Markus Bürger Zeit zu reden.

Bürger trägt die Jeans modisch eng geschnitten mit offenem Knöchel, dazu ein schwarzes Shirt, Slim Fit. Der 37-Jährige ist hier der Pastor, er hat vor neun Jahren die darbende Volksmission übernommen und sie in die Urban Life Church verwandelt: ein Eventkonzept mit angeschlossenem Glaubensunterricht, spendenfinanziert und mit klar definierter Zielgruppe. Bürger sagt, seine Gemeinde wolle Menschen ansprechen, „die nicht in die Kirche gehen, die irgendwie aber schon glauben“. Die erreiche man eben mit Facebook, offenen Formaten und der richtigen Musik.

Das Video zeigt, wie der Gottesdienst bei der Urban Life Church abläuft:

Dafür hat Markus Bürger mit Juri Friesen einen profilierten Mitstreiter gewonnen. Friesen gründete einst die in Szenekreisen bekannte Outbreakband. Die hat sich auf Lobpreis spezialisiert, also hymnische Popmusik, in deren Texten Gott gefeiert wird. Jetzt sorgt Friesen bei der Urban Life Church für den zeitgemäßen Gottesdienstsound. „Viele denken, Kirche und Kultur müsse andächtig sein, weil sie es so gewohnt sind“, sagt er, „wir wollen aber die Kultur, in der wir leben, gewinnen. Die Inhalte bleiben gleich, die Form ändert sich.“ 2017, so sieht Juri Friesen das, ist es Zeit für Pop im Gottesdienst.

Es gibt auch Menschen, die es nicht so sehen. Studien der evangelischen Kirche zeigen, dass die älteren Gottesdienstbesucher moderne Musik ablehnen: zu wenig Tiefgang, klingt nicht so schön wie die Kirchenorgel. Ihre Stammgäste kann und will die Landeskirche nicht verprellen. Eventgemeinden wie die Kornwestheimer Urban Life Church jedoch oder Stuttgarter Formate wie das Gospel-Forum und der Jesustreff wenden sich explizit an Leute, die das Georgele langweilig finden. Also vor allem an die Jugend.

Man muss nicht in die Kirche gehen, um christliche Popmusik zu hören. Aber in eine Parallelwelt begibt man sich in jedem Fall. Sakropop wird auf christlichen Open-Airs wie dem Balinger Rockfestival gespielt – in der Schleyerhalle von Weltstars von Hillsong – oder bei den Zelttagen in Langenbrettach bei Heilbronn. Die dortige evangelische Gemeinde hat im Sommer ein Zelt aufgebaut und für den Jugendabend die Band Lichtfabrik gebucht, Selbstbeschreibung: „Partyrock mit Tiefgang“. Die Korntaler Band ist eine von zahlreichen Gruppen, die modernen Poprock spielen, auf Derbheiten aber verzichten – oder, mit den Worten des Musikjournalisten Frank Apunkt Schneider, „die Extase und Sexualisiertheit vom Pop rausrechnen“.

Zum aufgedrehten Sound von Lichtfabrik tanzt das junge Publikum in Langenbrettach Polonaise. In einem regulären Rockclub, das weiß die Band selbst, hätte sie keine Chance, gefeiert zu werden. Sie lebt von ihrem christlichen Image. Dabei kommt das Wort Gott in keinem ihrer Songtexte vor. „Es ist schwer, mit dem Christenlabel aus der Szene rauszukommen“, sagt der Gitarrist Daniel Hägele. „Solche Bands sind draußen immer die Frommen.“

Wie der Auftritt von Lichtfabrik verlief, zeigt unser Video:

Neben der christlichen Botschaft sei das „emotionale Gemeinschaftserlebnis“ wichtig, sagt die Siegener Theologin Veronika Albrecht-Birkner, die das Verhältnis von Pop und Kirche erforscht: „Diese Emotionalisierung ist zweifellos ein entscheidender Grund für den Erfolg gerade der Worship-Musik in den Freikirchen.“ In den Landeskirchen hingegen sind Kantoren für die Musik zuständig, Pop spielt in deren Ausbildung kaum eine Rolle. Bestenfalls wagen popmusikalisch aufgeklärte Jugendpfarrer wie Martin Ergenzinger mit der Kirchenjugend erste Gehversuche.

In Kornwestheim sind sie die Instrumente inzwischen eingepackt. Draußen steht Sara Klier und erzählt, warum sie lieber zur Urban Life Church geht als in ihre freikirchliche Heimatgemeinde im Hohenlohischen. „Wir glauben an einen Gott, der uns liebt. Diese Liebe kommt hier einfach krass zum Ausdruck“, sagt die 17-Jährige. Ihr gefalle, „dass die Musik modern ist und fetzig, aber auch eine Aussage hat, die dem Herz guttut“.

Der Kampf um den christlichen Nachwuchs ist längst im Gange, und viele junge Menschen finden Popgottesdienste eben cooler als die jahrhundertealte Luther-Liturgie. Dem Reformator würde das wahrscheinlich gefallen.

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